Mit Eisbären aus Stoff und vielen Fotos: Bei Karin Gude-Kohl lebt Eisbär Knut weiter, der vor zehn Jahren im Berliner Zoo starb. Foto: Engelsmann

Wie an jedem 19. März wird sich Karin Gude-Kohl auch dieses Jahr auf dem Weg von Neukölln nach Spandau machen. Ihr Ziel ist der Friedhof In den Kisseln, wo ein weißer Grabstein an einen tierischen Berliner Weltstar erinnert. Ganz präzise bereitet Gude-Kohl diesen Besuch vor. „Ich muss zum Friseur, dann Blumen holen“, sagt die 77-jährige Neuköllnerin. Den Trauerflor für die Jacke darf sie nicht vergessen. Auch nicht, dass sie ein Croissants mitnehmen muss. „Das war doch die Lieblingsspeise von ihm“, sagt Gude-Kohl. Von Knut aus dem Berliner Zoo, dem berühmtesten Eisbären der Welt, dessen Todestag sich am Freitag zum zehnten Mal jährt. Doch für ihn, den einst Millionen Menschen liebten, wird es keine Gedenkfeier geben.

Der 19. März 2011 hat sich fest in das Gedächtnis der Neuköllnerin eingebrannt. Sogar die genaue Uhrzeit weiß sie noch, als Knut im Alter von vier Jahren an einem sonnigen Sonnabend vor den Augen von bis zu 700 Zoo-Besuchern plötzlich ins Wanken geriet, ins Wasserbecken der Eisbäranlage fiel und ertrank. „15.20 Uhr war es“, sagt die Frau, die zum harten Kern der Berliner Knut-Fans zählt.

Zu jenen, die einst ständig vor dem Gehege des Bären anzutreffen waren, um stets ihren Liebling nahe zu sein. Nur als er starb, war Gude-Kohl nicht im Zoo. „Zum Glück“, sagt sie, „sonst wäre ich ihm noch vor lauter Schmerz hinterhergesprungen.“ Was passiert war, erfuhr Gude-Kohl durch den Anruf eines Bekannten. Seit dem trauert sie um den Eisbären wie um einen guten Freund. Noch immer kommen ihr die Tränen, wenn sie von „ihrem“ Knut erzählt.

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Im Wohnzimmer von Gude-Kohl lebt der Eisbär weiter. Etwa auf Fotos, die ihn im ersten Lebensjahr zeigen und damals Millionen Menschen begeisterten. Zum Knuddeln süß sieht da Knut mit seinem schneeweißen Fell und seinen niedlichen schwarzen Knopfaugen aus, als wäre er ein Eisbär aus Stoff, wie die beiden, die bei der Neuköllnerin auf der Couch sitzen. Als Gude-Kohl im Dezember 2006 die Bilder des gerade geborenen Eisbären sah, der so klein und zerbrechlich wirkte, war er für sie fortan ein Stück Lebensglück. „Damals war mein Mann an Krebs erkrankt und es war klar, dass es für ihn keine Rettung gab“, sagt sie. „Das Eisbärbaby aus dem Zoo gab mir Kraft, Halt und Trost. Als mein Mann starb, gab es für mich nur noch Knut.“

Viele Fotos schmücken das symbolische Grab von Knut auf dem Spandauer Friedhof. Foto: Wächter

Gude-Kohl liebt besonders die Fotos, die Knut beim Herumtollen mit seinem nicht weniger berühmten Pfleger Thomas Dörflein zeigen, der 2008 an einem Herzinfarkt starb. „Sie waren das Traumpaar, die mit ihren Shows im Zoo die Menschen erfreuten“,  sagt sie. Daher ist es kein Zufall, dass auf dem Spandauer Friedhof sich der Knut-Gedenkstein direkt neben dem Grab von Dörflein befindet. Gude-Kohl ließ ihn 2012 für 4000 Euro anfertigen, kaufte mit Hilfe einer Ausnahmegenehmigung die dazugehörige Grabstelle für 200 Euro dazu, auf dem der Stein steht. Für wahre Knut-Fans ist der Ort zur Pilgerstätte geworden. „Noch immer reisen sie aus ganz Deutschland und dem Ausland hierher, um Knut an seinem Todestag zu Gedenken“, sagt Gude-Kohl. „Nur in diesem Jahr wird wegen Corona wohl kaum einer kommen.“

