Autofreie Friedrichstraße für fünf Monate- - von diesem Sonnabend an.  Foto:  Markus Wächter

Jetzt geht´s los. Nach langen Monaten der Planung und des Streits wird heute die verkehrsberuhigte Friedrichstraße übergeben. Bis Ende Januar darf die Straße prinzipiell nur noch von Fahrrädern und Rettungsfahrzeugen genutzt werden. Aus der lauten Straße mit ihren engen Gehwegen soll ein attraktiver Boulevard werden. Damit soll die teure Einkaufsmeile gerettet werden, die seit Jahren scheinbar nur eine Richtung kennt: nach unten.

Am Freitagvormittag werkelten zwischen Französischer und Leipziger Straße die Handwerker. 65 Bäume in Pflanzkübeln mussten aufgerichtet, sechs Parkletts zum Sitzen gezimmert, fünf gläserne Werbe-Kästen aufgestellt werden. Schnell musste es jetzt gehen, für heute haben sich Verkehrs- und Umweltsenatorin Regine Günther sowie Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel angekündigt.

Die beiden Grünen-Politiker sind die Geburtshelfer des Straßenprojekts. Sie haben gegen Widerstände mancher Geschäftsleute und der Industrie- und Handelskammer (IHK) ein radikales Verkehrskonzept durchgezogen: raus mit Autos und Lastwagen, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Lieferzonen gibt es in den Seitenstraßen. 80 Parkplätze fallen weg – mehr als 1400 bleiben in den anliegenden Parkhäusern.

Der Starttermin wurde berlintypisch gerissen. Nun fällt der Start in den Spätsommer. Das ist ein bisschen wie vor einem Jahr. Da war die Friedrichstraße bereits für motorisierten Verkehr gesperrt, allerdings nur für zwei Tage. Am ersten Oktober-Wochenende hieß es: Friedrich The Flâneur. Zehntausende Neugierige waren unterwegs, viele entdeckten die Straße erstmals für sich. Straßenfeststimmung.

Einer der Hauptgründe für die Debatten zieht sich mitten hindurch: ein mehr als vier Meter breiter Fahrstreifen – die sogenannte Safety Lane, eine sichere Fahrradspur. Nur Fahrräder und Rettungswagen dürfen dort fahren, die Fahrräder maximal mit Tempo 20. Nur an der Kronenstraße dürfen in Randzeiten Lieferfahrzeuge den Boulevard kreuzen. Die Safety Lane ist umstritten. Sie trenne die Straße mittig, heißt es in einer Stellungnahme der IHK. Potenzielle Kunden könnten kaum die Straßenseite wechseln, gemütliches Bummeln sei so nicht möglich.

Am Freitag und an den Tagen zuvor waren vor allem Menschen unterwegs, die das Projekt begrüßen. Ingolf Hunger etwa, seit 18 Jahren Mitinhaber der Apotheke Q205 im noblen aber ziemlich menschen- und damit leider auch kundenfreien Einkaufszentrum Quartier 205. Schätzungen besagen, dass der Straßenabschnitt in den vergangenen zwei Jahren etwa 80 Prozent Besucher verloren hat. „Wir erwarten eine Wiederbelebung“, sagt Hunger und macht sich daran, auf dem Bürgersteig einen Kräutergarten anzulegen, den er zusammen mit einer Kita in der Nachbarschaft pflegen und betreiben will.

Vincent Veltjens, Store-Manager des dänischen Möbelhauses Bo Concept, ist einer der ersten Mieter eines der fünf gläsernen Werbe-Showcases am Straßenrand. Zwei teure Sessel müssten in das vier Quadratmeter große gewächshausartige Gestell passen, hat er ausgerechnet. Veltjens hofft sehr auf die Verkehrsberuhigung. „Das ist schon lange überfällig“, sagt er. Bo Concept ist seit zwölf Jahren an der Friedrichstraße zu Hause.

Doch es gibt auch Kritiker wie Michael Krumreich, der seit 13 Jahren ein Steuerberater-Büro in der benachbarten Charlottenstraße betreibt. „Ganz schlecht“, findet er das Konzept: „Wer geht schon zu Fuß zu Wempe? Wer fährt mit dem Rad zu Bucherer oder Gucci?“, fragt er.

Auch von den Antworten auf solche Fragen hängt ab, ob das Projekt als Erfolg gewertet wird. Und ob die Friedrichstraße auch im Februar 2021 noch autofrei ist.