Die Versöhnungskirche lag nach der Teilung Berlins mitten auf der Grenze zwischen Mitte und Wedding. Die DDR ließ sie 1985 sprengen. An ihrer Stelle steht heute die Kapelle der Versöhnung. Foto: dpa / Roland Holschneider, dpa / Lukas Schulz

Der Luna-Park am Halensee ist zeitweise nicht nur der größte Vergnügungspark Europas, sondern auch „eine erfreuliche Oase reiner Luft und gesunder Erholung“, lobt die Vossische Zeitung. Vom Luna-Park ist, wie von vielen anderen Berliner Institutionen auch, nichts geblieben. Wir erzählen die Geschichte zehn berühmter Orte, die es es heute nicht mehr gibt.

Luna-Park am Halensee (1909–1933)

Die legendäre Gebirgsbahn im Luna-Park am Halensee zeigt diese Postkarte aus den 1930er-Jahren. Foto: imago images / Arkivi

Hier gab es Konzerte, Tanzturniere, Boxkämpfe, eine Gebirgsbahn und ein Wellenbad, jede Nacht ein Feuerwerk, aber auch zur Schau gestellte Schwarzafrikaner und Kleinwüchsige. Wo? Im größten Vergnügungspark Europas, im Luna-Park. August Aschinger, Gastronom, und Bernd Hoffmann, vormals Küchenchef im Hotel Kempinski, eröffneten 1904 die Terrassen am Halensee. Nach dem Vorbild von Coney Island in New York erwuchs daraus 1909 der Luna-Park. Wegen des Ersten Weltkriegs hatte er von 1914 bis 1920 geschlossen, später machten ihm Wirtschaftskrisen zu schaffen. Im Oktober 1933 schloss er für immer. Heute rauscht der Verkehr der Stadtautobahn über das frühere Parkgelände. Geblieben ist der Halensee, gestern wie heute nutzen Berliner ihn zum Baden.

Magazincover: Berliner Verlag, Titelfoto: Horst von Harbou/Deutsche Kinemathek
Berliner Geschichte

„B History“ ist das neue Geschichtsmagazin aus dem Berliner Verlag. Kaleidoskopartig veranschaulicht die erste Ausgabe die Berliner Weltstadtgeschichte, die mit dem Groß-Berlin-Gesetz am 1. Oktober 1920 begann. Das Heft schildert auf 124 Seiten mit rund 250 Abbildungen nicht nur, wie es in den vergangenen 100 Jahren in Berlin gewesen ist, sondern auch, wie diese Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Erhältlich ist „B History“ auf Deutsch oder auf Englisch für 9,90 Euro im Einzelhandel und unter https://aboshop.berliner-zeitung.de

Krolloper vor dem Brandenburger Tor (1844–1957)

Diese Aufnahme zeigt die Krolloper in den 1930er-Jahren. Das imposante Haus wurde im Krieg teilzerstört, seine letzten Reste wurden 1957 abgerissen. Foto: bpk Bildagentur

Standesgemäß beginnt die Geschichte der Krolloper: mit einem Ball. Die Oper vor dem Brandenburger Tor ist nach ihrem Bauherrn benannt und von 1844 bis 1894 in Familienbesitz. Als Bühne der Avantgarde macht sie ab 1927 von sich reden. Die Stadt schließt sie vier Jahre später, auch aus politischen Gründen.

Nach dem Reichstagsbrand 1933 zieht das Parlament in das Haus. Die Abgeordneten – 11 SPD-Politiker sind in „Schutzhaft“, die 81 KPD-Mandate annulliert – beerdigen dort im März mit dem „Ermächtigungsgesetz“ die Demokratie. Im Zweiten Weltkrieg wird die Krolloper teilzerstört. Ihre letzten Reste werden 1957 beseitigt. Auf ihrem früheren Standort, dem heutigen Platz der Republik, wächst Rasen.

Weiße Maus in der Jägerstraße 18 (1919–1926)

Die Gäste der Weißen Maus versuchten ihre Identität mit Masken zu kaschieren. Foto: ullstein bild

Wer nicht erkannt werden will, trägt eine Maske. Fast alle Gäste, überwiegend Geschäftsleute, Unterweltgrößen und Kulturschaffende, legen Wert auf Anonymität. Im 1919 eröffneten Kabarett Weiße Maus an der Jägerstraße in der Friedrichstadt (heute: Mitte) geht es lasterhaft zu: Mitternachts werden Nackttänze geboten.

