Selbstgemachtes ist zum Statussymbol geworden.  Foto: Dajana Rubert / Berliner KURIER

2012 war für mich das Jahr, das vieles änderte. Als Sport-Reporterin war ich gerade von den Olympischen Spielen in London zurück, bummelte freie Tage ab, als mir beim schwedischen Möbelriesen sprichwörtlich eine Nähmaschine ins Auge sprang. Mein Bruder war dabei. Der lachte nur, als ich das Ding zielsicher in den Wagen katapultierte. Zwei Meter Stoff dazu, vier Rollen Garn. Ich hatte eine klare Vision: Ich lerne Nähen.

Als ich ihm am nächsten Morgen stolz meine fertige Einkaufstasche zeigte – ich hatte einfach mal drauflosgenäht – staunte er nicht schlecht. Was folgte, waren Wochen, in denen keinen Abend die Maschine stillstand. Etliche Nervenzusammenbrüche wegen gerissener Fäden. Und das Flehen an den Weihnachtsmann: Schenk‘ mir eine ordentliche Nähmaschine, bitte! Aber dazu an anderer Stelle mehr. Später machte ich mich selbstständig mit dem Nähen, meldet das Gewerbe aber auch irgendwann wieder ab. Ich war in Probenähen dabei - diese Gruppen, in denen neue Schnitte vor der Veröffentlichung auf Herz und Niere getestet werden - und nähe die komplette Garderobe meiner Tochter selber. Kurzum: Nähen ist seitdem mein liebstes Hobby.

Dabei wurde mir das learning by doing wirklich leicht gemacht. Die Entdeckung meiner Leidenschaft fiel mit dem Beginn des Näh-Booms zusammen. YouTube-Videos habe ich zwar nie geschaut, aber diverse E-Books unzähliger Designer ebneten mir den Weg. Nach und nach eröffneten hier und da neue Stoffgeschäfte. Ich lernte Menschen kennen, mit denen ich meine Leidenschaft teile. Und selbst meine Mutter habe ich mittlerweile infiziert.

Vom Do-it-yourself zum Do-it-together

Überhaupt ist Nähen längst nicht so einsam wie es klingt. Die Handarbeits-Szene hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Sie ist jünger, modischer und vielfältiger geworden. Laut Makerist, dem größten deutschen Portal rund ums Selbermachen, nähen, stricken oder häkeln rund 18 Millionen Deutsche. Das sind 7 Millionen mehr als laut Statistik der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse ab und an Fußballspielen.

Und die Szene ist vernetzt. Online, aber auch in der realen Welt, entstehen Freundschaften. Gleich und gleich gesellt sich gern. Fast zwei Drittel der Frauen in Deutschland machen zumindest ab und zu Handarbeit. Das ist ein Ergebnis einer repräsentativen Studie der GfK Nürnberg. Am häufigsten ausgeübt, nämlich zu 40 Prozent, wird das Nähen.

„Die Faszination am Selbermachen ist das Tun selbst. Es hat meditativen Charakter. Etwas mit den Händen selbst fertigzustellen ist ein gutes Gefühl“, sagt Angela Probst-Bajak von der Initiative Handarbeit, die die Studie in Auftrag gegeben hat.

Ein Ausgleich zum Alltagsstress

Wie Recht sie hat. Auch für mich ist Nähen der perfekte Ausgleich zu Job und Kind. Damit geht es mir wie gut einem Drittel der nähenden Deutschen (36,1 Prozent), die angeben, dabei vom Alltagsstress abgelenkt zu werden. Klar, professionelle Ergebnisse sind wichtig. Vor allem aber zählt beim Selbermachen der Spaß am Projekt.

„Ich denke, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und damit das Selbermachen genau zu diesem Thema passt. Von daher gehen wir von einem stabilen Markt auf hohem Niveau in den kommenden Jahren aus“, sagt Angela Probst-Bajak. Der Boom ist abgeflacht. Die riesigen Umsatzsteigerungen der letzten Jahre werden sich am oberen Ende der Kurve stabilisieren.

Übrigens: Am liebsten nähen, stricken oder häkeln die Befragten der Studie Bekleidung für Erwachsene (43 Prozent) und Accessoires für ihr Zuhause (34 Prozent). Auf Platz 3 folgt Bekleidung für Kinder (31 Prozent). Eine Ausnahme machen nur die ganz jungen Handarbeiterinnen: Die 14- bis 19-Jährigen machen vor allem Accessoires. Ich würde mich in dieser Hinsicht zu den „Alles-Nähern“ mit Hang zur Kinderkleidung zählen. Das neue Hochbett braucht einen maßgeschneiderten Einhorn-Höhlen-Vorhang? Kein Problem. Der Schneeanzug auf dem letzten Jahr passt nicht mehr? Super, ich nähe einen neuen? Ich brauche ein neues Shirt? Aber bitte!

Als Pippi Langstrumpf vor 50 Jahren im deutschen Fernsehen einen Titelsong bekam, machte sie sich die Welt, widewide wie sie ihr gefällt. Ein schöner Spruch. Im Grunde sind wir Nähverrückte ja alle ein bisschen wie Pippi.