22. April 2012: Im Meister-Play-off-Spiel Mannheim–Eisbären ging es volle Pulle zur Sache, bis Historisches entstand. Foto: Imago

Ich habe unzählige Eishockey-Spiele in meinem Leben gesehen. Erst als Fan. Dann als Reporter. Tränen, Jubel, Tragödien, Triumphe. Die gesamte Palette an Emotionen. Alles dabei. Doch es gibt Momente, die so voll Freude und Farbe sind, dass sogar schwarze Raben am Himmel bunt schillern. So am 22. April 2012. Als die Eisbären im Klassiker bei den Mannheimer Adlern das für mich legendärste Comeback ihrer Geschichte feierten.

An Tagen wie diesen. Genau zehn Jahre ist es her, dass die Gefühle mit mir schwindelerregend Achterbahn fuhren. In einem epischen Duell der deutschen Eis-Giganten. Mit einer selten gesehenen Dramatik, Intensität und Absurdität. Viertes Spiel in der Finalserie (Best of Five) um die Meisterschaft. Die Adler hatten Matchball, ich wenig Hoffnung, als ich mich auf den Weg in die Kurpfalz machte. Das lässt sich Mannheim nicht mehr nehmen, dachte ich auf der Zugfahrt.

In Mannheim floss bereits der Champagner

Rein in die Halle. „Oho, immer weiter, immer, immer weiter, immer weiter – bis zur Meisterschaft“, donnerte es in Endlosschleife von den voll besetzten Rängen. Siegessicher. Gegen die von Verletzungen gebeutelten Bären. Stefan Ustorf. Denis Pederson. André Rankel. Wichtige Leistungsträger. Es schien, als ob meine schlimmsten Befürchtungen wahr werden würden. Nach zwei Dritteln führte Mannheim 3:2, in der 44. Minute folgte das 4:2, in der 46. das 5:2. Zehn Sekunden später traf der EHC zwar zum 3:5. Immer noch deutete aber nichts darauf hin, dass es ein weiteres Spiel in dieser Serie geben könnte. Aus! Vorbei! In den VIP-Logen der SAP-Arena wurde schon der Champagner ausgeschenkt. Ich brummelte einige nicht druckreife Sätze in meinen Bart. Ran an die Tasten meines Computers. Abgesang schreiben. Muss ja irgendwie weitergehen.

Aber dann. Nichts geht mehr? Von wegen! Im Gegensatz zu mir hatte auf dem Eis keiner der EHC-Cracks aufgegeben. 48. Minute, 4:5. Ich schaute kurz auf. 54. Minute: 5:5. Ich riss die Arme hoch. Ungläubig staunend. Die Schönen und Wichtigen verschluckten sich am gierig verzehrten Schampus. Verlängerung. Schließlich stand TJ Mulock nach drei Minuten und 26 Sekunden am rechten Torpfosten, drückte den Puck über die Linie. Wahnsinn! Ich wischte über die leicht feuchten Augen, lag mir mit meinen Kollegen in den Armen. Abgezockte Reporter. Mit allen Wassern gewaschen.

Eisbär-Legende Sven Felski sprachlos

Die dachten, dass sie schon alles erlebt hätten. Und! Dann! Das! Die Gesänge und Schreie rissen derweil abrupt ab, als hätte jemand den Ton abgestellt. Eine gespenstische Stille, durchbrochen nur vom entfernten Gebrüll der mitgereisten EHC-Anhänger, die ganz oben, unterm Dach, wie entfesselt feierten. Unten in den Katakomben roch es nach Schweiß. Nach Leidenschaft. Nach purem Willen. Sven Felski stapfte durch die Gänge. Vollgepumpt mit Adrenalin. „Leck mich am Arsch, Toppi“, stammelte die Eisbären-Legende. Er hörte nicht auf, den Kopf zu schütteln. „Wir geben niemals auf. Egal, ob wir drei oder zehn Verletzte haben.“ Abgekämpft fügte er hinzu: „Was für eine geile Show.“

Draußen trug ein Mitarbeiter der Adler fassungslos und mit leerem Blick den Meisterpott zum Auto. Vorbei am Mannschaftsbus der Bären, die davor in ihren Fans badeten. Ein Bild, das ich nie vergessen werde. Niemals!

Auf den Tag genau zehn Jahre später heißt es wieder: Adler gegen Eisbären

Foto: Imago
Ein Spiel später stürmte Sven Felski nach der sechsten Meisterschaft mit dem Pokal los.

Zurück zur Bären-Ikone Felski. Dessen Karriere blieb durch den famosen Coup von Mannheim nicht bei 999 Erstliga-Spielen stehen. Das Jubiläum fand statt. Im 1000. machten seine Eisbären in Berlin den Sack zu. Mannheim erholte sich nicht mehr. Der Wirkungstreffer war zu stark. Felle holte seinen 6. Meistertitel. Und beendete seine Karriere. Was für eine Schlusspointe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der 22. April 2012 – ich liebe diese Momente, an die man zurückdenkt, alles um sich herum vergisst und glücklich ist. Man fühlt sich dann einfach nur – unbesiegbär.

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