In Berlin gibt es geschätzt 600 Bordelle, wovon lediglich 216 registriert sind. Was hinter den Türen geschieht, ist kaum nachvollziehbar und noch weniger zu beweisen. Rolf Kremming

Mit großen Versprechen auf ein besseres Leben werden Frauen nach Deutschland gelockt. Dort landen sie in Bordellen und auf dem Strich, werden zu Sex-Diensten gezwungen. Es sind Fälle wie die Folgenden.

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Für Alissa sollte es ein gutes Leben werden. So glaubte sie. Marian hatte ihr seine Liebe gestanden und der 20-Jährigen eine gemeinsame Zukunft versprochen. Viel Geld würde sie verdienen, schicke Klamotten tragen, den Führerschein machen und ein eigenes Auto fahren. Ein rotes Cabriolet sollte es sein mit weißen Ledersitzen. Alissa war glücklich.

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Als sie 36 Stunden später aus dem Inneren eines stinkenden Lastwagens stieg, war ihr Traum zerplatzt. Zu sechst hatten sie drei Tage im Dunkel des Lkw verbracht. Nun gab es niemanden mehr, der sie liebevoll in den Arm nahm und sie „mein Engel“ nannte. Von nun hatte sie zu spuren. Wenn nicht...

Über dieses „wenn nicht“, kann Sylke van Offern viel erzählen. Die Dezernatsleiterin vom LKA 42 in Berlin, zuständig für Bekämpfung gewaltorientierter organisierter Kriminalität, Menschenhandel und Schleuserkriminalität, weiß um die Sorgen und Nöte der Frauen. Wer nicht spurt, wird gefügig gemacht. Täter bedrohen die Familien der Frauen in ihren Heimatländern.

Viele der Frauen haben Angst  vor ihren Zuhältern

Gemeinsam mit den Berliner Fachberatungsstellen, die sich auf Betroffene des Menschenhandels spezialisiert haben, kann sie den Frauen in vielerlei Hinsicht helfen. „Die Organisationen haben die Möglichkeit, die Frauen sicher unterzubringen und sie zu betreuen. Ermitteln wir die Täter, kommt es bei ausreichender Beweislage zu Verurteilungen. Große Bedeutung kommt hier den Aussagen der Opfer zu“, sagt Sylke van Offern.

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Ähnlich sieht es auch Gerhard Schönborn vom Verein Neustart e.V. in Berlin. Er ist ruhig und verständnisvoll und die meisten Frauen auf dem Kurfürstenkiez vertrauen ihm. Das Café Neustart  ist der Anlaufpunkt für viele Frauen. Ein Sofa, sechs Sessel und Blumen auf den Tisch. Mal kommen sie auf einen Kaffee oder einen Tee vorbei. Mal zum Aufwärmen, um sich vor dem Regen zu schützen oder sich Angst und Wut von der Seele zu reden.

„Unsere Arbeit ist manchmal nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir bieten den Frauen unsere Hilfe, Beratung und Unterstützung an. Doch viele haben Angst vor ihren Zuhältern. Ich habe erlebt, dass auf der Kurfürstenstraße schwangere Frauen bis kurz vor der Geburt Sex anbieten mussten. Erst im letzten Moment wurden sie mit der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht, um wenige Tage nach der Geburt bereits wieder auf der Straße zu stehen und ihren Körper zu verkaufen.“

Für Freier zählt hier nur der billige Sex

Wenn Streetworker Schönborn aus dem Fenster des Cafés schaut, blickt er tief ins Elend hinein. Selten hat er da draußen eine Frau lachen sehen. Keine war auch nur ansatzweise entspannt.

„Es gibt Momente, da spüre ich meine Hilflosigkeit, aber auch die Wut über die Männer, die diese Frauen zur Prostitution zwingen und finanziell ausbeuten. Aber auch auf die, die mit ihren Autos vorfahren, keinerlei Respekt haben und nur an ein billiges Vergnügen denken. Einige haben auch einen Kindersitz im Auto und sind vielleicht auf dem Weg in die Kita. Irgendwann fragte ich mal einen, wie ihm zumute wäre, wenn hier seine Tochter stünde. Er hat nur dumm geglotzt und ist weitergefahren.“