Anita Berber, links mit Tanzpartner, gehört zu den Stars. Einmal will ein Gast partout nicht begreifen, dass sie keine Pornografie, sondern Kunst darstellt. Sie schlägt ihm eine Champagnerflasche auf den Kopf. Die Weiße Maus hat 1926 ausgetanzt. An ihrer Stelle steht heute das Geschäfts- und Bürohaus Quartier 206.

Palast der Republik am Marx-Engels-Platz, heute Schloßplatz (1976–2008)

Der Palast der Republik stand keine 30 Jahre. Er wurde 2008 abgerissen, gegen den Protest vieler Berliner. Foto: imago images / Rüttimann

Ein Haus des Volkes sollte er werden, und das wurde er auch: Im Palast der Republik, 1976 eröffnet, befand sich nicht nur der Sitz der Volkskammer der DDR. Das großflächig verglaste Gebäude mit verschwenderisch montierten Deckenleuchten im Hauptfoyer, vom Volksmund als „Ballast der Republik“, „Palazzo Prozzo“ oder „Erichs Lampenladen“ bespöttelt, bot Konzerte und Shows mit internationalen Stars, Tanzveranstaltungen und Modenschauen, Restaurants und Bars, eine Diskothek und eine Bowlingbahn sowie ein Theater. Die größte historische Stunde des Hauses schlug am 24. August 1990: Die Volkskammer stimmte für den Beitritt der DDR zur BRD. Im selben Jahr wurde das Gebäude wegen Asbestbelastung geschlossen, Ende 2008 war es dem Erdboden gleichgemacht. Das Berliner Schloss, 1950 abgerissen, wurde an seiner statt wiedererrichtet.

Friedrichstraßenpassage an der Friedrichstraße (1909–1914)

Prachtvoll war die Friedrichstraßenpassage. In ihre Ruinen zog nach dem Mauerfall das Kunsthaus Tacheles ein. Jetzt entsteht hier ein neues Stadtquartier. Foto: akg images

In nur 15 Monaten entsteht zwischen Friedrichstraße und Oranienburger Straße einer der prunkvollsten Bauten des wilhelminischen Zeitalters: ein fünfgeschossiges Gebäude aus Stahlbeton, gekrönt von einer Kuppel, darunter Geschäfte und Lokale, Theater und Konzertsäle – die Friedrichstraßenpassage. Aber schon fünf Jahre nach ihrer Eröffnung, 1914, ist die Passage pleite. Vor dem Zweiten Weltkrieg nutzen das Gebäude unter anderem die AEG und die NSDAP, danach der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, Betriebe und Einzelhändler.

Zu Beginn der 80er-Jahre erfolgt ein Teilabriss. Im Februar 1990 besetzen Künstler den verbliebenen Gebäudeflügel. Das Tacheles entsteht: Das Kunsthaus bietet Ateliers und Ausstellungen, ein Kino, ein Café und Technopartys – es wird 2012 zwangsgeräumt. Rund um diesen Altbau entsteht heute ein neues Stadtquartier mit drei neuen Plätzen, Geschäften, Büros und Wohnungen. Und auch die Kultur soll hier wieder ein Zuhause bekommen.

Versöhnungskirche in der Bernauer Straße 4 (1892–1985)

Die Versöhnungskirche lag nach dem Mauerbau, der 1961 begonnen hatte, auf einer Frontlinie des Kalten Krieges. Foto: imago images / United Archives

Kaum ein Gebäude symbolisiert die ehemalige Teilung Berlins so nachdrücklich wie die Versöhnungskirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die evangelische Kirche, die 1892 an der Bernauer Straße errichtet wurde, in vorderster Frontlinie des Kalten Krieges. Das Pfarr- und Gemeindehaus befand sich in Mitte (sowjetischer Sektor), die meisten Gemeindemitglieder kamen aus dem Wedding (französischer Sektor).

Am 13. August 1961 sperrte die DDR die Sektorengrenze, acht Tage später versperrte eine Mauer West-Berlinern den Zugang zur Versöhnungskirche. Ost-Berliner durften die Kirche ab Ende Oktober nicht mehr besuchen. Später nutzten DDR-Grenzsoldaten den Kirchturm als Wach- und Geschützstand. Die DDR ließ die Kirche Anfang 1985 sprengen. An ihrer Stelle steht heute die Kapelle der Versöhnung.