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Die Pandemie lässt auch eine Gedenkfeier im Zoo nicht zu. Dort erinnert ein Bronze-Denkmal an Knut. Es steht etwa 30 Meter von der Eisbärenanlage entfernt, auf der der Zoo-Star vor zehn Jahren starb und auf der nur noch die 36 Jahre alte Eisbärin Katjuscha lebt. Das Kunstwerk des Nürnberger Bildhauers Josef Tabachnyk, das Knut träumend zwischen zwei Eisschollen darstellt, gibt es seit 2013 dank des Fördervereins der Hauptstadtzoos, der Spenden dafür sammelte. „Noch immer legen hier Besucher Blumen hin“, sagt Heiner Klös, der als Raubtier-Kurator auch für den Eisbär-Star zuständig war.

Mit Knuts Tod ging für den Berliner Zoo eine unwiederbringliche Ära zu Ende. „Die Zeit mit ihm wird keiner  vergessen“, sagt Klös. „Dass ein Zoo-Eisbär wie ein Pop-Star gefeiert wurde, war einmalig und wird sich so nicht mehr wiederholen.“ Über elf Millionen Menschen sahen Knut 2007 bis 2011 im Zoo. Busse aus allen Teilen Europas chauffierten Menschen zu dem ältesten deutschen Tiergarten. Es reisten Amerikaner und Japaner an, die wegen eines Eisbären Urlaub in Berlin machten. Um ein Drittel stieg die Zahl der Zoo-Besucher an. Bereits 2007, im ersten Knut-Jahr, machte der Zoo einen Gewinn von über elf Millionen Euro. „Die Menschen standen oft schon vor Zoo-Öffnung in großen Warteschlangen am Eingang“, erinnert sich Klös. „Kaum auf dem Gelände, eilten sie zum Gehege, um die besten Plätze zu ergattern. Sie kamen, sahen nur Knut. Kaum einer interessierte sich noch für die anderen Tiere. Wir mussten sogar Besucher aus dem Zoo holen, die sich abends einschließen ließen oder durch eine Lücke im Zaun auf das Gelände kamen, damit sie bei Knut sein konnten.“

Tierarzt André Schüle (li.) und Raubtier-Kurator Heiner Klös am Knut-Denkmal im Zoo. Foto: Engelsmann

Der kleine Eisbär wurde zum Markenprodukt. Souvenirs, Spiele, Stofftiere, Bücher oder DVDs mit und über Knut sorgten für Mehreinnahmen. In der Popularität des Tieres sonnten sich Stars. Thomas Gottschalk kam, um sich mit Knut ablichten zu lassen. Frank Zander nahm mit „Hier kommt Knut“ seinen alten Hit „Hier kommt Kurt“ neu auf. „Mit Knut war der Berliner Zoo plötzlich weltweit im Gespräch. Er ebnete uns den Weg in die Medienwelt des 21. Jahrhunderts “, so Klös.

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Nicht nur Fernsehen, Radio, Zeitungen berichteten ständig über Knut. Der Eisbär war stets auch im Internet auf Fanseiten oder auf Facebook mit Fotos und Videos der Zoo-Besucher präsent. Jede Bewegung von Knut wurde zum Ereignis. „Als er im März 2007 erstmals im Freien gezeigt wurde, kam die Weltpresse, TV-Stationen sendeten live“, sagt Klös. „Ein US-Reporter, der sonst aus Kriegsgebieten berichtete, erklärte mir das ungewöhnliche Interesse. Dank Knut könne man wieder den Menschen positive Geschichten erzählen, sagte er.“ Der Eisbär schaffte es sogar auf die Titelseite der „New York Times“.