Straßenstrich im Berliner Kurfürstenkiez. Rolf Kremming

Gerhard Schönborn hat in den zwölf Jahren seiner Streetworker-Tätigkeit viel erlebt. Nichts ist ihm im Laufe der Zeit gleichgültig geworden. Im Gegenteil. Je mehr er hört und sieht, desto mehr bewegt es ihn. „Es gab Überfälle von Freiern, die an das Geld der Frauen wollten, sie ausraubten und anschließend aus dem Auto stießen. In der Genthiner Straße wurde eine Frau entführt, die danach nie mehr gesehen wurde.“

Berlin ist bei Sex-Touristen besonders beliebt

Deutschland gilt inzwischen als Schlaraffenland für Sextouristen. Und Berlin ist besonders beliebt, denn in der Hauptstadt gibt es keine Sperrbezirke. Geschätzte 600 Bordelle, wovon lediglich 216 registriert sind, bieten Erlaubtes und Verbotenes im gesamten Stadtgebiet an. Was hinter den Türen geschieht, ist kaum nachvollziehbar und noch weniger zu beweisen.

Eine von vielen Betroffenen ist Klara. Schlank, 1,70 Meter groß, schwarze Haare, dunkle Augen, 21 Jahre alt. Ein Jahr und 44 Tage hat sie in der Hölle gelebt. Die Bulgarin war knapp zwanzig Jahre alt, als sie aus ihrem  Dorf in der Nähe von Sofia nach Berlin kam. An der Humboldt-Uni studierte sie Biochemie. Sie liebte ihre kleine „Bruchbude“ im Wedding, wie sie ihr Zimmer liebevoll nannte.

Die Miete von 420 Euro verdiente sie sich mit zwei Putzjobs und mit dem Auffüllen von Regalen in einem Supermarkt. Doch als Cousin Mirko auftauchte und ihr mitteilte, ihre Mutter habe Krebs und müsse dringend in Deutschland operiert werden, änderte sich ihr Leben schlagartig.

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Statt Edel-Etablissement ein schäbiger Hinterhof-Puff

Mit Tränen in den Augen bat Mirko sie, ihrer Mutter auf keinen Fall zu erzählen, dass sie von der Krankheit wisse. Die einzige Möglichkeit, die OP für ihre Mutter zu finanzieren, wäre ein Job, in dem sie schnell Geld verdienen könnte. Er kenne ein paar reiche Männer, die bereit wären, für eine Nacht mit ihr 1500 Euro zu zahlen.

Verzweifelt stimmte Klara zu. Doch statt Männer in teuren Anzügen zu treffen, die ihr 1500 Euro für eine Nacht zahlen würden, landete sie in einem Hinterhofbordell mit vergitterten Fenstern und musste für 60 Euro mit Männern schlafen.

Auch Cousin Mirko zeigte sich jetzt von seiner übelsten Seite. Er drohte, ihrer vermeintlich kranken Mutter zu erzählen, dass sie als Hure arbeite. Alle Leute in ihrem Heimatdorf würden es erfahren und er würde ihre zwölfjährige Schwester vergewaltigen lassen. Dann nahm er ihr Pass und Handy ab. Von nun an war das Bett Klaras Arbeitsplatz.

Bis zu fünfzehn Freier täglich

Mit vier anderen jungen Frauen, darunter zwei 16-Jährige, teilte sie sich ein Zimmer. Wer nicht spurte, bekam es mit Mirko oder seinen zwei Kumpels zu tun. Und das hieß nichts Gutes. Bis zu fünfzehn Freier täglich musste jede von ihnen bedienen. Egal, was die Männer von ihnen verlangten. Von den 60 Euro für eine halbe Stunde Sex durfte sie acht Euro behalten.

Einmal in der Woche durfte Klara für zwei Stunden den Keller verlassen. Aus Angst, dass ihrer Mutter und ihrer Schwester etwas passiert, kehrte sie jedes Mal pünktlich zurück. Erst als sie wegen einer Nichtigkeit zusammengeschlagen wurde und ein Freier die Polizei verständigte, wurde sie aus dem Elend befreit.

Heute ist Klara verheiratet und hat einen zwei Monate alten Sohn. Doch das alles hätte sie ohne Hilfe nie geschafft.

Drohungen gegen die Familie in der Heimat

Zwar sucht die Kripo deutschlandweit im Internet nach nicht angemeldeten Bordellen, macht Scheinbestellungen und durchsucht das eine oder andere Etablissement. Doch meist mit mäßigem Erfolg. Zu viele Bordelle, zu viele Inserate. Zu wenige Beamte.

