Eisbären-Trainer Serge Aubin wird auch mal laut, wenn es sein muss. Foto: Imago Images

Serge Aubin, 45, hat den ganzen Sommer in Berlin verbracht, um trotz der aktuellen Unsicherheit die neue Saison zu planen. Eine Stunde nimmt er sich, um dem KURIER exklusiv Fragen über Corona-Probleme, den aktuellen Kader und die Bedeutung von Fans zu beantworten.

Serge Aubin über die Rückkehr aufs Eis am Montag:

Für die Spieler ist das echt wichtig, einfach um ein bisschen zu spielen und sich wieder ans Eis zu gewöhnen. Aber natürlich gibt es in den kommenden Wochen noch so viel zu klären. Wir sind noch weit weg von Normalität, denn noch immer fühlen wir alle viel Unsicherheit, wie und wann es wieder mit dem Spielbetrieb losgeht.

... über die Planungen der neuen Saison:

Nachdem klar war, dass wir die Play-offs nicht spielen können, war das sehr schwer zu akzeptieren. Anschließend, als wir alle gesehen haben, wie dramatisch sich das Virus ausbreitet, stand für mich natürlich die Gesundheit im Vordergrund. Jetzt planen wir schon ziemlich intensiv, insofern das eben möglich ist. Normalerweise hätten wir in dieser Woche mit dem Mannschaftstraining begonnen, aber weil wir jetzt erst im September starten, sind viele Spieler noch gar nicht da.

... über Existenzsorgen:

Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, dass sich Spieler ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft gemacht haben, vielmehr betonten sie in den Gesprächen, wie sehr sie sich freuen wieder zusammenzukommen und aufs Eis zu gehen. Das ist ihr Leben, danach haben sie ihren Alltag ausgerichtet.

... über die Kontaktpflege in Krisenzeiten:

Ich rufe nicht ständig an, aber hin und wieder will ich natürlich hören, wie es den Jungs geht. Die Technik hilft viel, weil du mal eben schnell übers Handy chatten kannst. Das trifft insbesondere auch auf die Familie zu.

... über die Familie, die in der Welt zerstreut lebt:

Meine Tochter Justine, 20, lebt aktuell in Tokio. Mein älterer Sohn Charles, 18, besucht die Universität in Kanada und ist zu meiner Mutter in die Nähe von Montreal gezogen, als der Campus geschlossen wurde. In solchen Zeiten wollen Eltern natürlich immer wissen, wie die Kinder klarkommen. Unser jüngster Sohn Benoit, 16, lebt noch bei uns und besucht die Schule.

... über seinen ersten Sommer in Berlin:

Wir sind total glücklich hier. Es gibt so viel zu erleben, so viele unterschiedliche Lebensentwürfe. Seit einigen Jahren versuchen wir als Familie, mehr von unserer Umgebung wahrzunehmen. Während der Saison bleibt für mich nicht so viel Zeit, mal in den Tiergarten zu gehen oder mir etwas Schönes anzuschauen. Mir ist es zudem wichtig, näher an den Leuten dran zu sein, die für den Verein arbeiten.

... über den Arbeitsalltag in den letzten Wochen:

In der Regel gehe ich viermal die Woche ins Büro im Wellblechpalast. Ich fahre so um 6 Uhr von zu Hause los, um vom Verkehr nicht so viel mitzubekommen. Wie lange ich dann bleibe, hängt natürlich vom Pensum ab, im Schnitt fahre ich gegen halb vier zurück. Zu Hause kann ich nicht so gut arbeiten, denn ich analysiere Spiele am besten, wenn ich mich allein fühle. Die Trainerkabine ist meine kleine Blase.

