Fördern oder überfordern? Schon die Kleinsten leiden unter Stress. Foto: imago images / agefotostock

Yogakurse für Kinder? In Berliner Kitas, Schulen und Studios gibt es immer mehr Angebote für die Kleinsten, dem Alltagsstress zu entkommen. Ein Modetrend? Oder eine Hilfe zur Selbsthilfe? 18 Prozent der Kinder und jeder fünfte Jugendliche (19 Prozent) in Deutschland leiden unter deutlich hohem Stress. Noch schlimmer: Fast zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben nach einer Studie der DAK-Krankenkasse eine diagnostizierte Depression. Eine Folge von zu viel Druck auf den Nachwuchs.

Was stresst Kinder?

Immer schneller, immer höher, immer weiter. „Ich war fünfeinhalb Jahre alt, als ich Fahrradfahren lernte. Heute gibt es kaum noch Kinder, die mit vier Jahren nicht selbstständig in die Pedale treten“, sagt Holger Ziegler. Der Professor der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld hat für seine Kinder-Stress-Studie Eltern und Kinder befragt. Mit besorgniserregenden Ergebnissen. Eines davon: „Kinder müssen sich schon im Kindergartenalter einem vermeintlichen Konkurrenzkampf stellen."

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Warum werden Kinder so oft verglichen?

Immer früher werden Kinder verglichen - motorisch, sprachlich. Schon bei den U-Untersuchungen beim Kinderarzt gibt es für alle möglichen alltäglichen Herausforderungen Mittelwerte. „Als Experte weiß ich, dass es dort, wo es einen Mittelwert gibt, immer 50 Prozent gibt, die besser sind und 50 Prozent, die schlechter sind. Als Vater weiß ich aber auch, dass man diesen Mittelwert trotzdem nicht ausblenden kann. Das ist ein gesellschaftliches Problem“, betont Holger Ziegler.

Welche Stresssymptome zeigen Kinder?

Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Aggressionen und Wut sind nur einige der akuten Warnsignale. „Schon Kindergartenkinder beantworten Fragen, mit denen wir Stress messen, mit einer Tendenz zur Überforderung. Vor allem aber ab dem dritten oder vierten Schuljahr steigt der Stresspegel immens. Schuld ist der Druck, den Schulwechsel in die Oberstufe möglichst gut zu meistern“, sagt Holger Ziegler.

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Welchen Einfluss haben Eltern auf den Stress ihrer Kinder?

Mehr als 60 Prozent der Eltern wollen, dass ihre Kinder zu den besseren Schülern gehören. Zu denen zählen aber nun einmal nur rund 30 Prozent. Ein großes Ungleichgewicht und eine schwere Bürde für den Nachwuchs. „Man kann es den Eltern dabei überhaupt nicht verübeln. Bei vielen steht als Motiv dahinter, dass es ihr Nachwuchs einmal besser haben soll als sie selber. Nun zu sagen, lasst doch mal alle Fünfe gerade sein, wir holen das schon irgendwann und irgendwie auf, wäre eine ziemlich elitäre Einstellung“, erklärt der Wissenschaftler. Und auch wenn man eigentlich kein Problem damit hat, wenn das Kind später „nur“ einen Handwerksberuf erlernen würde - vorstellen können es sich viele Eltern eben doch nicht.

Was können Eltern tun, um Stress der Kinder zu mindern?

„Die meisten Eltern, die wir in unserer Studie befragt haben, leben mit einer großen Ambivalenz zwischen den beiden Fragen ,Fördere ich mein Kind genug?' und ,Überfordere ich mein Kind?'“, erklärt der Experte. Im Zweifel sollten Eltern das Bauchgefühl zurate ziehen. Geht die Tendenz in Richtung Überforderung, sollte man die Ansprüche runterschrauben.

Also lieber ein Hobby weniger angehen, um den Freizeit-Stress zu reduzieren?

Nicht unbedingt. Die Frage ist nicht, wie viele Termine man seinem Kind zumutet. Zwei Sportvereinen und die Musikschule sind okay. „Zumindest so lange nicht, wie das Kind gern hingeht und man als Elternteil keinen Druck ausübt. Man muss auch nicht beim ersten oder zweiten Termin, den das Kind nicht wahrnehmen möchte, die Kündigung einreichen. Ein bisschen Disziplin und Ehrgeiz können und müssen Kinder entwickeln“, so der Experte. Aber: Der Nachwuchs sollte mitentscheiden können, die Wünsche und Bedürfnisse sollten ernst genommen werden.

Außerdem: Beobachten Sie Ihr Kind. Hat es prinzipiell keine Lust? Sagt es schon montags, dass es donnerstags nicht zum Fußballtraining möchte - und das immer und immer wieder - sollte man übers Aufhören nachdenken. Das gelte übrigens auch dann, wenn die Eltern bereits in verhältnismäßig große Vorleistung gegangen sind - etwa durch die Anschaffung einer bestimmten Ausrüstung.

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Welche Rolle spielen elterliche Erwartungen?

Eine sehr große. „Signale der Enttäuschung sollte man sehr, sehr vorsichtig aussenden“, empfiehlt Holger Ziegler. Denn genau darin besteht einer der entscheidenden Stressfaktoren: Kinder haben Angst, ihre Eltern zu enttäuschen.

Welche langfristige Folgen kann ein zu hohes Stresslevel im Kindesalter haben?

Der Stress, der heute nicht abgepuffert wird, wird womöglich bis ins Erwachsenenleben hinein Konsequenzen haben. „Das Stresslevel wirkt sich unmittelbar auf die Selbstverwirklichung aus“, sagt der Wissenschaftler. „Folgen sind neben körperlichen Symptomen meist ein niedrigeres Selbstbewusstsein, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, und Konflikte mit Mitschülern. Das ist ein Verhalten, das sich manifestiert.“ Das bedeutet im Klartext: Wer seine Kinder zu sehr unter Druck setzt, erzieht sich womöglich einen schlauen Menschen ohne soziale Kompetenz. Im schlimmsten Fall mit einer psychischen Erkrankung.