Millionenstadt Berlin 1920: Der Blick vom Turm des Roten Rathauses fällt auf das Schloss (links) und den Dom (rechts). Die Prachtstraße Unter den Linden liegt dazwischen. Die deutsche Hauptstadt zählt vor dem Groß-Berlin-Gesetz 1,9 Millionen Einwohner, danach 3,8 Millionen. Foto: imago images/imageBROKER/Siegfried Kuttig

Was der Anlass für den nächtlichen Umtrunk war, wird der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Ein Geburtstag? Spaß am Suff? Das Leben an sich? Wie auch immer, offensichtlich ging es hoch her. Auf der steinernen Sitzbank an der Bösebrücke stehen leere Bierflaschen, dicht an dicht. Die Halbliterpullen füllen zusammen einen Kasten, mindestens.

In Berlin findet sich immer ein Grund zum Feiern.

Halb zehn Uhr morgens, ein Freitag im Juni. Die Bösebrücke – sie verbindet die Ortsteile Prenzlauer Berg im Osten und Gesundbrunnen im Westen der Stadt – hat den morgendlichen Berufsverkehr überstanden. Vereinzelt rollen Autos über die vierspurige Fahrbahn des Bauwerks, das nach dem kommunistischen Widerstandskämpfer Wilhelm Böse benannt ist und das gerne, aber fälschlich Bornholmer Brücke genannt wird; ebenfalls vereinzelt passieren Fußgänger die Brücke.

Keine Spur von Hektik. Aber die Zeit rast! Ist es tatsächlich schon so lange her, dass es unmöglich war, diese Brücke nach Belieben zu überqueren? Dass urplötzlich eines Nachts Berlin, ja Deutschland, nur noch Grund zum Feiern hatte?

Ein Gedenkstein steht vor der Sitzbank. Eine Tafel erklärt, was hier geschah: „An der Brücke Bornholmer Straße öffnete sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 erstmals seit dem August 1961 die Mauer.“

Auf der Bösebrücke befand sich während der deutschen Teilung die Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße, die nördlichste von sieben zwischen West-Berlin und Ost-Berlin. Nordöstlich von ihr der Gedenkort Platz des 9. November 1989.

Rainer Klemke hat den Grenzübergang „mehr als 300-mal“ passiert, von West nach Ost, um Verwandte zu besuchen, und wieder zurück. Der 72-jährige Historiker, schlank, groß, weißbärtig, schlendert über den Platz des 9. November. Es gibt nur wenige Menschen, die sich in der Geschichte Berlins so gut auskennen wie er, insbesondere in der Geschichte der Metropole Berlin, die vor 100 Jahren begann.

Unter Klemkes Schuhen knirscht graues Granulat. Stahlbänder im Boden und Schautafeln am schmalen Ende des trichterförmig angelegten Gedenkortes legen und stellen dar, wie es zur Maueröffnung kam. Rechts von Klemke steht die ehemalige Hinterlandmauer, dahinter liegen die Kleingärten eines Vereins, den es seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt. Auf dem Platz grünen Kirschbäume. Zweimal im Jahr blühen sie, im Frühling und im Herbst, im November.

Magazincover: Berliner Verlag, Titelfoto: Horst von Harbou/Deutsche Kinemathek
Berliner Geschichte

„B History“ ist das neue Geschichtsmagazin aus dem Berliner Verlag. Kaleidoskopartig veranschaulicht die erste Ausgabe die Berliner Weltstadtgeschichte, die mit dem Groß-Berlin-Gesetz am 1. Oktober 1920 begann. Das Heft schildert auf 124 Seiten mit rund 250 Abbildungen nicht nur, wie es in den vergangenen 100 Jahren in Berlin gewesen ist, sondern auch, wie diese Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Erhältlich ist „B History“ auf Deutsch oder auf Englisch für 9,90 Euro im Einzelhandel und unter https://aboshop.berliner-zeitung.de

„Es gibt kaum eine Stadt, in der es so sehr möglich ist, Erinnerungsorte zu schaffen“, sagt Rainer Klemke. Als Referatsleiter in der Berliner Senatsverwaltung für Kultur hat er viele mitgeschaffen. Er hat in seiner 18-jährigen Amtszeit 48 Museen und Gedenkstätten eröffnet, hat die „Langen Nächte der Museen“ mitentwickelt, war für den Aufbau der Dokumentationsstätte Topographie des Terrors und des Denkmals für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Mahnmal) sowie der Gedenkstätte Berliner Mauer mitverantwortlich.