Bei Kontrollen von Bordellwohnungen wurden im letzten Jahr häufiger vietnamesische Frauen angetroffen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten und nicht im Besitz ihrer Ausweisdokumente sind. Fragen nach dem Aufenthalt, ihrer Einreise und ihrer Tätigkeit in der Prostitution beantworten sie nur in den seltensten Fällen. „Auf die Frage nach der Schleuserroute antworten sie meist mit ,Weiß nicht‘“, sagt Sylke van Offern vom LKA-Berlin.

Ähnliche Schwierigkeiten gab es bis vor kurzem mit Nigerianerinnen. Sie waren in ihrer Heimat von einen Voodoo-Zauberer so stark eingeschüchtert worden, dass sie aus Angst schwiegen. Der Voodoo-Priester hatte gedroht, ihren Kindern oder ihren Eltern schlimme Dinge anzutun, wenn sie in Deutschland nicht auf ihre „Madame“ hören. Und die „Madame“ war nichts anderes als eine Zuhälterin.

Den Frauen werden die Pässe abgenommen

Berlin gilt auch als Schleuserzentrum für illegale Vietnamesen. Ziel war oft das Dong Xuan Center in der Herzbergstaße mit mehr als 300 Geschäften. Seit Jahren Treffpunkt und Sammelstelle vietnamesischer Schleuser.

Zur Zeit steht die 40-jährige Vietnamesin Thi T. mit zwei weiteren Angeklagten vor dem Moabiter Kriminalgericht. Angeklagt wegen Ausbeutung, Zwangsprostitution, Betrug und Besorgung falscher Pässe. Zwischen 2018 und Mai 2021 soll sie 44 Menschen aus Vietnam nach Deutschland geschleust wurden. Sieben Frauen hätten in bordellartigen Etablissements der 40-Jährigen arbeiteten müssen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Thi T. vor, die Armut ihrer Landsleute im Heimatland ausgenutzt zu haben. Sie versprach ihnen Arbeit als Kindermädchen und Haushaltshilfen, um sie nach Berlin zu schleusen. Die 6000 bis 15.000 Euro Schleuserhonorar würde sie als Darlehen geben, das die Frauen später abarbeiten sollten.

Es waren weite Touren, bis die Frauen in Berlin ankamen. Teilweise mit dem Flugzeug über Moskau, dann mit dem Auto über die Ukraine nach Tschechien bis nach Berlin. Ohne Pässe, aber mit unterschriebenen Schuldscheinen, blieb den Frauen nichts anderes übrig, als ihrer „Chefin“ zu gehorchen. Und das hieß: an sechs Tagen in der Woche Sex gegen Bezahlung. Sogar ein Arzt soll an den Frauen verdient haben, indem er ihnen Hormone gegen eine ungewollte Schwangerschaft spritzte.

Selten sagt eine Frau gegen ihre Peiniger aus

In einer sechsstündigen Befragung vor Gericht erklärte die 35-jährige Zeugin H., wie sie in die Fänge der Angeklagten geriet. Dass eine Vietnamesin aussagt, ist eine Sensation. Denn die meisten schweigen aus Scham und aus Angst vor ihren kriminellen Landsleuten.

Sie selbst sei in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und das Angebot, in Deutschland als Babysitterin Geld zu verdienen, sei ihr wie ein Traum erschienen. Sie hätte noch eine Weile gezögert, doch schließlich zugesagt. Ihre beiden Kinder blieben bei der Oma. Sie flog  von Hanoi nach Moskau, dann über Tschechien nach Berlin.

Doch eine Stelle als Babysitterin gab es nicht. Vom Dong Xuan Center in Lichtenberg brachte sie ein Mann in eine Bar in der Landsberger Allee. Die Angeklagte T. soll ihr dort mitgeteilt haben, wie sie die Schulden abzuarbeiten habe: mit Prostitution.

Die Schulden müssen mit Prostitution abgearbeitet werden

„Wir haben dort geschlafen, gekocht, gegessen, und mussten die Kunden bedienen. Das waren mehrere pro Nacht", berichtet die 35-Jährige. Von den 60 Euro durfte H. 30 Euro behalten, um davon ihre Schulden zu bezahlen. Nach ein paar Monaten sei sie zu gleichen Bedingungen in einen Massagesalon in der Scharnweberstraße in Friedrichshain versetzt worden.

