Ein unter Quarantäne gestelltes Wohnhaus in Neukölln.  Foto: Berliner ZEitung/Carsten Koall

Zu Beginn der Pandemie waren es Clubs und Großraumbüros, jetzt wird das Coronavirus verstärkt in Wohnanlagen nachgewiesen. Für Berlin könnte das zu einer besonderen Herausforderung werden. „In der Pandemie stellt sich immer deutlicher die soziale Frage“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Donnerstag. Die aktuellen Fälle zeigten, dass sich Menschen, die „in beengten Wohnverhältnissen leben müssen“, schneller mit dem Virus anstecken könnten.

Derzeit sind hohe Infektionszahlen in Wohnanlagen in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln bekannt. Die Bezirke verfolgen bei der Eindämmung unterschiedliche Strategien: Friedrichshain-Kreuzberg hat nur infizierte Bewohner des Häuserblocks am Ostbahnhof sowie deren Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt. Nichtinfizierte Hausbewohner können sich frei bewegen. Neukölln hat alle Bewohner in mehreren Wohnblocks unter Quarantäne gestellt – egal ob sie positiv, Kontaktperson oder negativ sind.

Enge Wohnverhältnisse begünstigen Infektionen

Beide Bezirke können nicht genau sagen, wie viele Menschen in den Anlagen leben. Die Wohnungsämter verfügten nicht über Angaben über die Belegung von Wohnungen, erklärte die Senatsverwaltung für Wohnen auf Nachfrage. Nur der soziale Wohnungsbau werde regulär im Wohnungskataster erfasst.

In Friedrichshain-Kreuzberg habe das Bezirksamt allen Bewohnern am Dienstag und Donnerstag die Möglichkeit gegeben, sich testen zu lassen. Ein „Großteil“, insgesamt 180 Menschen, habe das auch getan, sagte eine Sprecherin des Bezirksamts der Berliner Zeitung. Dabei seien 45 positive Fälle nachgewiesen worden. Die nächste Testrunde erfolge in der kommenden Woche, kurz vor Ende der Quarantäne.

In Neukölln wurden 369 Haushalte mit „ein bis zehn Bewohnern“ für 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Die Quarantäne läuft mit Ende dieses Freitags, 23.59 Uhr, ab. Ausgenommen davon seien die Haushalte, in denen noch jemand aktiv infiziert sei, sagte ein Sprecher des Bezirksamts am Donnerstag der Deutschen Presseagentur. Wie viele Haushalte das betrifft, stand noch nicht fest – im Laufe des Tages sollten weitere Ergebnisse eintreffen.

Bewohner beklagen Stigmatisierung

Mit Stand von Dienstagabend meldete das Bezirksamt Neukölln bisher 106 Infizierte in den Wohnanlagen. In den Wohnblöcken seien bisher 800 Tests durchgeführt worden, hieß es.

Nichtinfizierte Bewohner in Neukölln hatten im Gespräch mit der Berliner Zeitung die Sorge geäußert, in der Quarantäne erst recht krank zu werden – schließlich setze das Bezirksamt die gesamte Anlage mit dem Argument unter Quarantäne, dass die Infektiosität auch in den engen Fluren so hoch sei. Bewohner sowie die Hausverwaltung hatten außerdem eine starke Stigmatisierung beklagt.

Auch im Senat war die Entscheidung des Neuköllner Bezirksamts umstritten. Die Senatsgesundheitsverwaltung reagiert nun mit einem neuen Angebot: Man biete den Bezirken an, Menschen, die in Wohnblocks unter Quarantäne stünden, in Hotels ausweichen zu lassen. Dieses „Unterstützungsangebot“ sei den Bezirken bereits „in den vergangenen Wochen“ mitgeteilt worden, sagte ein Sprecher der Verwaltung am Donnerstag. Öffentlich bekannt war es nicht. Derzeit seien in einem Hotel „17 Wohneinheiten mit rund 70 Betten“ angemietet. Die Gesundheitsämter entschieden darüber, inwiefern diese Möglichkeit genutzt werde.

Grüne und Linke erwägen Unterbringung in Hotels 

Auch die Senatssozialverwaltung bietet Hilfe an. In der Buchholzer Straße in Pankow sei ein Tempohome als Quarantäne-Unterkunft für Geflüchtete aus Heimen geöffnet worden, sagte Sprecher Stefan Strauss. Zurzeit sei die Unterkunft mit sechs Infizierten und 23 Kontaktpersonen in Quarantäne belegt, 200 Plätze stünden noch frei. Diese Struktur wolle man jetzt „auch den Bewohnern in den betroffenen Häusern zur Verfügung stellen“. Voraussetzung sei immer: Die Empfehlung der Gesundheitsämter und die Zustimmung der betroffenen Bewohner.

Die Linke in Neukölln unterstützt die Idee ebenso wie die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Abriegeln“ sei vielleicht die einfachste, aber nicht die beste Lösung, sagte Doris Hammer (Linke) der Berliner Zeitung. „Es stehen Tausende von Hotelbetten leer, da könnte man nach Monaten schon mal kreativer werden“, sagte Catherina Pieroth (Grüne).

Der Gesundheitsstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Knut Mildner-Spindler (Linke), sagte dem RBB-Inforadio, man prüfe das Angebot, Hotelzimmer zur Verfügung zu stellen. In Bezug auf die Wohnanlage in seinem Bezirk erschließe sich ihm noch nicht der Sinn. Betroffene würden täglich kontaktiert – das habe auch einen „Kontroll-Effekt“. Man habe den Eindruck, „dass das in dem Haus gut funktioniert“.