Als er, bereits in Rente, den Gedenkort Rummelsburger Bucht erarbeitete, kam ihm die Idee, Berliner Geschichte online zu vermitteln. Mit dem Verein berlinHistory, dessen Vorsitzender er ist, hat er eine gleichnamige kostenlose App entwickelt. Die Stadt lässt sich damit im Spaziergang erkunden, mittels historischer Bilder und Stadtpläne, Tonaufnahmen und Videos. „Das gesamte offizielle Gedenken der Stadt Berlin ist in dieser App zu finden“, sagt er. „Wir haben 5000 Points of Interest, inklusive 3200 Gedenkorte.“

Den Platz des 9. November 1989 hat Klemke als Startpunkt für einen historischen Spaziergang gewählt. Über den Mauerpark und die Gedenkstätte Berliner Mauer zum Nordbahnhof wird er führen. „Es ist mein Lieblingsweg“, sagt er. „Auf diesem Weg verdichtet sich Berliner Geschichte.“

Das Groß-Berlin-Gesetz, das am 1. Oktober 1920 unter Federführung von Oberbürgermeister Adolf Wermuth (parteilos) in Kraft trat, schuf die Voraussetzung für die Weltstadtwerdung Berlins. Über Nacht wurde Berlin zu einer der größten Städte der Welt. Das Stadtgebiet verdreizehnfachte sich durch den Zusammenschluss von acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken, gegliedert in 20 Bezirke. Die Bevölkerung verdoppelte sich: von 1,9 auf 3,8 Millionen Einwohner.

Das Groß-Berlin-Gesetz, das am 1.Oktober 1920 in Kraft tritt, macht die deutsche Hauptstadt flächenmäßig zur zweitgrößten Stadt der Welt (hinter Los Angeles) und hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl zur drittgrößten (hinter London und New York). Grafik: André Wyst

Erbitterte Debatten gingen dem Groß-Berlin-Gesetz voraus. Sozialdemokraten (SPD) und Sozialisten (USPD) waren für das Gesetz, Nationalkonservative (DNVP), Nationalliberale (DVP) und Abgeordnete der Zentrumspartei dagegen, die Linksliberalen (DDP) gespalten. Die ärmeren Städte und Gemeinden hofften zu profitieren, die wohlhabenden fürchteten draufzuzahlen.

Die Berliner und ihre Nachbarn zankten sich schon länger über Grenzen und Zuständigkeiten. Im Großraum gab es 15 Elektrizitätsversorger, 40 Gas-, 17 Wasser- und 60 Kanalisationsbetriebe. Dieses Nebeneinander trieb schildaeske Blüten: In Niederschöneweide lagen die Leitungen dreier verschiedener Gaswerke Seite an Seite in der Erde; den Tegeler See nutzte Berlin als Trinkwasserquelle, Tegel und Reinickendorf leiteten ihre Abwässer hinein.

Das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ sollte eine einheitlich geleitete, einheitlich versorgte und einheitlich besteuerte Metropole schaffen. Am 27. April 1920 stand es in der Preußischen Landesversammlung an der Prinz-Albrecht-Straße (heute: Abgeordnetenhaus von Berlin an der Niederkirchnerstraße) zur Abstimmung. Nicht alle Parteien waren in Sollstärke vertreten; 84 der 402 Abgeordneten fehlten, 67 unentschuldigt. Die Auszählung der Stimmzettel erfolgte innerhalb von zehn Minuten: 165 Ja- zu 148 Nein-Stimmen bei fünf Enthaltungen – Bravo-Rufe auf der Linken, Zischen auf der Rechten.

„Dieses Gesetz ist die größte Verwaltungstat, die in Berlin vollendet wurde“, schwärmt Rainer Klemke. „Größte Industriestadt Europas war Berlin schon vor 1920, aber in einem großen Gemeinwesen kommt eine Stadt besser voran. Je kleinteiliger, desto schwieriger ist es, Probleme zu lösen. Aus einem Topf wirtschaftet es sich besser.“

Im Grunde genommen besteht Berlin aus Dörfern, die in sich autark sind.

