Ohne Helm mit freiem Blick: Schlittschuh-Club-Torjäger Rudi Ball trifft gegen einen damals kaum geschützten Torwart.
Ohne Helm mit freiem Blick: Schlittschuh-Club-Torjäger Rudi Ball trifft gegen einen damals kaum geschützten Torwart. Foto: zVg/Archiv Michael Stellwag

Schon vor den Eisbären wurde in der Hauptstadt der Puck auf hohem Niveau getrieben. 21 deutsche Meistertitel durch den Berliner Schlittschuh-Club und den SC Brandenburg sowie 15 DDR-Meistertitel des SC Dynamo Berlin zeugen davon. Die Stars von einst gerieten inzwischen in Vergessenheit. Das will Michael Stellwag mit seinem Buch „Rudi Ball“ ändern.

Vor genau 100 Jahren, im Januar 1923, glitt Ball als zwölfjähriger Junge erstmals über das Eis des Halensees. Es war der Beginn einer großartigen Eishockey-Karriere. Der nur 1,63 m große Stürmer stieg zu einem der einst bekanntesten Torjäger des Berliner Schlittschuhclubs auf. Rudis ältere Brüder Gerhard und Heinz spielten ebenfalls Eishockey beim BSchC.

Rudi Ball gewinnt 1932 Bronze bei Olympia

Rudi erhielt in der Schöneberger Lutherkirche 1911 die Taufe. Das ist deshalb wichtig zu erwähnen, weil Rudis Mutter aus einer evangelischen, Vater Leonhard aber aus einer jüdischen Familie stammte. Das interessierte in Berlin bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht sonderlich.

Dadurch konnte Ball mit Stars wie Gustav Jaenicke und Erwin Römer im 1925 eröffneten „Sportpalast“ gemeinsam auf Torjagd gehen. 1932 holten sie zusammen bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid die Bronzemedaille. Als 1935 Hitlers Rassengesetze eingeführt wurden, änderte sich das Leben Balls. Er wurde als halbjüdischer Mischling geführt und durfte deshalb nicht an den Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen teilnehmen.

Sondergenehmigung von Hitler für Olympia 1936 

Aus Furcht vor Repressalien zog Rudi Ball nach Italien und schloss sich dort den „Roten Teufel“ in Mailand an. Später spielte er auch in der Schweiz bei St. Moritz. Balls Eltern wechselten ihr Geschäft und gaben es später ganz auf. Aus Prestigegründen und nach Fürsprache seiner Mannschaftskameraden Jaenicke und Römer durfte Ball bei Olympia 1936 antreten.

Die Tribüne ist voll besetzt, als Rudi Ball (M.) zum Bully gegen Ronny Castle antritt.
Die Tribüne ist voll besetzt, als Rudi Ball (M.) zum Bully gegen Ronny Castle antritt. Foto: picture allianz/ullstein Bild

So stellten es die Spieler später selbst dar. Auf alle Fälle intervenierte das IOC und drohte mit Boykott, falls jüdische Sportler von Olympia in Deutschland ausgeschlossen werden. Hitler erließ deshalb eine Sondergenehmigung für nicht arische Sportler. Später erklärte Rudi Ball den Deal: „Ich habe das Angebot angenommen und bin nach Deutschland zurückgekehrt. Dadurch durften meine Eltern nach Südafrika ausreisen.“

Rudi Ball wird an Schmelzofen zwangsverpflichtet  

Zahlreiche seiner Verwandten landeten dagegen im KZ. Bis 1941 spielte Ball sogar in der deutschen Nationalmannschaft. Bei Auslandspielen gehörte er allerdings nicht zu den Aufgeboten. Ball wurde zwangsverpflichtet und arbeitete statt wie früher im Büro jetzt an den Schmelzöfen in einer Aluminiumgießerei.

1944 wurde er der OT (Organisation Todt) zugeordnet. Das war eine Nazi-Organisation für angeblich politisch unzuverlässige Personen. Um in seiner Charlottenburger Wohnung nicht aufzufallen, lebte Rudi meist in einer Laube in der Uferpromenade 59 in Groß-Glienicke.

Durch die schwere körperliche Arbeit erkrankte Ball. Am 1. Januar kam er ins Krankenhaus in Hohengatow – heute Havelhöhe. Nach zwei Wochen konnte er zum Glück das Krankenhaus wieder verlassen.

