Henriette Giersberg war für ein Jahr in Ruanda. Sie hat an einer Schule Englisch unterrichtet – und manchmal auch „das Weite“ gesucht. Foto: zVg

Ausbrechen wollen sie, ausbrechen aus ihrer wattierten Welt, ihre anhänglichen Eltern einmal abschütteln und sich ganz allein durchschlagen. Ja, auch sie träumen von einem anderen Leben; aber anders als die Hippies in den 70er-Jahren sind die Abiturienten nur Aussteiger auf Zeit.

Emil zum Beispiel. Er hat als Deutscher mit seinen Eltern ein paar Jahre in Brasilien gewohnt, in einem Viertel von Rio de Janeiro, wo in gepflegten Gärten Springbrunnen dahinplätscherten. Dass Brasilien ein Land der eskalierenden Gewalt ist, das wusste er nur aus der Zeitung. Doch nach dem Abi wollte er das andere Brasilien kennenlernen. Deshalb bewarb er sich bei der Freiwilligenorganisation „weltwärts“ und zog für ein Jahr in eine der ärmsten Favelas von São Paulo. Dort hat er sich um Straßenkinder gekümmert. Er hat mit ihnen Fußball gespielt, Hausaufgaben gemacht und von Deutschland erzählt.

„Gap Year“ heißt das Zauberwort

„Ich habe viel mehr von den Kindern gelernt als die Kinder von mir“, sagt Emil. „Ich habe gesehen, wie wenig man braucht, um zu leben, aber auch, wie wichtig es ist, zu teilen.“

Wenn Emil abends in sein Wohnheim kam, kochte er sich Nudeln und wusch seine Wäsche. Vorher hatte das seine Mama für ihn gemacht. Emil war glücklich, diese Dinge jetzt selbst zu übernehmen. Zu seinen Eltern hat er ein gutes Verhältnis; gerade deshalb versuchte er, sich so selten wie möglich zu melden. Wenn er nicht zu müde war, lernte er bis Mitternacht Portugiesisch oder ging ins Internet, um sich die Webseiten von verschiedenen Universitäten anzusehen. Damals hatte Emil noch keine Ahnung, was er studieren sollte und brauchte Zeit, um nachzudenken.

Den Wunsch nach Entschleunigung der Bildungsbiografie teilt Emil mit vielen jungen Leuten. „Gap Year“ („Lücken-Jahr“) heißt das Zauberwort dieser Generation, es beschwört und bändigt all ihre Nöte, Ambitionen und Sehnsüchte. Bei einer Umfrage des Trendence-Instituts unter 21.000 Schülern wollten nur 44 Prozent direkt nach dem Abitur ein Studium aufnehmen. 56 Prozent planten zunächst ein Jahr Pause, die große Mehrheit von ihnen im Ausland.

Waisenkinder im Nikolaushaus in Bukoba, Tansania. Die Deutsche Stephanie Köster gründete die Einrichtung. Foto: BKU

Vielfalt der Möglichkeiten

Zugegeben, die Wahl des Studienfachs ist von einer gewissen existenziellen Tragweite. Aber warum fällt sie den Abiturienten heute so ungeheuer schwer?
Ein wichtiger Grund ist G8, die Verkürzung der Gymnasialzeit: Der Stoff muss in weniger Zeit gebüffelt werden. Der Unterricht reicht bis tief hinein in die Nachmittage, für ein außerschulisches Leben bleibt kaum noch Atem. Außerdem sind die Schüler einfach jünger und fühlen sich mit ihren siebzehn Jahren oft nicht reif für den Schritt an die Universität.

Früher haben die Eltern oft die Ausbildung ihrer Kinder bestimmt. Heute verfolgen sie lieber einen individualistischen Ansatz, und als Sohn oder Tochter ist man sozusagen dazu verurteilt, frei zu sein.

Hinzu kommt die Vielfalt der Möglichkeiten, die oft eine lähmende Wirkung hat. Allein in Deutschland werden 10.000 grundständige Studiengänge angeboten. Aber welcher ist der richtige?

Fremdsprachen und interkulturelle Erfahrungen

Die Explosion der Optionen steigert die Angst, sich falsch zu entscheiden, die Gier, alles auf einmal zu wollen, und erschwert, sich mit einer einzigen Studienrichtung zufriedenzugeben. Mit dem Wohlstand wachsen die Ansprüche: Das Studium muss hinführen zu einem Job, in dem man gut verdient, sich selbst verwirklicht – und außerdem ganz nebenbei noch die Welt rettet. Hier zeigten sich der flammende Idealismus der Bewegung „Fridays for Future“, aber auch eine mächtige Prägung durch die Konsumgesellschaft.

Viele Eltern der deutschen Mittelschicht sind nach dem Pisa-Schock in eine Art Bildungspanik verfallen, ständig besorgt, dass die eigenen Kinder nicht gerüstet sein könnten für den internationalen Arbeitsmarkt. Die heutigen Abiturienten haben also ein überdeutliches Bewusstsein dafür, dass sie in eine gute Ausbildung investieren, Fremdsprachen beherrschen und über interkulturelle Erfahrungen verfügen sollten. Diesen Auftrag haben sie verinnerlicht und deshalb denken sie selbst bei den wildesten Gap-Year-Projekten daran, wie das hinterher wohl auf ihrem Lebenslauf aussieht.

Grand Tour für die Mittelschicht

Die Idee eines Lückenjahres ist nicht neu. Schon seit der Renaissance existiert die Tradition der „Grand Tour“, einer Bildungsreise für die Söhne des europäischen Adels und des gehobenen Bürgertums durch Südeuropa oder ins Heilige Land. Sie sollte der Erziehung der Zöglinge den letzten Schliff geben, Wissen und Sprachkenntnis vertiefen, für neue Eindrücke und wohl auch für das Erlangen einer gewissen erotischen Erfahrung sorgen.