Rainer Klemke, Historiker

Unter der Bösebrücke, auf dem früheren „Kolonnenweg“, den die DDR-Grenztruppen für ihre Kontrollfahrten nutzten, liegt die Norwegerstraße. Dort setzt Klemke den Spaziergang fort. Er geht Richtung Süden, Richtung Behmstraßenbrücke. In der Ferne reckt sich der Fernsehturm. Der von 1965 bis 1969 von der Deutschen Post der DDR errichtete Turm ist mit 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands.

Die Norwegerstraße ist Teil des Berliner Mauerwegs. Der Wander- und Fahrradweg, 2002 bis 2006 angelegt, kennzeichnet den Verlauf der ehemaligen Grenzanlagen zu West-Berlin. Er führt über rund 160 Kilometer um die ehemalige Halbstadt. Schautafeln helfen, sich zu orientieren, und informieren über den Bau und den Fall der Berliner Mauer.

Auf der Behmstraßenbrücke betritt Klemke den Schwedter Steg. Eine S-Bahn, vom Bahnhof Gesundbrunnen kommend, nimmt ratternd die lang gezogene Linkskurve, die zum Bahnhof Bornholmer Straße führt. Die Gleise sind Teil der Ringbahn, einer rund 37 Kilometer langen Bahnstrecke, die die Innenstadt von Berlin umschließt; der erste Abschnitt ging im Juli 1871 in Betrieb.

Gräser, Büsche und Bäume wachsen wild unter dem Steg. Klemke blickt über das Gelände und sagt: „Hier fand die größte 48er-Demo im Reich statt: 20.000 von damals 400.000 Einwohnern Berlins nahmen daran teil.“ Er spricht von der Deutschen Revolution 1848/49, der gescheiterten Revolution.

Über die Schwedter Straße erreicht Klemke den Mauergarten. Kinder tollen auf Spielplätzen, zwei Jungs üben sich im Skateboarden, ein Mädchen planscht in einer Regenpfütze. Hier wachsen Birken, dort wuchern Büsche und Gräser. Ein dörfliches Idyll. „Im Grunde genommen“, sagt Klemke, „besteht Berlin aus Dörfern, die in sich autark sind.“

Potsdamer Platz 1938: Dieser Verkehrsknotenpunkt, Standort der ersten Verkehrsampel in Deutschland, veranschaulicht das vielbeschriebene Berliner Tempo. Foto: imago images

Den Groß-Berliner gab es nie. Die Einwohner von Spandau zum Beispiel, vor Inkrafttreten des Groß-Berlin-Gesetzes eine Stadt, fünf Jahre älter als Berlin, verstehen sich als Spandauer. Im Jahr 1923 wollten sie sogar raus aus Groß-Berlin. Lokalpatriotismus ist nach wie vor weit verbreitet.

Die meisten Berliner, ob geborene oder zugezogene, sehen ihr Viertel als Nabel der Welt. Rainer Klemke bestätigt diese Sicht: „Jeder bewegt sich in seinem Kiez.“ Er selbst ist in Wilmersdorf aufgewachsen, das vor dem Groß-Berlin-Gesetz auch schon eine Großstadt war; er habe sich aber immer „aus ganzem Herzen als Berliner gefühlt“. Das liege auch daran, dass er als Junge die ganze Stadt mit dem Fahrrad erkundete.

Was ist Berlin schon alles gewesen! Mutterstadt (altgriechisch Metropolis) der Moderne, Zentrale des Größen- und des Rassenwahns, Frontstadt des Kalten Krieges, Werkstatt der deutschen Einheit.

Der Schriftsteller Heinrich Mann sprach 1921 von der „Menschenwerkstatt Berlin“. Damit sei Berlin „zum Inbegriff des Urbanen schlechthin geworden“, schreibt der Volkskundler Gottfried Korff, „und das auch mit all seinen Widersprüchen und Paradoxien von Boulevard und Laubenkolonie, Romanischem Café (einst ein beliebtes Künstlerlokal am heutigen Breitscheidplatz, Anm. d. Autors) und Kiezmief, Häusermeer und Waldesrauschen, Weltoffenheit und Intoleranz“.

