Stéphane Richer feierte seinen ersten Eisbären-Titel. Benedikt Paetzholdt

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Unioner zur Hertha wechselt oder es einen Blau-Weißen nach Köpenick zieht. Es gleicht einem Tabubruch, den die Fans kaum akzeptieren. Ähnlich fühlte es sich 2017 an, als Stéphane Richer bei den Eisbären anheuerte, nachdem er einst beim Erzrivalen Adler Mannheim spielte und viele Jahre die Hamburg Freezers managte, die bis 2016 ebenfalls zum Imperium des EHC-Eigners Anschutz Entertainment Group gehörten. Sein erster Titel mit dem EHC ist nun das Ergebnis seiner Arbeit und der Türöffner in die Herzen der Fans. Weitere Meisterschaften, dann mit gefüllten Rängen, dürfen gerne folgen.

…über die anfangs große Ablehnung der Fans.

Ich habe ja von Anfang an gesagt, dass alle bisherigen Stationen zu meinem Lebenslauf gehören. Ich habe lange in Mannheim gespielt, war dann lange Zeit in Hamburg. Wo ich bin, gebe ich 100 Prozent und bin mit voller Leidenschaft dabei. Es ist mein Ziel, hier lange zu arbeiten und ich werde jeden Tag meine Leidenschaft hier einbringen. Ich bin sehr happy, ich mag die Stadt, ich mag die Fans. Es gehört zum Sport, dass die Fans nicht immer zufrieden sind, und das ist auch ihr gutes Recht, wenn die Mannschaft nicht gut spielt. Aber ich glaube, wir haben gutes Eishockey gespielt und ich fühle mich hier sehr gut.

…. über seine sportliche Reise bei den Eisbären seit 2017.

Die erste Saison damals ist sehr gut gelaufen, wir haben das Finale erreicht und erst das siebte Spiel in München verloren. Im zweiten Jahr haben wir eine Art Rock’n’Roll erlebt, da ist es nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Ich musste Clément Jodoin als Trainer entlassen und bin zurück auf die Trainerbank gegangen. Aber damals hatten wir schon geplant, dass Serge kommt, wir wollten keinen Trainer einstellen für ein paar Monate. 2019/2020 hatten wir eine gute Saison, aber dann ist Corona gekommen. In dieser Saison waren die Umstände von Anfang an schwierig, aber sie wird durch diesen Titel für immer unvergessen bleiben.

…über Ablenkung von der Arbeit.

Die gelingt mir am besten in Stralau, wo ich wohne. Ich liebe es, im Treptower Park spazieren zu gehen. Am Tag nach der Meisterschaft bin ich direkt am Wasser zu Fuß zur Halle gelaufen und ich konnte sagen, wir haben das geschafft – das war ein gutes Gefühl.

…über die Familie.

Wir waren immer zusammen, und dass wir zunächst örtlich getrennt leben mussten, war nicht einfach. Die Familie wollte gerne schon viel früher von Hamburg nach Berlin kommen, aber wir haben beschlossen, dass unsere jüngste Tochter ihr Abitur machen kann. Unser Leben spielt jetzt nur noch in Berlin.

…über die Schwierigkeit, die richtige Balance zu finden.

Die Leute hier lachen immer, wenn ich sage: Im Eishockey gibt es keinen Urlaub. Aber es ist eben so, dass es immer was zu tun gibt. Mein Job ist verbunden mit viel Arbeit und großem Druck, aber Eishockey ist meine Leidenschaft. Ohne diese Arbeit wird es langweilig für mich. Es war noch nie so, dass ich mal zur Geschäftsstelle gegangen bin mit dem Gefühl, puh, heute muss ich arbeiten. Ich bin happy, wenn ich hier bin. Ich will das machen, so lange ich kann. Aber natürlich ist es wichtig, auch mehr Zeit für die Familie zu finden.

…über unbequeme Entscheidungen.

Ich will immer ein guter Mensch sein, aber hoffe gleichzeitig, im Job die richtigen und manchmal harte Entscheidungen zu treffen. Es ist die schlechte Seite von meinem Job, wenn ich einem Spieler sagen muss, dass er keinen neuen Vertrag bekommt. Aber am Ende des Tages ist es halt ein Geschäft. Persönliche Gründe spielen nie eine Rolle, es geht immer nur um das Beste für die Eisbären.

…über die neue Rolle nach dem Wechsel von Peter John Lee in den Aufsichtsrat.

Für mich ändert sich dadurch gar nicht so viel. Zusammen mit unserem neuen Geschäftsführer Thomas Bothstede haben wir in den letzten Jahren eng zusammengearbeitet. Das wird auch so sein, wenn Peter jetzt im Aufsichtsrat ist. Peter ist ein Mentor für mich. Und wir wollen alles dafür tun, um noch viele Titel zu gewinnen.