Am 4. Mai 2022 stemmt Eisbären-Kapitän Frank Hördler in München den Meisterpokal in die Höhe. Es ist sein neunter Titel. Einmalig!
Am 4. Mai 2022 stemmt Eisbären-Kapitän Frank Hördler in München den Meisterpokal in die Höhe. Es ist sein neunter Titel. Einmalig! Foto: City-Press

Ronald Toplak begleitete als Reporter für den KURIER über 20 Jahre lang die Eisbären, verfolgt sie jetzt als freier Autor und verneigt sich vor Kapitän Frank Hördler. Den erfolgreichsten DEL-Spieler aller Zeiten kennt er von Beginn der Karriere an.

Kürzlich habe ich mit einem Kollegen telefoniert. „Ich soll dich übrigens schön grüßen“, sagte er. „Von Möbel Hübner?“, entgegnete ich in Anlehnung eines kultigen Werbespruchs aus den 80ern. „Nein. Von Frank Hördler. Er hat sich nach dir erkundigt.“ Ich staunte. Immerhin bin ich ja schon einige Jahre aus dem Geschäft. „Ganz vergessen bist du also offensichtlich noch nicht“, dachte ich. Und war – zugegeben – etwas gerührt.

Warum ich das erzähle? Am 11. Dezember 2022 bestreitet Frank Hördler (37) gegen den ERC Ingolstadt sein 1000. DEL-Spiel (14 Uhr, MB-Arena), wird damit Mitglied im exklusiven Klub legendärer Kufenkünstler. Während seiner gesamten Profi-Karriere war er nur bei den Eisbären aktiv, sah keine Notwendigkeit, den Verein zu wechseln. Mittlerweile spielt er seine 20. Saison in der Hauptstadt.

Eisbären-Trainer Serge Aubin: „Hördler ist eine Legende“

Es wäre müßig, alle Erfolge aufzuzählen. Unvergessen bleiben aber 2005, 2006, 2008, 2009, 2011, 2012, 2013, 2021 und 2022. Es sind die Titeljahre der Eisbären – und jene von Hördler. Der Verteidiger hat alle neun Meisterschaften auf dem Eis erlebt. Er ist das Epizentrum des Klubs. Weil André Rankel, Florian Busch und Jens Baxmann, die anderen Spieler der schon mythisch vergötterten 1985er-Generation, ihre Schlittschuhe inzwischen an den Nagel gehängt haben.

Was für gigantische Zahlen. Hördler ist der erfolgreichste DEL-Spieler aller Zeiten. Eine Identifikationsfigur, die für die goldene Eisbären-Zeit steht. Längst ein Symbol für Kontinuität, Vereinstreue, Fan-Bindung. In Nordamerika nennt man solche Spieler „Franchise Player“, Akteure, die mit ihrem Namen und ihrer Ausstrahlung für das ganze Unternehmen stehen. Typen, die im modernen Profisport immer seltener werden. Anders ausgedrückt: „Eine Legende“, wie es Eisbären-Trainer Serge Aubin treffend formuliert.

Bis 2015 habe ich seine Karriere beruflich begleitet, dann schickte mich die Gesundheit auf die Strafbank. So verpasste ich auch die sensationelle Silbermedaille der Nationalmannschaft bei Olympia in Pyeonchang, Hördlers größten internationalen Triumph. Ich wäre 2018 in Südkorea gerne vor Ort gewesen. Während ich also das Notebook zwangsläufig ausschaltete, macht Fränki weiter. Immer weiter. Und wirkt dabei fast so jung und dynamisch wie am ersten Tag.

2003 ging im Welli Frank Hördlers Stern auf

1000 Spiele also. Das ist unglaublich. Fantastisch. Faszinierend. Davor ziehe ich meinen Hut. 1000 Spiele. Wie Klub-Ikone Sven Felski. Der allerdings mit dieser magischen Zahl – die er in Bundesliga und DEL erreichte – und seinem sechsten Meistertitel seine famose Karriere beendete. „Einen Spieler als Reporter so lange zu begleiten, ist ein Geschenk“, sagte mein Chef damals zu mir. Dessen bin ich mir bewusst.

1000 Spiele. Als ich Fränki 2003 zum ersten Mal auf dem Eis im Welli sah, war daran noch nicht zu denken. Auch nicht an die Dynastie, die die Eisbären kurz darauf begründeten. Er war ein Teenager. Wie Felle, als ich ihn 1992 kennenlernte. Während man bei anderen Spielern dieses Alters fast väterliche Gefühle entwickelte, war es bei Fränki anders. Er wirkte trotz seiner Jugend schon extrem reif und erwachsen. Zurückhaltend. Höflich. Fast vornehm. Ein Kavalier auf Schlittschuhen.

Eloquent. Intelligent. Differenziert. Pointiert. Seine abgeklärte Ausstrahlung wirkte auf mich beeindruckend, fast einschüchternd. Dabei bin ich nahezu auf den Tag genau 20 Jahre älter als er. Aber erwachsen? Bin ich immer noch nicht. Sagt man mir nach.

Uwe Krupp versagt Frank Hördler den Weltrekord 

Hördlers bodenständige Ruhe hat fast meditativen Charakter.

