Ost-Berlin stand Kopf

Weltfestspiele vor 50 Jahren: „Woodstock des Ostens“ oder DDR-Propagandashow?

Vor 50 Jahren zogen die Weltfestspiele der Jugend und Studenten Hunderttausende nach Ost-Berlin – auch aus dem Westen. Für einige war das ein Vorgeschmack der Freiheit. Andere steckten plötzlich in der Klemme.

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Eröffnung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten – im Stadion der Weltjugend.
Eröffnung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten – im Stadion der Weltjugend.Sven Simon/imago

Was genau war das eigentlich? Ein Festival mit Beat und Rock und Singeklubs auf 95 Bühnen – und mit dem einzigartigen Titelsong: „Die junge Welt ist in Berlin zu Gast, und sie schert sich nicht darum, ob es dem Feinde passt.“ Eine Leistungsschau der DDR unter dem wachsamen Auge von 4000 Stasi-Leuten und 20.000 Volkspolizisten. Ein Diskutierklub auf dem Alexanderplatz. Eine Riesenfete im Blauhemd der Freien Deutschen Jugend, mit Küssen im Park und Quatschen bis zum Morgengrauen.

Weltfestspiele in Berlin – ungekannte Freiheiten und ansteckende Euphorie

Die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten zogen vom 28. Juli bis zum 5. August 1973 rund 25.000 offizielle Gäste aus 140 Ländern nach Ost-Berlin. Zu den Veranstaltungen kamen gemäß offiziellen Zahlen acht Millionen Besucher, die meisten aus der DDR. Eine gute Woche lang stand die sozialistische Republik Kopf. Ein Zauber habe über der Stadt gelegen, erinnern sich Teilnehmer. Für die einen war es eine gigantische Propagandashow des damals noch recht neuen SED-Chefs Erich Honecker. Für die anderen ein „Woodstock des Ostens“ mit ungekannten Freiheiten und ansteckender Euphorie. Im Rückblick 50 Jahre danach: eine ziemlich schräge Mischung.

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Der Historiker Stefan Wolle war damals 22 Jahre alt und Student an der Berliner Humboldt-Universität. Während der Weltfestspiele waren er und seine Kommilitonen als Helfer eingespannt und gemeinsam in einer Schule in Berlin-Adlershof untergebracht – auf Abruf für den Einsatz zur Völkerverständigung. Mal wurden 200 junge Leute gebraucht für den Empfang der britischen Delegation, mal 1000 für ein nächtliches Ständchen zur Ankunft der amerikanischen Linken Angela Davis. „Das war alles ziemlich gut organisiert, da konnte man gar nicht meckern“, sagt Wolle, heute wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin.

Dr. Günter Jahn, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der FDJ (2.v.l.), der damalige SED-Vorsitzende Erich Honecker (M.) und rechts neben Honecker Roberto Viezzi, damaliger Präsident des WBDJ (Weltbund der Demokratischen Jugend), stehen auf der Ehrentribüne am Eröffnungstag. (Archivbild: 28.07.1973)
Dr. Günter Jahn, damaliger Vorsitzender des Zentralrates der FDJ (2.v.l.), der damalige SED-Vorsitzende Erich Honecker (M.) und rechts neben Honecker Roberto Viezzi, damaliger Präsident des WBDJ (Weltbund der Demokratischen Jugend), stehen auf der Ehrentribüne am Eröffnungstag. (Archivbild: 28.07.1973)Konrad Giehr/dpa

Junge Union zog an SED-Führung vorbei

Ideologisch waren Schüler und Studenten eingenordet. „Wir wurden da gut beschult“, sagt Wolle. Denn neben jungen Leuten aus dem sozialistischen Ausland von Kuba bis Vietnam kamen auch einige Hundert Westdeutsche in offiziellen Delegationen – denen sollten die jungen Genossen Paroli bieten.

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So reisten nicht nur Jusos nach Ost-Berlin, sondern sogar die Junge Union. Der spätere West-Berliner CDU-Fraktionschef Klaus-Rüdiger Landowsky erinnerte sich im Gespräch mit dem rbb an sein Dilemma, während der Eröffnungsveranstaltung im Stadion der Weltjugend an der SED-Spitze um Honecker vorbeizumarschieren. Das Defilee in der Arena lief in etwa wie der Einzug bei Olympischen Spielen. „Wir haben uns dann in das Stadion gewandt, quasi war der Rücken dann hier in der Ehrentribüne, und haben den Tausenden von jungen Leuten zugewinkt.“ So zogen sich Landowsky und Kollegen aus der Affäre.

