Cracker, Dip und Gemüse. Je vielfältiger die Essensboxen, desto gern wird der Inhalt von den Kinder verputzt. Auf Facebook tauschen Eltern ihre Ideen aus. Foto: Fabian Sommer

Geschnitztes Obst und Gemüse, Würstchen mit lustigen Augen, Brote und Käse in Sternchenform und herzförmige Eier, hübsch verpackt in bunten Boxen mit vielen kleinen Unterfächern. Die gute alte Stulle in der klassischen Brotdose hat ausgedient, zumindest bei den Fans von so genannten Bento-Boxen. Einige von ihnen zeigen auch gern im Internet Fotos von wahren Kunstwerken, die sie ihren Kindern mitgeben oder auch für die eigene Pause vorbereiten. Bento, das steht für viele kleine Speisen in einer Box. Der Trend kommt aus Japan. Dort ist es üblich, Essen für unterwegs so zu verpacken. Japanische Mütter lernen sogar in Kursen, wie sie Fisch, Reis, Gemüse & Co. für ihre Kinder möglichst geschmackvoll anrichten.

„In Japan ist Bento Alltag. In jedem noch so kleinen Bahnhof kann man auch fertige Boxen kaufen“, sagt Katrin Tiede. Die Inhaberin eines japanischen Lebensmittel- und Feinkostladens in Friedrichshain bietet neben Boxen auch Bento-Kochkurse an. „Zu mir kommen Angestellte, Arbeiter und Handwerker, die einfach einmal etwas anderes wollen als das typische Pausenbrot.“ Das kommt auch Nicole Zahran nicht mehr in die Box. Sie gestaltet jeden Morgen für ihre beiden Kinder liebevolle Mahlzeiten. „Die Art, wie wir unsere Kinder ernähren hat einen neuen Punkt erreicht hat – Essen soll nicht nur gesund sein, sondern möglichst auch ästhetisch angerichtet sein und alle Sinne ansprechen“, sagt die 37-jährige Berlinerin.

Nicole Zahran (37) aus Berlin bereitet für ihre Kinder Bento-Boxen  vor.  Foto: Fabian Sommer

Sie kennt es nämlich, wenn verschmähte Stullen abends im Müll landeten. Die dreifache Mutter Sabine Elvert aus Stahnsdorf in Brandenburg gründete 2016 eine Facebook-Gruppe für Boxenfreunde, um Ideen und Anregungen zu bündeln. Inzwischen hat die Gruppe fast 20.000 Mitglieder. „Der Bento-Trend schwappt immer mehr zu uns herüber“, so Elvert. „Wenn eine Box dazu dient, dem Kind sehr viel Vielfalt anzubieten, dann ist das sehr begrüßenswert. Je mehr ein Kind probieren kann, desto besser“, sagt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop. „Es sollten aber nur Dinge in der Box sein, die das Kind auch wirklich mag“, betont er. Die Fernsehköchin Sarah Wiener warnt vor der Verniedlichung der Lebensmittel.

Der Aufwand mit den Brotboxen lohnt sich 

„Appetitlich muss es natürlich aussehen und klar kann man auch mal kreative Esswerke kreieren. Aber: ein lustiges Gesicht, eine tolle Schnitzerei, Fantasienamen setzen falsche Anreize“, sagt sie. „Die Kinder sollen Brote, Obst und Gemüse doch essen wollen, weil sie ihnen schmecken und sie ihren Körper nähren wollen – nicht, weil sie da ein Wurstpanda anschaut, der die Bedeutung unserer Lebensmittel karikiert“, betont Wiener. Nicole Zahran benutzt zwar hin und wieder Deko-Elemente wie Augen, aber: „Die Tomate bleibt noch als solche erkennbar“. Auf Lebensmittelfarbe verzichte sie völlig. „Meine Kinder mögen es einfach nicht, wenn das Brot damit bemalt ist“, so die gelernte Erzieherin.  Zahran nimmt sich morgens etwa 40 Minuten Zeit für die Boxen.

Der Aufwand lohne sich: „Die Kinder haben bislang viel Freude daran und ihre Klassenkameraden auch. Am Ende des Tages ist Eines besonders wichtig: Die Box ist leer und der Bauch voll“, so die 37-Jährige. Längst nicht in jeder Familie gehören frisch zubereitete Mahlzeiten zum Alltag. Sarah Wieners Stiftung bildet deshalb mit der Barmer Krankenkasse Pädagogen zu Genussbotschaftern aus. Sie sollen Kindern in Kitas und Schulen näher bringen, wie man kocht.    „Herd und Ofen bleiben kalt – und Kinder ahnungslos“, so Wieners Erfahrung.

Viele Eltern hätten gar keine Zeit, jeden Tag außergewöhnliche Boxen zu gestalten, aber es hilft schon, Anregungen zumindest teilweise umzusetzen“, sagt Sabine Elvert. Vor allem Mütter, deren Kinder ihr Brotdose kaum anrühren, seien dankbar über die Ideen aus der Facebook-Gruppe. „Alles, was schön und liebevoll gestaltet ist, kommt gut an. Und wenn es nur der Apfel ist, der sich von dem des Nachbarkindes unterscheidet“, so ihre Erfahrung. Unter den Mitgliedern seien einige sehr professionelle wie etwa Sabrina Wegele aus Waiblingen, von der sich viele andere inspirieren ließen.

Pausenbrot wird oft stiefmütterlich behandelt 

Sie wurde für ihre Boxen bereits ausgezeichnet und zeigt sie auch auf Instagram und ihrem Blog „Kochen, Backen, Bento packen“. „Letzten Endes ist es auch eine Egokiste: Wer postet die schönste Box?“, meint Uwe Knop über den Trend, die Fotos zu veröffentlichen. Sabine Elvert sieht darin ein Hobby, dessen Ergebnisse man anderen gern zeige. Und sie betont: „Für viele ist das Internet der einzige Ort, an dem die Arbeit auch wertgeschätzt wird“.

Der Trend kommt aus  Japan. Obst, Gemüse werden so gestaltet, dass sie gerne zu beißen. Foto: Fabian Sommer

Weniger aufwendige Rezepte ohne Fotos zeigt die Buchreihe „Pausenbrot reloaded“. Das Pausenbrot werde oft stiefmütterlich behandelt und in seiner Bedeutung völlig unterschätzt, sagt Mitautorin Inès Keerl. In zwölf Schuljahren kämen immerhin rund 4800 Brote pro Kind zusammen, rechnet sie vor.

Deshalb sollten diese auch wieder mehr Beachtung finden. In den saisonal gegliederten Büchern geht es vor allem um Machbarkeit und Einfachheit und das Brot steht weiterhin im Mittelpunkt. Die Menüs bestehen inklusive Getränk nur aus vier Komponenten, kommen ohne Dekoration aus und trotzdem bei Kindern an, so Keerl.