Schnelllebig war jene Zeit. „Mach Kasse! Mensch! Die Großstadt schreit: Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit!“, bedichtete der Schriftsteller und Satiriker Walter Mehring das Berliner Tempo schon 1919. Acht Jahre später verbildlichte Walter Ruttmann diese Hektik in seinem Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“.

Das Berlin der 1920er-Jahre erregt weltweit Aufsehen, im Guten wie im Schlechten

„Die Großstadt als Brennpunkt des Massenzeitalters, die Großstadt als Maschine, als Bewegungssystem aus Menschenmassen, Waren-, Geld- und Verkehrsströmen: Der neue Mensch, der Berliner der Zeit nach 1918, sollte seine Erfüllung darin finden, sich von diesem hochtourigen Fortschritt mitreißen zu lassen und ihn womöglich zu beschleunigen“, schreibt der Historiker Bodo-Michael Baumunk anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins 1987. Der Film an sich habe sich „als großer Vermittler des Mythos Großstadt“ erwiesen. „Metropolis“ von 1927 zum Beispiel: Fritz Lang habe damit „die Vorstellungen seiner Zeit von einer babylonisch-new yorkischen Hochhausstadt der Zukunft“ ausgemalt.

In jenen Jahren war Berlin das Zentrum der deutschen Wirtschaft. Jede vierte deutsche Aktiengesellschaft hatte ihren Sitz in der Stadt, dazu die Reichsbank und die Wertpapierbörse. Mit ihrer Elektro-, Technik- und Metallindustrie, ihrem Bekleidungsgewerbe mit Klein- und Alleinbetrieben war sie die größte Industriestadt Europas.

Weltweites Aufsehen erregte Berlin in Wissenschaft und Forschung. Albert Einstein leitete das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, Otto Hahn forschte am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, Otto Heinrich Warburg entschlüsselte an der Charité den Stoffwechsel in Tumoren – alle drei erhielten für ihre Leistungen einen Nobelpreis.

Nicht weniger Aufsehen erregten die Krisen, die Stadt und Land erschütterten: Die Regierung wechselte innerhalb von 14 Jahren 21-mal – das Vertrauen in die Demokratie schwand. Infolge der Hyperinflation 1923, Höhepunkt der Inflation, und des Börsenkrachs 1929, Auslöser einer Weltwirtschaftskrise, verschärften sich die sozialen Unterschiede und die politische Radikalität.

Die Weimarer Republik endete mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Schlag auf Schlag folgten Razzien, Boykotts, Berufsverbote, Inhaftierungen und Exekutionen, Gleichschaltung der Gesellschaft, Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und Planung des Holocaust (Wannseekonferenz) mit Abermillionen Toten.

Eine Nazi-Hochburg war Berlin nie. Aber eine untätige Mehrheit ließ das Unvorstellbare geschehen, und eine handelnde Minderheit konnte es nicht verhindern. Die Stadt verlor in den zwölf Jahren der Hitler-Diktatur alles, was sie ausgezeichnet hatte, allem voran die Freiheit des Geistes.

Kriegsende 1945: Ruinen säumen den Alexanderplatz. Das Foto ist auf den 1. Mai datiert, Berlin kapituliert einen Tag später. Das Gebäude in der Mitte ist das ehemalige Kaufhaus Hermann Tietz, infolge der „Arisierung“ nach 1933 Hertie. Foto: imago images/ITAR TASS

In den Ruinen von Berlin 1945 bedauerte der französische Philosoph und Soziologe Raymond Aron gegenüber dem amerikanischen Historiker Fritz Stern: „Ach, wenn man denkt, dies hätte das Jahrhundert der Deutschen sein sollen. Deutschland hat alles selber zunichte gemacht. Und dabei schickte Berlin sich doch gerade an, die älteren und glanzvolleren Metropolen Europas an die Wand zu spielen.“

Weltkriegsfolgen sind im Mauergarten, in dem Rainer Klemke weiter Richtung Süden spaziert, allenfalls zu spüren. Ein Gebäude kommt in Sicht, die Max-Schmeling-Halle, benannt nach dem Boxweltmeister im Schwergewicht 1930 bis 1932, eröffnet 1996. Die Halle war Austragungsort des Eröffnungsspiels der Handball-WM der Männer 2007: Deutschland schlug Brasilien – und gewann später den Titel.