Britischer Olympiasieger-Offizier erkennt Rudi Ball 

Eine schöne Geschichte schrieb der englische Sportjournalist Jan Gordon nach der Befreiung Berlins über den Eishockeyspieler auf. Darin heißt es: „Ball besuchte im Sommer 1945 die britische Militärkommandantur auf dem früherem Gelände des BSchC, weil man dort etwas zu essen bekommen konnte.“

Es gab auch früher seltsame Zufälle: Bei den Briten trafen sich auf dem Flur der Offizier Gordon Dailley (Olympiasieger 1936) und Ball. Beide erkannten sich. Sie waren sich bei Länderspielen und bei Olympia 1936 begegnet. Dailley erinnerte sich an den „abgemagerten, kärglich gekleideten Ball erst bei genauem Hinsehen“.

Rudi Ball gründet die SG Eichkamp

Nach der Begegnung hatte Rudi einen Job als Amateur-Instrukteur bei den Briten. Da die alten Sportvereine noch nicht wieder in Aktion treten durften, gründete er die SG Eichkamp. Es fanden sich schnell ehemalige Spieler wieder ein. Sogar der 42 Jahre alte Bruder Gerhard Ball zwängte sich noch einmal in die Torwart-Montur.

Als Rudi Ball die Kelle schwang, sah die Spielkleidung noch etwas anders aus als heute.
Als Rudi Ball die Kelle schwang, sah die Spielkleidung noch etwas anders aus als heute. Foto: zVg/Archiv Michael Stellwag

Als Spielstätten dienten zunächst die Ruine des Sportpalastes und die Spritzeisbahnen in der Pankower Pfeilstraße. Versuche, die alte Kunsteisbahn im Berliner Friedrichshain zu nutzen, ließen sich durch die Kriegsschäden nicht verwirklichen.

Puck-Legende Lothar Zoller erinnert sich

„Rudi Ball war unermüdlich, um in Berlin Eishockey-Mannschaften zu gründen und Spiele zu veranstalten. Er kümmerte sich vornehmlich auch um uns Jugendliche“, erinnert sich Puck-Legende Lothar Zoller, der in der Jugend auch für den BSchC spielte. Am 14. April 1948 verließen die Brüder Rudi mit Ehefrau Helma und Gerhard Ball Deutschland. Sie wanderten zu ihren Eltern ins südafrikanische Johannesburg aus, wie am 15. April der Berliner Zeitung zu entnehmen war.

Natürlich half Rudi auch in Johannesburg, zuerst den Tigers und dann den Wölfen, auf die Eishockey-Schienen zu gelangen. Über seinen Berliner BSC-Mitspieler Rolf Brand hatte er auch dessen Neffen Lothar Zoller kennengelernt.

Lothar Zoller wird zum Starreporter in der DDR

An Zoller schrieb Rudi Ball 1951 oder 1952, „so genau erinnere ich mich nicht mehr“, sagt der inzwischen 91-jährige Zoller dem KURIER und meint dann: „Ball bot mir für gutes Geld eine Stelle als Spielertrainer in Johannesburg an. Ich habe kurz überlegt, aber ich wollte meine kranke Mutter nicht alleinlassen. Zudem hatte ich gerade meine spätere Frau kennengelernt. Durch die Eröffnung der Werner-Seelebinder-Halle im Mai 1950 hatten wir zudem plötzlich mit Einheit Berliner Bär die besten Trainingsmöglichkeiten.“

Da hat Zoller wohl alles richtig gemacht. Schließlich wurde er in die DDR-Nationalmannschaft berufen, spielte 1956 bei der WM in Moskau mit und stieg nach seiner Sportkarriere beim DDR-Fernsehen zum Eishockey-Starreporter auf. Er berichtete von neun Olympischen Winterspielen und von 29 Weltmeisterschaften.

Potsdam ehrt Rudi Ball mit einer Straße

Mit Genugtuung registrierte Zoller wie zahlreiche Eishockey-Oldies in Deutschland, dass Rudi Ball 39 Jahre nach seinem Tode 2014 als zehnter Deutscher postum in die Hall of Fame des Eishockeys in Toronto aufgenommen und eine Straße in Potsdam nach ihm benannt wurde.

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