Nur wenige konnten sich so etwas leisten. Heute ist die Grand Tour für immer größere Teile der deutschen Mittelschicht in Reichweite. Eine erstaunliche Entwicklung, die unseren Wohlstand und das bereits erreichte Ausmaß der Globalisierung sichtbar macht. Neu ist, dass inzwischen auch junge Frauen die Chance haben, so ihren Horizont zu erweitern. Sie gehen als Au-pair nach Kanada, machen work & travel in Australien, unternehmen eine Rucksackreise nach China.
Während diese Varianten der Grand Tour vorwiegend der Selbstoptimierung dienen, hat das freiwillige soziale Jahr auch den Impuls des Helfenwollens. Ich kenne junge Erwachsene, die sich um Waisenkinder in Tansania kümmern, um Schwerbehinderte im Libanon und um Flüchtlinge auf Sizilien.

Einmal in der Woche sang Carlotta im Nikolaus-Chor, auf Kirchenbänken im Freien, ohne Noten. Die Liedtexte in Kisuaheli schrieb sich jeder zuvor auf kleine weiße Zettel. Foto: BKU

Wertvolle Einsichten

Sogar der Staat engagiert sich, wenn das Gap Year mit sozialer Arbeit kombiniert wird. Der Freiwilligendienst „weltwärts“ wird zum Beispiel vom Bundesministerium für Entwicklung finanziert. Seit Gründung im Jahr 2008 sind 40.000 Freiwillige ausgeschwärmt, um anderen und natürlich auch sich selbst bei der Entwicklung zu helfen.

Manche spotten, das sei doch nichts weiter als ein „Egotrip ins Elend“. Gut ausgebildete Helfer könnten viel mehr ausrichten als Leute, die frisch von der Schule kommen. Aber eine groß angelegte Evaluierung von „weltwärts“ zeigt, dass die Abiturienten durchaus Sinnvolles leisten können und wertvolle Einsichten in ihre Heimatländer zurücktragen.

Doch weder Grand Tour noch soziales Jahr garantieren eine Klärung in der anstehenden Studienfach- und Berufsfrage. Man muss nicht wie die Tochter eines befreundeten Architekten-Paares auf einem Gipfel des Himalaja das Aha-Erlebnis haben: Ich werde Umwelttechnik studieren! Manchmal kommt die Erleuchtung, meistens nicht.

Gap Year im Elternhaus

Und dann stehen die Backpacker nach einem Jahr wieder am Berliner Flughafen, von den erleichterten Eltern in Empfang genommen, und wissen immer noch nicht, was sie studieren wollen. Oft reicht es nicht, irgendwo im Abseits über das richtige Studienfach zu grübeln. Man braucht Informationen, Gespräche mit Menschen, die sich auskennen.

Wenn man nicht weiß, ob man nun Geschichte oder Volkswirtschaftslehre studieren will, dann sollte man beides ausprobieren. Eine soziale Arbeit ist gut, hilft da aber nicht unbedingt weiter. Es sei denn, es gibt einen direkten Zusammenhang – zum Beispiel, wenn eine junge Frau durch Care-Arbeit in einem Kinderheim herausfindet, dass sie gerne Sonderpädagogik studieren würde.

Nicht alle, die den Mut zur Lücke haben, gehen auf Reisen. Manche bleiben auch einfach zu Hause und genießen nach dem Turbo-Abi das Nichtstun. Doch Vorsicht! Das Couch-Potato-Dasein mit Zeit im Überfluss und mit Tagen ohne Plan, Struktur und sinnvolle Aufgaben hat seine Tücken. Das zeigt das Buch der 19-jährigen Olga Rogler mit dem sprechenden Titel „Jetzt chill ich erst mal und dann mach ich NICHTS.“ Dort beschreibt sie ihr Gap Year im Elternhaus, wie sie ihre Planlosigkeit zunächst genießt, dann in eine kleine Depression verfällt, spät aufsteht und nächtelang Netflix-Serien sieht.

Generation Gap: Behütet und verwöhnt?

Für die Eltern von Olga ist dieser Zustand bisweilen schwer auszuhalten. Sollen sie ihre Tochter in Ruhe lassen oder ihr helfen, etwas Vernünftiges zu organisieren? Sollen sie ihr gar einen Ausbildungsweg diktieren, damit sie die Chance hat zu rebellieren?

Die Generation Gap ist eine behütete und ja, vielleicht auch etwas verwöhnte Generation. Sie darf seit frühster Kindheit mitdiskutieren, hat eine beeindruckende Selbstständigkeit des Denkens und Meinens ausgebildet, ist aber eher hilflos im praktischen Handeln. Selten haben die jungen Leute Weisungen empfangen, selten zu Hause mitgeholfen. Eigentlich fanden sie nichts dabei, sich von ihren Eltern bis ins späte Teenie-Alter bedienen zu lassen.

Im Dienst der Gemeinschaft

Zugleich ahnen sie, dass es eine Befreiung sein könnte, selbst einmal zu dienen, sich im Dienst einer größeren Gemeinschaft als nützlich und kompetent zu erleben. Denn im Gefolge von G8 kam nicht nur eine Verkürzung, sondern auch eine Verflachung von Schule. Die sorgt dafür, dass unsere Kinder es nach dem Abi erst einmal gründlich satthaben, Fertig-Wissen in sich hineinzustopfen. Sie hungern danach, als ganze Menschen gefordert zu sein.

Nichts wünschen sie sich sehnlicher, als sich einmal durchschlagen zu dürfen in einem entlegenen Winkel dieser Erde, wo die Tentakel der elterlichen Zuwendung sie nicht erreichen. Lassen wir sie ziehen!