Vom Mauergarten geht es in den Mauerpark. Der Mauerpark liegt zwischen den Stadtteilen Wedding (im Westen) und Prenzlauer Berg (im Osten). Das Gelände war in seiner Geschichte schon vieles: Exerzierplatz, Kopf- und Güterbahnhof für die Nordbahn, Grenzstreifen. Heute ist es Grünanlage. Und die lädt ein zum Spazierengehen, Picknicken, Sonnenbaden, Abhängen und – an jedem Wochenende – zu einem Flohmarkt.

Die Luft steht, der Schweiß läuft. Klemke beschreitet einen seicht ansteigenden Hügel. Der Weg führt zu einem Stadion, dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Es steht seit 1952. Das letzte Endspiel im Fußball-Pokalwettbewerb der DDR stieg hier; das war 1991. Rostock setzte sich gegen Eisenhüttenstadt durch. Ein Rest der ehemaligen Grenzanlage steht an der Rückseite des Sportparks: ein 300 Meter langes Teilstück der Hinterlandmauer. Die Mauer ist frisch getüncht, um Platz für neue Graffitis zu schaffen.

Am Fuß des Hügels liegen die Eberswalder und die Bernauer Straße. Eine Straßenbahn der Linie M10 rollt vorbei. Rainer Klemke merkt an: „Hier fuhr die erste städtische Straßenbahn, 1908 war das.“ Das Berliner Straßenbahnnetz ist das drittgrößte der Welt, nach dem in Melbourne und dem in Sankt Petersburg.

Mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!

Anneliese Bödecker, Sozialarbeiterin

Geschichte auf Schritt und Tritt allein kann nicht der Grund sein, dass Berlin so viele Menschen fasziniert. Zumal: Die Stadt kann auch gewaltig nerven. Anneliese Bödecker, Sozialarbeiterin und Trägerin des Verdienstordens der Stadt Berlin (1999), empfand Berlin als „abstoßend, laut, dreckig und grau“, die Berliner als „unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch“. Aber: „Mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können!“

Was also macht den Reiz dieser Stadt aus? Rainer Klemke antwortet nicht sofort, er wägt ab und sagt schließlich: „Offenheit.“ Nach einer weiteren Denkpause ergänzt er: „Berlin ist die einzige Stadt der Welt, in der man sich nach vier Wochen als Einheimischer fühlen kann. Das ist eine Qualität der Stadt. Es ist erstaunlich, wie sehr diese Stadt Menschen aufsaugt. Eine so internationale Stadt wie Berlin kenne ich nicht auf der Welt.“

Berlin ist Heimat oder Wahlheimat von etwas mehr als 775.000 Menschen aus mehr als 190 Ländern. Und: Etwa 40 Prozent der fast 14 Millionen Touristen, die im Jahr 2019 die Stadt besuchten, kamen aus dem Ausland.

Nachtschwärmer 1922. Bis früh um Fünfe! So heißt das Aquarell von Lutz Ehrenberger. Damals wie heute gibt es in Berlin immer einen Grund zum Feiern. Foto: dpa picture alliance/akg images

Bereits in den 20er-Jahren war Berlin angesagt. Ganz im Sinne des Schlagworts (und Liedes) „Jeder einmal in Berlin“, mit dem das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt warb, strömten Besucher aus aller Welt in die Stadt. Die Entwicklung Berlins zu einer Weltstadt in jenen Jahren war auf keinem Gebiet so offenkundig wie auf dem der Kultur: Es gab zeitweise vier Opernhäuser und drei große Revuetheater, drei Varietés, zahlreiche Theater, Kabaretts und Kleinkunstbühnen.

Freizügig war dieses Berlin, lustvoll, schamlos. Der Schriftsteller Stefan Zweig nannte die Stadt das „Babel der Welt“.

Das heutige Berlin steht dem gestrigen in nichts nach. Es ist die einzige Stadt der Welt, in der drei Opernhäuser bespielt werden. Die Stadt bietet außerdem rund 150 Theaterbühnen (Schauspiel, Musical, Kabarett, Varieté), 175 Museen und 300 Galerien sowie eines der populärsten Filmfestivals in Europa, die alljährlich stattfindende Berlinale.

Freizügig ist auch die gegenwärtige Stadt.