Eisbär Knut und sein Tierpfleger Thomas Dörflein Foto: Imago/Stock & People

Die Story nahm am 5. Dezember 2006 ihren Anfang, als mit Knut und seinem Zwillingsbruder erstmals nach 33 Jahren wieder Eisbären im Zoo geboren wurden. „Es waren die tragischen Begleitumstände, die sofort das Interesse auf uns lenkten“, sagt Zoo-Tierarzt André Schüle, der bei Knuts Geburt und Aufzucht dabei war. „Eisbärenmutter Tosca, ein Tier aus dem einstigen DDR-Staatszirkus, hatte ihre Jungen verstoßen.“ Der Zoo entschloss sich, nach dem ein Jungtier verstorben war, Knut von Menschenhand aufzuziehen. Und Schüle filmte mit einer Kamera des RBB-Fernsehens, wie Pfleger Dörflein stets bei dem Kleinen war, ihn mit der Milchflasche fütterte, deren Inhalt aus handelsüblicher Milch für Hundewelpen und Maissirup aus dem KaDeWe bestand. Die Bilder gingen um die Welt.

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„Ich glaube, bis dahin hatte man die Aufzucht eines Tieres, die Beziehung, die zwischen ihm und einem Menschen entstand, noch nie so nah verfolgen können“, sagt der Tierarzt. Dafür sorgten später auch die beliebten Knut-Shows mit dem Pfleger. „Dank Knut begannen damals die Menschen wieder, sich mehr für die Eisbären und dem Klimawandel zu interessieren, der den Lebensraum dieser Tiere zerstört und damit den Fortbestand ihrer Art bedroht“, sagt Kurator Klös. Knut wurde symbolisch zum Umweltbotschafter. Sein Pate war der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD).

Das Thema Artenschutz gehöre seit Knut mit zu den Aufgaben eines jeden modernen Zoos. „Durch die Nähe zu dem Tier lernten auch wir Biologen und Zoologen mehr über die Eisbären und ihrem Verhalten“, sagt Klös. Das käme der heutigen artgerechteren Haltung dieser Tiere zugute. Anders als zu Knuts Zeiten, wache nun das Europäische Zuchterhaltungsprogramm über die Eisbärenhaltung in den Tiergärten. Dennoch werden die Tierschutzaktivisten von Peta den zehnten Todestag von Knut für ihre Zwecke ausnutzen. Am Freitag wollen sie vor dem Berliner Zoo aufmarschieren, um gegen die Eisbärhaltung in den Tiergärten zu protestieren.

Thomas Gottschalk und Gummibärchen-Hersteller nutzen Knut als Star, überreichten 2007 dem Zoo einen Scheck über  40.000 Euro. Foto: Imago/Pop-Eye

Dabei käme etwa eine Handaufzucht und einer dadurch folgenden Vermenschlichung eines Tieres heute kaum noch infrage. „So niedlich auch Knut erschien, darf man dabei nicht vergessen, dass er ein Raubtier mit eigenen Lebensregeln war“, sagt Tierarzt Schüle. Auch er war über Knuts frühen Tod schockiert, dessen Ursache eine seltene Autoimmunerkrankung war, wie erst Jahre später herauskam. „Dennoch war ich überrascht, dass um ein Tier wie um einen verstorbenen Menschen getrauert wurde“, sagt Schüle.

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Knut-Fans wie die Neuköllnerin Karin Gude-Kohl sehen das natürlich anders. Für sie wird der tote Eisbär, der seit 2014 präpariert im Naturkundemuseum zu sehen ist, weiter der Zoo-Star bleiben, den alle auf der Welt liebten. „Diese Liebe hat auch zehn Jahre nach seinem Tod nicht aufgehört“, sagt Gude-Kohl. „Ich bin vom Knut-Virus infiziert. Dagegen kann keiner was machen.“