Auf dem Schuldschein vom 25. September 2018, der dem Richter vorliegt, steht, dass H. 10.000 Dollar Schulden hat und dass die Zeugin direkt bei T. arbeiten müsse, um die Schulden zu begleichen. Wenn nicht, müsse sie zusätzlich 5000 Dollar Strafe zahlen. Die Frage des Richters, ob es auch eine andere Arbeit als die Prostitution gegeben hätte, beantwortete die Zeugin mit Nein. Doch nach einem Jahr hätte sie die Schulden plus 360 Euro Zinsen bezahlt und konnte gehen.

Sie weint. Ihre Anwältin drückt ihre Hand und redet ihr beruhigend zu. Zwischendurch schaut H. oft in den neben ihr stehenden Kinderwagen mit ihrem Baby. Das Kind schreit. Im Sitzungssaal herrscht Stille.

Für 500 Dollar kaufen, für 1000 Dollar verkaufen

Der ARD-Reporter Klaus Wölfle berichtete in einem YouTube-Video und in der Broschüre „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“ über seine Begegnung mit zwei verurteilten Menschenhändlern im Hochsicherheitstrakt eines Bukarester Gefängnisses. Radu W. und Wladimir W. besaßen keinerlei Schuldbewusstsein. Für sie war klar: Die Frauen brauchen das, wollen das, haben Spaß am Sex und bekommen sogar noch Geld dafür.

Sie kauften und verkauften Frauen. Mal waren es Blonde, dann Schwarzhaarige, mal schlank, mal kräftiger. Je nachdem, was der Markt verlangte. Radus erstes Opfer war vierzehn, als er sie zum Anschaffen schickte und verurteilt wurde.

Das Geschäft „Menschenhandel“ war zu attraktiv, als dass er es nach der Haft aufgeben wollte. Für 500 Dollar kaufen, für 1000 Dollar verkaufen. Wenn die Frauen einen Fehler gemacht haben, oder sie bei einem Mann nicht das taten, was er verlangte, habe er sie geschlagen. Wladimir W. bezeichnete sich als Zwischenhändler. „Ich versprach ihnen gute Jobs als Kellnerinnen und Tänzerinnen. Die schönsten Mädchen gingen nach Deutschland, Spanien, Holland und Italien. Einige wurden auf den Straßenstrich geschickt, andere auf verschiedene Bordelle verteilt.“

Mehr Fälle von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung

Das Lagebild des Bundeskriminalamts 2020 zum Thema Menschenhandel sieht düster aus. Es zeigt einen deutlichen Anstieg zum Vorjahr.

465 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandel und Ausbeutung – plus 22,7 Prozent

Davon 291 Verfahren wegen sexueller Ausbeutung – plus 1 Prozent

193 Verfahren betrafen Minderjährige – plus 58,2 Prozent

Bei den 2020 abgeschlossenen Ermittlungsverfahren gaben 99 Opfer (24,4 Prozent) an, durch Loverboys zur Prostitution gebracht worden zu sein.

Bei 67 Opfern (16,5 Prozent) erfolgte die Kontaktanbahnung über das Internet. Soziale Netzwerke spielen eine immer größere Rolle.

Loverboys verführen Mädchen und verkaufen sie an Zuhälter

Loverboys in den südosteuropäischen Staaten versprechen Schülerinnen ein luxuriöses Leben und bringen sie mit vorgetäuschter Liebe dazu, für sie anschaffen zu gehen und verkaufen die Mädchen an Zuhälter, die sie in die EU bringen.

Doch wer glaubt, dass dieser moderne Sklavenmarkt weit ab von uns passiert, verschließt die Augen vor der Realität. Denn auch in Deutschland ist die Loverboy-Methode stark im Kommen. Laut Polizei sind 17 Prozent der Mädchen am Anfang sogar damit einverstanden, ihrem „Freund“ aus seiner Notlage  zu helfen. Wenn sie merken, dass alles gelogen ist, ist es oft zu spät.

Das jüngste Opfer dieser Masche war zwölf Jahre alt.