Der Reiz Berlins speist sich aus der Vorstellung, dass hier jede und jeder „frei nach Schnauze“ leben kann (manch eine und manch einer kann): in einem Café bis in den späten Nachmittag frühstücken, im Neuen Museum die Nofretete anhimmeln, auf einer Wiese in einem Park den Tag verdösen, in der Deutschen Oper Katharina Thalbachs Inszenierung von „Il Barbiere di Siviglia“ sehen, an einer Imbissbude eine Currywurst mampfen oder in einem Sterne-Restaurant speisen, im Späti (Spätverkaufsstelle) einen Absacker nehmen: ein letztes Bierchen oder ein erstes Schnäpschen oder beides – und das, was von den Tagen und Nächten übrig bleibt, dafür nutzen, sich beruflich selbstständig zu machen.

Berlin-Blockade 1948/49: West-Berliner beobachten ein Transportflugzeug (Rosinenbomber) der US Air Force im Landesanflug auf den Flughafen Tempelhof. Foto: imago images/United Archives International/Henry Ries

Selbstständig handeln konnte Berlin nach 1945 lange nicht. Die Stadt wurde nach 1945 Sitz der Alliierten Kommandantur und des Alliierten Kontrollrats für ganz Deutschland – und als Vier-Sektoren-Stadt zum zentralen Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen den Westmächten USA, Großbritannien, Frankreich einerseits und der Sowjetunion andererseits. Die Höhepunkte waren:

- Berlin-Blockade 1948/49. Weil sich die Siegermächte über eine Währungsreform nicht einigen können oder wollen, sperrt die Sowjetunion alle Zufahrtswege nach West-Berlin; daraufhin sichern die Westmächte die Versorgung der Stadt über eine Luftbrücke („Rosinenbomber“). Die „erste Schlacht des Kalten Krieges“ (Egon Bahr, Politiker) führt zur Spaltung des Berliner Magistrats (September 1948) und zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland (Mai 1949) und der Deutschen Demokratischen Republik (Oktober 1949).

- Volksaufstand 1953. Der Beschluss der DDR, den Aufbau des Sozialismus zu beschleunigen und dafür die Arbeitsnormen zu erhöhen, löst eine Welle von Protesten aus, auch in Ost-Berlin. Die Sowjetarmee schlägt sie nieder. Mindestens 55 Menschen kommen dabei um.

- Berlin-Ultimatum 1958. Die Sowjetunion fordert den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland innerhalb von sechs Monaten und den Abzug der Westmächte aus West-Berlin, das eine „freie und entmilitarisierte“ Stadt werden soll. Die USA machen deutlich, die Stadt verteidigen zu wollen. Das Ultimatum verstreicht folgenlos.

- Mauerbau 1961. Die DDR riegelt die Grenzen nach West-Berlin ab. Damit beginnt der Bau der Berliner Mauer (offiziell „Antifaschistischer Schutzwall“). Die DDR beendet so die politisch und wirtschaftlich motivierte Massenflucht ihrer Bürger. Bis 1989 werden mindestens 140 Menschen an der Mauer getötet.

Wo einst die Berliner Mauer stand, wird heute mit Grundstücken spekuliert

Über die Schwedter Straße und die Kremmener Straße setzt Klemke den Spaziergang auf dem Mauerweg fort. Der Weg verläuft parallel zur Bernauer Straße, quert die Wolliner, die Swinemünder und die Ruppiner Straße. Stahlbänder im Boden zeigen den Verlauf von Hinterlandmauer, Signalzaun, Postenweg; Schautafeln und Audiopfosten berichten über die Geschichte der Mauer. Eine Reihe von Neubauten steht hier. Es gibt noch Baugrundstücke. Manche scheinen schon länger ausgewiesen, dem Wildwuchs nach zu urteilen. Klemke vermutet: „Die spekulieren wohl noch.“

Auf der Brunnenstraße, in Höhe des Hauses Nummer 47, steht das Conrad-Schumann-Memorial; an der Fassade des gegenüberliegenden Eckhauses prangt ein gewaltiges Foto. Das Foto zeigt, wie der 19-jährige DDR-Grenzpolizist Schumann, den Schulterriemen seiner Maschinenpistole abstreifend, über eine Stacheldrahtrolle in den Westen springt. Am 15. August 1961 ist dieses Foto geschossen worden, zwei Tage nachdem die DDR die Sektorengrenze abgeriegelt hatte.