... über das Training der Profis im Sommer:

Kraftraining ist der Bereich von Jake Jensen, unserem Fitnesscoach. Gerade in diesem langen Sommer ist es noch wichtiger, das Krafttraining richtig zu steuern. Was ich von der Trainingsgruppe hier gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Aus einigen Jungs sind Männer geworden. Wenn ich zum Beispiel an Lukas Reichel denke: Der hat letzte Saison mit 74 Kilo begonnen und steht jetzt bei 82. Ähnliches gilt für Sebastian Streu. Sie haben die Chance genutzt, um stärker und besser zu werden. Aber das heißt auch, dass wir das Training etwas anpassen müssen.

... über die Tücken der neuen Kraft:

Mit dieser neuen Power umzugehen, ist nicht ganz einfach, denn sie kann einem anfangs auch im Weg stehen. Mehr Kraft kann sich zum Beispiel auf die Geschwindigkeit auswirken, der ganze Körper muss sich umstellen. Aber es bleibt ja noch einiges an Zeit, bis es dann richtig losgeht.

... über die Planung der neuen Saison:

Bislang habe ich mir eher grundsätzliche Gedanken gemacht, wie ich mir unser Spiel vorstelle. Dazu gab es immer wieder einen Austausch mit den Trainerkollegen und Sportdirektor Stéphane Richer. Es gibt viel, wie wir noch besser werden können, dabei geht es zunächst auch darum, die personellen Wechsel zu managen. In den beiden letzten Augustwochen setzen wir uns dann intensiv zusammen und planen das Sommercamp.

... über die aktuelle Mannschaft:

Ich mag dieses Team, wir haben gute Verstärkungen bekommen, zum Beispiel den für mich besten Torwart der Liga mit Mathias Niederberger. Wir sind insgesamt jünger geworden, das heißt wir sind fit und schnell. Wenn wir Klarheit haben, werden wir wahrscheinlich noch mal was tun bei den Importspielern. Das entscheide aber nicht ich. Natürlich muss man immer im Auge behalten, dass wir in verrückten Zeiten leben und wirtschaftlich noch genauer hinschauen müssen als früher.

... über Talente:

Wir wollen immer gewinnen. Und am liebsten gewinnen wir mit großartigen Talenten. Viele Jungs wollen nicht ewig auf ihre Chancen warten. Sie stecken voller Energie und drängen darauf, sich zu beweisen. Sie brauchen gute Führungskräfte, um sich weiterzuentwickeln. Die haben wir.

... über Austin Ortega, der dem Gehaltsverzicht nicht zustimmen wollte:

Ich will das eigentlich nicht beurteilen. Wir alle haben auf Teile des Gehalts verzichtet, um Jobs zu sichern und einigermaßen gut aus der Krise zu kommen. Aber er hat seine Entscheidung so getroffen, das war auch sein gutes Recht.

... über das attraktive EHC-Eishockey:

Als ich letztes Jahr wusste, wer zu unserem Team gehört, wusste ich, dass wir diesen Weg gehen können. Ich erinnere mich immer noch daran, wie es war, als ich selbst noch gespielt habe und Trainer von Hamburg war. Berlin war eine Maschine, die ohne Ende Druck ausgeübt hat.

... über die Leidenschaft der Zuschauer:

Als wir im Sommer  ein Testspiel im Wellblechpalst hatten, waren vor allem die neuen Jungs gepackt und haben gemerkt, wie speziell das hier ist. Es ist klar, dass wir verlieren, aber trotzdem ist es der Anspruch, dass die Leute auch dann zufrieden nach Hause gehen, wenn wir nicht gewonnen haben.

... über die Rückkehr der Fans in die Arena:

Das Hygienekonzept ist eine große Herausforderung, und es verlangt von uns, kreative Ideen zu entwickeln. Wir legen uns natürlich voll ins Zeug, weil wir vor unseren Fans spielen wollen. Fünf Prozent entscheiden oftmals darüber, ob du gewinnst oder verlierst. Die Unterstützung im richtigen Moment kann ein Spiel zugunsten deiner Mannschaft verschieben. Hinter der Kabine spüre ich jedes Mal die Energie, die von den Fans auf uns übertragen wird.