Das Internet hat neue Dimensionen geschaffen. Auf Instagram und Facebook suchen Loverboys nach immer neuen Mädchen. Oft finden sie schon nach wenigen Klicks geeignete Opfer. Etwa eine 15-Jährige, die sich den Frust mit den Eltern von der Seele schreibt oder eine 17-Jährige, die Liebeskummer hat. Es wird geflirtet, man trifft sich, trinkt Kaffee, isst Eis oder geht schick Essen.

Die verliebten Mädchen werden unter Druck gesetzt

Hat sich das Mädchen erst mal verliebt, sitzt es in der Falle. Der Loverboy täuscht Geldnot vor und bittet seine „Freundin“ um Hilfe. „Ich kenne einen Mann, der würde viel Geld für eine Stunde Sex mit dir zahlen. Bitte tue es für uns. Ich bitte dich nur ungern, aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Oder willst du, dass ich zusammengeschlagen werde oder im Knast lande?“

Natürlich fallen nicht alle junge Frauen auf diese Masche rein. Aber doch genug, damit sich das Geschäft für die Männer lohnt. Sagt eine Ja, lernt sie schnell die wahre Seite ihres „Freundes“ kennen. Aus dem Liebhaber wird ein Zuhälter. Erstmal in seinen Klauen schaffen es nur wenige, sich aus dem Milieu zu lösen.

Durch Corona gibt es mehr Opfer bei Hausbesuchen

Laut Lagebild des BKA nahm die Opferzahl bei Haus- und Hotelbesuchen stark zu. Durch Corona und die damit verbundenen Auflagen in den Bordellen, nehmen die Escortangebote zu. Die Inserate in den einschlägigen Portalen versprechen  Männern selbstbestimmte Frauen, die ihren Job mit Lust und mit Liebe machen. Doch hinter 80 Prozent der Escorts steht ein organisiertes Angebot, das zentral gesteuert wird.

Unter der im Inserat angegebenen Telefonnummer meldet sich eine gut Deutsch sprechende Frau und macht einen Termin. Entweder 60 Euro für eine halbe Stunde bei ihr zu Hause oder 100 Euro für eine Stunde Hausbesuch. Geht der Freier auf das Angebot ein, trifft er auf eine Frau aus Südosteuropa, die kaum Deutsch spricht.

Doch nicht alle Frauen werden zum Sex gezwungen. Etwa 30 Prozent der Südosteuropäerinnen wissen Bescheid, was sie in Deutschland erwartet. Doch statt der versprochenen schönen Bordelle mit Swimmingpool und reichen Gästen landen sie in einer dreckigen Hinterhofwohnung.

Annika Kleist und Gerhard Schönborn von den Vereinen „Sisters“ und „Neustart“, die Frauen bei ihrem Ausstieg aus der Prostitution unterstützen. Rolf Kremming

Sylke von Offern sieht im Prostitutionsverbot allerdings keine Lösung: „Wir wissen aus Erfahrung, dass ein Prostitutionsverbot nicht ihr Ende bedeuten würde. Die Sexarbeitenden würden in die Illegalität getrieben und der Kontakt mit potentiellen Opfern erschwert. Die Aussagebereitschaft der Sexarbeitenden würde deutlich sinken, wenn sie gleichzeitig als Beschuldigte behandelt werden. Ein größeres Dunkelfeld wäre die Folge. Bei Kontrollen geben wir den Betroffenen eine Visitenkarte mit den Kontaktdaten unserer Dienststelle und die Nummer eines ‚Straßenstrichhandys‘, unter der sie das Fachkommissariat erreichen können. Darüber hinaus verteilen wir Informationsblätter über Betroffenenrechte in den jeweiligen Muttersprachen.“

Annika Kleist von der Hilfsorganisation Sisters e.V. kümmert sich ehrenamtlich um Frauen, die aus dem System der Prostitution aussteigen wollen. Ihre Erfahrungen sind erschütternd. „Vor einigen Tagen besuchten wir gemeinsam mit Netzwerk Ella und Neustart e.V. die Frauen auf der Kurfürstenstraße. Wir waren etwa zwei Stunden unterwegs und haben verzweifelte und frierende Frauen gesehen. Öko-Toiletten, die als Verrichtungsboxen dienen und gegenüber teure Neubauten. Armut und Reichtum, Freier und Zuhälter dicht beieinander. Dieses Elend zu sehen, machte uns wieder fassungslos. Zur Zeit betreuen wir vier Aussteigerinnen, um ihnen ein gewaltfreies Leben zu ermöglichen.“