Nirgendwo sind die Folgen des Mauerbaus gegenwärtiger als an der Bernauer Straße. Dort befindet sich die Gedenkstätte Berliner Mauer. Seitdem sie Ende der 90er-Jahre öffnete, hat sich die Zahl der Besucher vervierzigfacht: von jährlich 30.000 auf 1,2 Millionen.

Mauerbau 1961: Stein für Stein wächst die Mauer, die Ost-Berliner Arbeiter im August des Jahres an der Bernauer Straße errichten. West-Berliner Polizisten und Passanten sehen dem ungläubig zu. Foto: dpa picture alliance

Die Bernauer Straße. Seit der Bildung Groß-Berlins lagen die Grundstücke der Südseite im Bezirk Mitte, die der Nordseite im Bezirk Wedding. Die Sektorengrenze verlief nach 1945 entlang der Straße. Auf der Südseite markieren Stahlstäbe den Verlauf der Mauer ab 1961. Sie sind so hoch wie früher die Mauersegmente: 3,60 Meter.

Auch hier liegen Stahlbänder im Boden. Sie weisen auf Fluchttunnel hin.  Zum Beispiel auf den, der unter der Bernauer bis unter die Strelitzer Straße führte. Über einen Tunnel im Hinterhof des Hauses Nummer 55 flohen Anfang Oktober 1964 innerhalb von zwei Tagen 57 Menschen in den Westen. Bei einem Schusswechsel wurde ein Unteroffizier der Grenztruppen, Egon Schultz, von einem Fluchthelfer verletzt und von einem Kameraden erschossen, versehentlich. Die DDR behauptete wider besseres Wissen, er sei von dem Fluchthelfer getötet worden.

Langsamen Schrittes nähert sich Rainer Klemke einem ovalen Gebäude. Es ist die Kapelle der Versöhnung, errichtet auf dem Fundament der Versöhnungskirche. Hier finden dienstags bis freitags Andachten für Opfer der Mauer statt. Ein Roggenfeld umgibt die Kapelle, die Ähren stehen still. „Im Jahr 2005 wurde es angelegt“, sagt Rainer Klemke, „unter dem Motto: Wo gesät werden kann, ist Frieden.“

Mittelpunkt der Gedenkstätte Berliner Mauer ist eine Grenzanlage, bestehend aus Hinterlandmauer, Signalzaun, Kolonnenweg und L-förmigen Mauersegmenten sowie einem – nachträglich errichteten – Wachturm im Originalzustand. Der Anlage schließt sich eine frei stehende Wand aus rostendem Stahl an, das Fenster des Gedenkens. Hier befinden sich die Porträts von 130 Menschen, die an der Mauer erschossen wurden oder tödlich verunglückten. Eine Stele in unmittelbarer Nähe erinnert an die acht getöteten DDR-Grenzsoldaten.

Mit Beginn des Kalten Krieges begab sich das geteilte Berlin auf die Suche nach einer neuen Identität. West-Berlin verstand sich als Vorposten und Insel der Freiheit, auch als Schaufenster des Westens. Jahr für Jahr floss viel Geld aus Bonn in die Stadt (Berlin-Zulage). Ost-Berlin fand sein Selbstverständnis als Hauptstadt der DDR, als Vorzeigestadt des Sozialismus. Wie ihre Westschwester lebte sie auf Kosten des Rests des Landes. Es gab hier Waren, die es in anderen ostdeutschen Städten nicht gab. Und um die Stadt für die 750-Jahr-Feier 1987 herauszuputzen, wurde die Bauindustrie landesweit abgezogen.

Inmitten beider Halbstädte entwickelten sich zeitversetzt alternativ lebende, staatskritisch denkende und oppositionell handelnde Szenen. West-Berlin wurde ab der zweiten Hälfte der 60er-Jahre zum Zentrum der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Die Studentenbewegung kämpfte für eine Demokratisierung der Hochschulen, gegen die Notstandsgesetzgebung der Bundesregierung und gegen das Verdrängen der Verbrechen des Nationalsozialismus, den Vietnamkrieg der USA, den Kapitalismus an sich. In Ost-Berlin erwuchs ab Ende der 70er-Jahre aus Kirchengemeinden, Friedens- und Umweltgruppen eine Bürgerrechtsbewegung, die bei der friedlichen Revolution 1989, die zum Fall der Mauer führte, eine mitentscheidende Rolle spielte.

