Der durch Autos verursachte Lärm kann krank machen. Mit Lärmblitzern können Fahrer zu lauter Autos ertappt werden. Imago/Shotshop

Ein getunter Sportwagen, ein Motorrad, an dem herumgeschraubt wurde: Oft nerven Aggro-Fahrer mit ihren Fahrzeugen, deren röhrende Auspuffe mehr Lärm machen, als der TÜV erlaubt. Lärm, der uns krank macht. Doch bald könnte auf zu laute Autos und Motorräder mit Lärmblitzern Jagd gemacht werden, auch im Berliner Senat wird darüber nachgedacht.

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In Frankreich wird es schon getestet. Das Lärmblitzer-System „Meduse“ – in einem Vorort von Paris, in Nizza, Toulouse, Rueil-Malmaison, Bron und Saint-Forget. Vier Mikrofone nehmen dabei die Geräusche von vorbeifahrenden Fahrzeugen auf, die dann in einem Computer analysiert werden. Gekoppelt werden die Mikrofone mit einer Kamera zur Aufzeichnung der lärmenden Kfz-Kennzeichen. Und: Überlaute Motorradfahrer kommen nicht ungeschoren davon – denn die sollen von hinten fotografiert werden. Ab Herbst könnte Meduse scharf geschaltet und ab 2023 in ganz Frankreich eingesetzt werden. Strafe für einmal zu laut: 135 Euro.

340.000 Berliner leben an zu lauten Hauptverkehrsstraßen

Auch in Berlin wäre so ein System vorstellbar, wie es in einer Antwort der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr auf eine Kleine Anfrage des SPD-Politikers Lars Rauchfuß heißt. „Grundsätzlich wäre daher ein funktionierendes System von Schallemissionsüberwachungsanlagen als sinnvolle Ergänzung der bisherigen Kontrolltätigkeiten anzusehen.“ Denn der Verkehr ist laut Lärmaktionsplan stadtweit der größte Lärmverursacher. Allein an den Berliner Hauptverkehrsstraßen sind ca. 340.000 Anwohner nachts von Lärmpegeln oberhalb der gesundheitsrelevanten Schwelle von 55 Dezibel betroffen.

Aus der Antwort geht hervor, dass man mit so einem Lärmblitzer auch hoffen würde, auf das Fahrverhalten der Berliner Autofahrer Einfluss zu nehmen: „Schallemissionen ... spiegeln nicht nur den technischen Zustand eines Kfz, sondern bei übermäßigem und unnötigen Beschleunigen und Fahren bei hohen Drehzahlen in niedrigen Gängen auch das Verhalten eines Verkehrsteilnehmenden wider“, heißt es da.

Kurios: Es gibt keinen für alle Fahrzeuge einheitlichen Lärm-Grenzwert. Autos mit leistungsstarkem Motor dürfen laut Gesetz auch mehr Krach machen als leichte. Entscheidend ist dabei, wie viel Leistung ein Auto im Verhältnis zu seiner Masse mitbringt. Die Grenzwerte reichen von 72 Dezibel für Mittelklassewagen bis zu 75 Dezibel für PS-starke Sportwagen. Grenzwerte, die nach einem EU-Beschluss bis zum Jahr 2024 auf 68 Dezibel gesenkt werden sollen. Wie laut Ihr Kfz tatsächlich sein darf, können Sie auf der Zulassungsbescheinigung Teil I nachlesen – unter U.1 (Standgeräusch) und U.3 (Fahrgeräusch).

Für Motorräder, die nach dem 1. Oktober 1995 zugelassen wurden, gilt aktuell sogar ein deutlich höherer Grenzwert von 80 Dezibel. Dafür, dass Motorräder lauter sein dürfen, gibt es laut dem Tüv Nord mehrere Gründe. Es wird damit dem Umstand Rechnung getragen, dass der Motor außen liegt und dass die Platzverhältnisse für eine wirkungsvolle Schalldämpferanlage eingeschränkt sind. Außerdem kommen Motorräder oft auf eine bis zu doppelt so hohe Drehzahl wie Autos.

In vielen Berliner Wohngebieten wie hier im Wedding muss nachts von 22 bis 6 Uhr aus Lärmschutzgründen das Tempo gedrosselt werden. Imago/Müller-Stauffenberg

Im Alltag können Motorräder – oder Autos – aber auch deutlich lauter sein. Denn die Fahrgeräusche werden beim Beschleunigen aus 50 km/h im zweiten oder dritten Gang über eine Strecke von 20 Metern gemessen. Auf der Straße, unter Normalbedingungen, sind aber viele Fahrzeuge lauter, als in der Zulassung steht.

Und deutlich noch mehr Lärm machen Fahrzeuge, bei denen nachträglich die Auspuffanlagen manipuliert werden, wie der Tüv Nord erklärt. Grund: So wird der Großteil der Abgase an der Schalldämpferanlage vorbeigeführt.

Blutdruck, Herzfrequenz, Psyche: Wie Lärm uns krank macht

„Lärm, der gerade in der Großstadt krank macht. Er ist ein Stressfaktor und aktiviert das autonome Nervensystem und das hormonelle System“, wie das Umweltbundesamt mitteilt. Mit Folgen für Blutdruck, Herzfrequenz und andere Kreislauffaktoren. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus, die ihrerseits in Stoffwechselvorgänge des Körpers eingreifen.

Zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung gehören neben den offensichtlichen Gehörschäden auch Änderungen bei biologischen Risikofaktoren (Blutfette, Blutzucker, Gerinnungsfaktoren). Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie arteriosklerotische Veränderungen („Arterienverkalkung“), Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten, einschließlich Herzinfarkt, können durch Lärm verursacht werden.

Im Forschungsprojekt „Epidemiologische Untersuchungen zum Einfluss von Lärmstress auf das Immunsystem und die Entstehung von Arteriosklerose“ untersuchte das Umweltbundesamt über 1700 vorwiegend ältere Menschen aus Berlin. Die Auswertung ergab, dass Menschen in lauten Wohngebieten häufiger wegen Bluthochdruck in ärztlicher Behandlung waren als diejenigen in weniger lärmbelasteten Gebieten. So hatten Menschen, die nachts vor ihrem Schlafzimmerfenster einen mittleren Schallpegel von 55 Dezibel oder mehr hatten, ein fast doppelt so hohes Risiko, wegen Bluthochdruck in ärztlicher Behandlung zu sein, als diejenigen, bei denen der Pegel darunter lag.

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Die nächtliche Belastung durch Verkehrsgeräusche wirkt sich auch negativ auf Immunsystem und  Stoffwechsel aus. Allerdings: Bei der Lärmbelastung am Tage gab es keine so deutlichen Zusammenhänge mit ärztlichen Behandlungen der genannten Krankheiten. Nur die Häufigkeit ärztlicher Behandlungen psychischer Störungen hingegen zeigte einen starken Zusammenhang mit der subjektiv empfundenen Störung durch Lärm am Tag.