Kinder können wegen der Coronakrise derzeit nicht zur Schule gehen. Experten fürchten einen Anstieg häuslicher Gewalt. Die Jugendämter sind gewarnt.

Die Schulen und Kitas sind zu, ungezwungene Ausflüge momentan kaum möglich. Experten gehen davon aus, dass sich in dieser Situation die Fälle häuslicher Gewalt häufen. Die Jugendämter sehen erste Tendenzen und versuchen flexibel auf die neue Lage zu reagieren.

Konkrete Zahlen könne es zwar frühestens in einem Jahr geben, sagte Lorenz Bahr, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAG), und doch sei im Zuge der Corona-Krise ein Anstieg sogenannter Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen – vor allem im städtischen Raum.
Eine Umfrage der BAG in der vergangenen Woche bei den Landesjugendämtern in Deutschland hat demnach ein entsprechendes Bild ergeben. Er persönlich wisse aus einzelnen Städten in Nordrhein-Westfalen, von mehr Inobhutnahmen, sagte Bahr.

Die Inobhutnahme gilt als stärkste Schutzmaßnahme bei Kindeswohlgefährdung. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2018 rund 7800 Kinder vom Jugendamt vorläufig in Obhut genommen. Neuere Daten gibt es noch nicht. Bei 53 000 Kindern und Jugendlichen stellte das Jugendamt fest, dass zwar keine Kindeswohlgefährdung vorliegt, die Familien aber dennoch Hilfe und Unterstützung brauchen – etwa Erziehungsberatung.

Kontakt zu Familien, die bereits vom Jugendamt betreut werden, darf nicht abreißen

Die Jugendämter seien alle gut vorbereitet und gewappnet für die momentane Situation. Teilweise sei auch Verstärkung aus anderen Bereichen geholt worden. „Zum Beispiel unterstützen Mitarbeiter aus Kitas die Jugendämter dabei, Familien telefonisch zu kontaktieren.“ Die Ämter seien voll erreichbar und gingen jedem Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung nach, sagte Bahr.

Experten sorgen sich in der Corona-Krise zunehmend vor einem Anstieg von häuslicher Gewalt. Hintergrund sind die seit inzwischen drei Wochen andauernden Schul- und Kitaschließungen verbunden mit weitgehenden Ausgangsbeschränkungen. Die Jugendämter reagieren darauf mit flexiblen Lösungen: Vormalige Mitarbeiterteams sind jetzt auch getrennt unterwegs, um die Infektionsgefahr zu minimieren. Es gebe Video-Chats und Hausbesuche am Fenster. Entscheidend sei, dass der Kontakt zu Familien, die bereits vom Jugendamt betreut werden, nicht abreiße. „Gerade dort, wo schon vor Corona hoher Unterstützungsbedarf bestand, ist besondere Aufmerksamkeit geboten“, so Bahr. (dpa)