Im Gepäck hatten sie 20.000 Flugblätter mit Slogans „für Menschenrechte, für freie Wahlen, für Reisefreiheit“. Ideologisch gefestigte Ost-Berliner wussten in Diskussionsrunden auf dem Alexanderplatz zu kontern. Freiheit, schön und gut, aber die hohen Preise im Westen, die Ölkrise – was denn damit sei?

Frauen sonnen sich am Rand des Brunnens der Völkerfreundschaft auf dem Berliner Alexanderplatz während der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten.
Frauen sonnen sich am Rand des Brunnens der Völkerfreundschaft auf dem Berliner Alexanderplatz während der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten.Ulrich Hässler/imago

Die ganze Veranstaltung ist vielleicht in dieser Form nur im Jahr 1973 vorstellbar – mitten im Kalten Krieg, aber zu Beginn der Entspannungspolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt. Diese internationalen Jugendtreffen des Weltbunds der Demokratischen Jugend gab es in östlichen und blockfreien Staaten seit 1947, aber wohl nie zuvor oder danach so bombastisch aufgezogen. Die DDR fühlte sich zwölf Jahre nach dem Mauerbau gefestigt, der neue starke Mann Honecker schien bereit, die Zügel etwas lockerer zu lassen und der „Jugend zu vertrauen“, wie ein Slogan von damals hieß.

Allzu viel Vertrauen sollte es allerdings auch wieder nicht sein. Die Hauptabteilung XX. des Ministeriums für Staatssicherheit versuchte jede erdenkliche „feindliche Aktivität“ vorauszuahnen – von „terroristischen Provokationen“ bis zur „Verbreitung von Reklameprospekten für westliche Konsumgüter“. Seite um Seite listet ein Papier vom März 1973 Risiken und ihre mögliche Abwehr auf.

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Die Stasi hielt „negative Personen“ von Berlin fern

Während der Spiele hätten sich die Behörden dann verhalten wie die sprichwörtlichen drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, berichtet Historiker Wolle. „Die Obrigkeit, die Stasi machten nichts, das war wirklich interessant.“ Trotzdem überließen sie nichts dem Zufall. Laut Stasi-Akten wurden Tausende „negative Personen“ aus der DDR von Berlin ferngehalten und zum Teil inhaftiert, um das Fest „für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft“ nicht zu trüben.

Knifflig wurde es für die Organisatoren, als am 1. August Walter Ulbricht starb. Der war zwar 1971 als SED-Chef abserviert worden, amtierte formal aber noch als Staatsratsvorsitzender. Student Wolle hatte an dem Tag Telefondienst in der „Befehlszentrale“ der FDJ und fragte nach, wie es nun weitergehe. Das SED-Politbüro ging erst mal auf Tauchstation, kam dann aber mit der Losung, Ulbricht hätte einen Abbruch der Spiele keinesfalls gewünscht. Bei den anstehenden Tanzveranstaltungen sollte es also bleiben. „Abmarsch zu Jubel, Trubel, Heiterkeit, aber in gedämpfter Form“, so erinnert sich Wolle. „Insgesamt war die Situation mehr als schizophren.“

Die Dresdnerin Martina Giersch war bei einem Konzert, als dort Ulbrichts Tod bekannt wurde. „Kurze Trauer – und dann haben wir aber alle gelacht und gedacht: ‚Wow, jetzt geht es los‘“, erzählt sie auf dem Zeitzeugenportal der Stiftung Haus der Geschichte. Sie hat das ganze Jugendtreffen wie einen Aufbruch in Erinnerung. „Es war schon mal so ein Blick über den Tellerrand, das war so ein kleiner Blick in die Welt“, sagt Giersch. Sie habe gewusst: „Da möchte ich mal hin. Ich wusste zwar, das ging nicht. Aber alles, was dann später kam, war schon auch damit vorgelegt worden.“