Wie 2010. Ich traf ihn in Gelsenkirchen. Diesmal trug er den Trainingsanzug des DEB-Teams. Mein Adrenalin-Pegel war am Anschlag. Dabei dauerte es noch ein paar Stunden bis zum Auftaktspiel der Heim-WM. Wir waren noch fast allein im Stadion des örtlichen Fußballklubs. In nur vier Tagen hatten etwa hundert Arbeiter die größte Eishockey-Arena der Welt geschaffen.

Wir grüßten uns. Standen staunend nebeneinander. Und schwiegen. Fränki war kurz zuvor aus dem Kader gestrichen worden. Von Bundestrainer Uwe Krupp, der bekanntlich später auch in Berlin sein Coach wurde. Es bedurfte keiner großen Worte. Ich wäre ausgerastet nach einem solchen Stich ins Herz. Er hätte allen Grund dazu gehabt. Frust. Den schob er. Sicher. Aber er ruhte in sich. Ja, gegen Fränki wirkt ein buddhistischer Mönch wie ein Marktschreier.

Wir starrten auf die noch leeren Tribünen im Theater der Träume. Dachten an das Spektakel, das da noch kommen sollte. Weltrekord! 77.803 Fans! Beim Eishockey! Die enthusiastisch einen 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen die USA bejubelten. Was für ein Schauspiel. Atemberaubend. Für uns beide.

Ohne die Familie wäre alles nichts  

Auch wenn Fränki nur auf der Tribüne saß. Er freute sich für die Kollegen, zeigte Größe in der persönlichen Niederlage, trug die Entscheidung mit professioneller Fassung. Würdevoll. Abgeklärt. Souverän. Der Mann steht fest im Leben. Die Lausitzer Eiche, Hördler wurde in Bad Muskau geboren, wirft so schnell nichts um. Was auch an Corinna liegt. Ohne seine Ehefrau wäre alles nichts.

Klar doch, auch bei den ersten Feiern nach dem Titelgewinn 2005/06 sind Corinna und Sohn Eric bei Frank Hördler.
Klar doch, auch bei den ersten Feiern nach dem Titelgewinn 2005/06 sind Corinna und Sohn Eric bei Frank Hördler. Foto: City-Press/Marco Leipold

Ohne seine Familie. Fränki übernahm als Vater Verantwortung. Nach der ersten Meisterfeier 2005 war sein ältester Sohn Eric schon acht Monate alt – und hautnah dabei. Wie auch später immer. Inzwischen erfüllte sich der Senior seinen größten Traum, der mehr wert ist als alle Titel, Medaillen und Pokale. Er spielt gemeinsam mit dem Stammhalter als Profi in einer Mannschaft. „Mein Highlight“, schwärmt der stolze Papa. Wichtig für den Filius: Auch im Herbst seiner Karriere ist und bleibt der Vater ein Vorzeige-Athlet. Einer, zu dem die Jungen im schnelllebigen Eishockey-Geschäft aufblicken.

So bedeutend wie dieses am Sonntag war kein Jubiläum vorher. Unbestritten. Andererseits fühlt sich auch keines so unwichtig an. Denn die Ereignisse lassen es eigentlich gar nicht zu, eine Person in den Vordergrund zu heben. Weil die Saison des DEL-Rekordmeisters bislang überhaupt keine Erfolgsstory darstellt.

Abwehr-Kante Nante und der„ Zehnit“

An die Titelverteidigung, der Hattrick war als klares Ziel ausgegeben, ist nicht zu denken. Im Gegenteil, es droht sogar der Absturz in die Zweitklassigkeit. Hördler hat fast alles erlebt. Aber Abstieg? Gab es nicht in seinem Wortschatz. Das wäre im Herbst seiner Karriere das ultimative Drama.

Umso mehr ist der Kapitän gefragt, das Horror-Szenario zu verhindern. Angesichts der derzeit düsteren sportlichen Lage hofft der Routinier, dass sein Festtag auch dem gesamten Team einen positiven Impuls geben kann: „Es wäre gigantisch, wenn das jetzt helfen würde, Lockerheit und Coolness reinzukriegen. Dann bin ich doppelt glücklich.“

Ich bin guter Hoffnung, dass sich alles wieder zum Guten wendet und Fränki noch eine Saison dranhängt. So es der Körper zulässt. Für den zehnten Titel. Einen weiteren Meilenstein. Dann eben 2024. Abwehr-Kante Nante, so sein Spitzname, wäre im wahrsten Sinne des Wortes auf dem „Zehnit“!

Warum auch nicht? Zu alt? Von wegen! Viele beginnen zwar um die 40 gegen die Zeit zu leben, verzweifeln an Falten und grauen Haaren. Aber das ist totaler Blödsinn, wie ich es mit fast 60 Lenzen auf dem Buckel beurteilen kann.

Um es mit dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zu sagen: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es aber vorwärts.“

Aus Erfahrung gut! Das ist das Motto. In diesem Sinne: Mach weiter, Fränki! Es müssen ja keine 1000 Spiele mehr werden. Die kann sich ja der Junior vornehmen.

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