Haus Vaterland am Potsdamer Platz (1928–1976)

Das Haus Vaterland war der Amüsiertempel im Berlin der 1920er- und 1930er-Jahre. Foto: dpa picture alliance / ullstein bild

Wer hier sich nicht vergnügt, ist selbst schuld. Ins weltweit einmalige Haus Vaterland strömen seit 1928 jedes Jahr eine Million Menschen. Auf sechs Geschossen verteilen sich Lokale mit nationalen und internationalen Speisen und Getränken, dazu gibt es Musik-, Tanz- und Varietéveranstaltungen.

Berühmt ist die Rheinterrasse: In der Kulisse einer Landschaft mit Blick auf die Burg Rheinfels und den Loreleyfelsen werden stündlich Wolkenbrüche mit Blitz und Donner simuliert. Nach einem kriegsbedingten Großbrand 1943 erfolgt der Gastronomiebetrieb nur noch eingeschränkt. Im Jahr 1976 wird das Gebäude abgerissen, heute steht dort ein Geschäftsund Bürohaus.

Sportpalast in der Potsdamer Straße 172 (1910–1973)

Der Sportpalast ist ein Ort mit ambivalenter Geschichte. Sechstagerennen fanden hier stand, und Goebbels hielt hier seine „Wollt-ihr-den-totalen-Krieg?“-Rede. Foto: bpk Bildagentur / Lieselotte und Armin Orgel-Köhne

Viel hat sich in Berlin verändert, eines ist geblieben: die Sportbegeisterung. Als der Sportpalast 1910 an der Potsdamer Straße eröffnet wurde, war er allein wegen seiner Kunsteisbahn eine Sensation. Auch zu Reitturnieren, Boxkämpfen und Schönheitswettbewerben (Foto unten, 1927) sowie zum Radsportspektakel Sechstagerennen strömten die Besucher.

Auch Parteien schätzten den Sportpalast. Die NSDAP war ab 1933 die einzige Partei, die ihn nutzen durfte. Propagandaminister Joseph Goebbels hielt hier am 18. Februar 1943 seine berüchtigtste Rede: Er schwor seine Zuhörer auf den „totalen Krieg“ ein. Der Sportpalast wurde 1973 abgerissen. An seiner statt steht heute das Pallasseum, ein denkmalgeschützter Wohnblock, auch „Sozialpalast“ genannt.

Vox-Haus in der Potsdamer Straße 10 (1908–1971)

Im Vox-Haus begann die Ära des Deutschen Rundfunks. Foto: ullstein bild

„Achtung. Achtung! Hier ist Berlin auf Welle 400 m!“ Mit diesen Worten begründet Walter Krutscke am 29. Oktober 1923, um Punkt 20 Uhr, die Ära des Deutschen Rundfunks. Der Moderator spricht aus dem Vox-Haus, einem Gebäude an der Potsdamer Straße, das der Vox-Grammophon-Gesellschaft gehört. Die Gesellschaft hat für die landesweit erste Radiosendung eine Dachkammer zur Verfügung gestellt.

Die Arbeitsbedingungen sind bescheiden. Wolldecken teilen den Raum in einen Aufnahme- und einen Technikbereich. Das Programm der „Funkstunde“, wie die Sendung heißt, ist aber anspruchsvoll. Es sind nicht nur Musikstücke von Grammophonplatten zu hören, sondern auch Schumann-Kompositionen, vor Ort live gespielt. Ein knappes halbes Jahrhundert später wird das Vox-Haus wegen seiner unattraktiven Lage an der Berliner Mauer gesprengt. Heute steht hier ein Flügel des Kollhoff-Towers.

Synagoge in der Fasanenstraße 79 (1912–1958)

Monumental war die Synagoge an der Fasanenstraße. Auch sie wurde in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 angesteckt. Foto: dpa picture alliance / akg images

Vom erstarkten Selbstbewusstsein des jüdischen Bürgertums kündigt die Synagoge, die 1912 an der Fasanenstraße in Charlottenburg ihre Pforten öffnet. Es ist ein monumentales Gebäude mit drei Kuppeln, angelehnt an frühchristlich-byzantinische Kirchen; es bietet 2000 Gläubigen Platz.

Bei den Pogromen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzen SA-Männer auch diese Synagoge in Brand. Die Jüdische Gemeinde wird gezwungen, das Grundstück an die Reichspost zu verscherbeln. Im Krieg wird das Gebäude weiter zerstört. Der Abriss der Synagoge erfolgt 1958. An ihrer Stelle steht heute das Jüdische Gemeindehaus.