Christian Gollwitzer organisiert und bietet Wandertouren über die sozialen Medien an. dpa/Zinken

Bequeme Schuhe an, Trinkflasche eingepackt und los gehts, quer durch die Stadt oder auch nach Brandenburg. In der Coronazeit hat das Wandern in Berlin und Brandenburg einen neuen Boom erlebt, der auch viele junge Leute mitreißt. „Wandern ist das neue Clubbing“, meint Christian Tänzler, Sprecher von Visit Berlin.

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Soziale Netzwerke wie Instagram, Facebook und Co. sind voll von Wanderfotos und Routentipps. Und zunehmend werden diese Medien auch wieder das, was sie einst für viele Wanderbegeisterte waren: ein Ort für Verabredungen. „Unsere Facebook-Gruppe ‚Wandern in Berlin und Umgebung‘ drohte in der Pandemie schon zu einer reinen Fotogruppe zu werden“, sagt etwa Administrator Christian Gollwitzer.

Es war paradox: Gollwitzer bekam seit Beginn der Pandemie zwar mehr Beitrittsanfragen denn je. Pro Woche waren es mehrere Hundert Anfragen, und inzwischen sind es mehr als 15.000 Mitglieder. Doch da Treffen in Gruppen lange nicht möglich waren, wanderten viele Mitglieder allein und posteten lediglich schöne Fotos und Routenvorschläge.

Christian Gollwitzer (l) steht mit einem Wanderfreund auf einer Wiese in Grünau. dpa/Zinken

„Wir hoffen, dass es jetzt wieder losgeht und die Leute sich wieder mehr verabreden“, sagt der 42-jährige Physiker, für den das Wandern, gern schon mal sieben bis acht Stunden am Stück, ein idealer Ausgleich zur Arbeit vor dem PC und im Labor ist. Er ist hin und wieder in Berlin, am liebsten aber auf weniger ausgetretenen Pfaden in Brandenburg unterwegs. Wanderwege in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, wie etwa im Briesetal (Oberhavel) oder Löcknitztal (Oder-Spree) seien keine Geheimtipps mehr. Es lohne sich, etwas mehr Fahrzeit in Kauf zu nehmen, so Gollwitzer.

Berlin hat  20 grüne Hauptwege. Die markierte Strecke umfasst ein Netz von fast 600 Kilometern

Auch Wanderer, die in Vereinen organisiert sind, starten jetzt wieder langsam gemeinsam. „Es sind wieder einige Freiheiten entstanden, die zumindest das Wandern in Kleingruppen erlauben“, sagt der Sprecher des Berliner Wanderverbands, Bernd Faehling. Vor der Pandemie seien Touren mit einigen Hundert Teilnehmern keine Seltenheit gewesen.

Die 19 Wandervereine unter dem Dach des Wanderverbands haben demnach rund 2100 Mitglieder. Die Zahl der Mitglieder sei in der Pandemie stabil geblieben. „Die jungen Leute brauchen heute keinen Verein mehr. Ihnen reichen die sozialen Netzwerke für Verabredungen“, so Faehling, der auch selbst viel im Netz unterwegs ist, Touren und Bilder postet.

Berlin und Brandenburg seien ideale Wandergebiete. „Berlin hat zum Beispiel 20 grüne Hauptwege“, so Faehling. Die markierte Strecke umfasst laut Umweltverwaltung ein Netz von fast 600 Kilometern.

In Berlin sei für viele Wanderer gerade die Mischung aus Grün und Urbanität so reizvoll, sagt Christian Tänzler. Das Blog von Visit Berlin bietet zum Beispiel Vorschläge für elf Wandertouren, darunter Havelhöhenwanderweg, Wuhletalweg oder das Tegeler Fließ. „Es tut sich viel. Am Pankewanderweg wurde gerade ein neues Stück eröffnet“, so Tänzler. Sogar Höhenmeter lassen sich demnach in Berlin machen – bei der Berliner Gipfeltour durch drei Bezirke können Wanderer immerhin 350 Höhenmeter überwinden.

Am Mellensee/OT Sperenberg: Die Landschaft mit Wanderweg bei den ehemaligen Sperenberger Gipsbrüchen. dpa/Stache

Es müssten auch nicht immer unbedingt ausgewiesene Touren sein, sagt Reisebuch-Autorin Ulrike Wiebrecht aus Berlin („Die besten Wanderungen rund um Berlin“). Sie habe die Stadt durch ausgedehnte, stundenlange Touren noch besser kennengelernt, indem sie pandemiebedingt einfach auf S- und U-Bahn verzichtete. „So bin ich zum Beispiel unter anderem von Friedenau nach Prenzlauer Berg gegangen“, so Wiebrecht. Auch in ihrem Bekanntenkreis seien viele Berliner seit der Pandemie deutlich mehr auf den Beinen.

Wegen Corona steigt das Interesse am Wandern

Wandern in der Heimat liegt schon seit Jahren im Trend, bekam aber nun nochmals einen Schub. Diesen greift auch der Verlag Lonely Planet auf, und zwar mit dem gerade erschienen Reiseführer „Legendäre Wanderrouten in Deutschland: 40 unvergessliche Wanderrouten zwischen Alpen und Meer“. Zu den schönsten Touren zählen die Autoren auch den Berliner Mauerweg, den Märkischen Landweg und den 66-Seen-Wanderweg rund um Berlin.

In Brandenburg sei das Wandern am Wasser entlang besonders beliebt, sagt die Sprecherin der Tourismus-Marketing Brandenburg, Birgit Kunkel. „Schon seit einigen Jahren ist spürbar, dass das Interesse steigt. Durch Corona gab es noch einmal einen Schub“, bestätigt auch Kunkel den Trend.

Viele Regionen hätten sich darauf eingestellt und bauten die Wegenetze aus. Und inzwischen könnten die Wanderer auch die Infrastruktur wie Cafés und Restaurants entlang der Wege wieder nutzen. „Es gibt wieder Licht am Ende des Tunnels“, so Kunkel.