Brandenburger Tor im September 1989: DDR-Grenzer bewachen die Mauer, sie wird zwei Monate später fallen. Foto: dpa picture alliance/Horst Sturm
Brandenburger Tor im September 2010: Der Pariser Platz, neu bebaut, hat sich zu einem Ort des Flanierens entwickelt. Foto: dpa picture alliance/Jens Kalaene

Die Wunden des geteilten Berlins zu schließen, nicht nur in städtebaulicher Hinsicht, lautete das Gebot der Stunde nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Die Stadt wurde zur Werkstatt der Einheit.

Mit Inkrafttreten des Einigungsvertrages im September 1990 war Berlin Bundeshauptstadt geworden. Aber erst nachdem der Bundestag in Bonn im Juni 1991 den Antrag „Vollendung der Einheit Deutschlands“ mit einer Mehrheit von 18 Stimmen angenommen hatte, erfolgte die Verlegung von Regierungs- und Parlamentssitz nach Berlin.

Die Mauer war schon 1991 weitgehend verschwunden; etliche Segmente und ungezählte Stücke waren in die ganze Welt versteigert, der große Rest zermahlen und als Straßenbelag verkauft worden. Das längste Mauerstück, das erhalten geblieben ist, steht an der Spree in Friedrichshain: die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery, bemalt von Künstlern aus aller Welt. 1994 verschwanden auch die Soldaten, die amerikanischen, britischen und französischen im Juni, die sowjet-russischen im August.

Die wiedergeborene Metropole Berlin entwickelte sich nicht so wie erhofft: Fördergelder entfielen, Arbeitsplätze gingen verloren, Bewohner zogen weg. Um sich aufzupäppeln, strebte Berlin eine Länderfusion mit Brandenburg an. Die Berliner stimmten 1996 dafür (53,4 Prozent), die Brandenburger dagegen (62,7 Prozent).

Die Stadt ist ein Sehnsuchtsort für jene geworden, die ihr Leben gerne selbst definieren.

Jens Bisky, Buchautor

Viel Licht und viel Schatten gab es seit den 90er-Jahren. Zu den lichten Momenten zählen Christos Kunstaktion „Verhüllter Reichstag“ 1995, die fünf Millionen Besucher anzog, und die Fußball-WM der Männer 2006, die als „Sommermärchen“ in Erinnerung geblieben ist. Der Berliner Bankenskandal 1994 fällt in die Kategorie Schatten; der Bauskandal um den Flughafen Berlin Brandenburg ebenso – er soll mit neunjähriger Verspätung in diesem Oktober eröffnet werden.

„Nahezu alle Akteure der Stadtentwicklung wirkten in den zurückliegenden drei Jahrzehnten überfordert“, schreibt Jens Bisky in seinem Buch „Berlin. Biographie einer großen Stadt“: mit Berlin fremdelnde Bundespolitiker, viel Geld verprassende Landespolitiker und auf ihren Kiez beschränkte Bezirkspolitiker, verpeilte Architekten und floskelnde Journalisten, naive Bohemiens und nörgelnde Durchschnittsbürger. Aber: „Sie alle zusammen schafften in ihrer Überforderung, im Gegen- und Miteinander, Großartiges. Die Stadt ist ein Sehnsuchtsort für jene geworden, die ihr Leben gerne selbst definieren.“

Jedoch: Nicht allen ist das gegeben. Laut Statistik zählt die Stadt zu den vier Bundesländern, in denen die Gefahr zu verarmen am größten ist (Stand: 2019).

Der Spaziergang nähert sich seinem Ende. Rainer Klemke betritt die Gartenstraße und von dort den unterirdischen S-Bahnhof Nordbahnhof, als Stettiner Bahnhof 1936 eröffnet, als Teil des gleichnamigen anliegenden Fernbahnhofs. Die Station wurde mit dem Bau der Mauer zum Sperrgebiet. Auf der Verteilerebene des Bahnhofs befindet sich eine Dauerausstellung. Grafiken und Fotos zeigen, wo die Züge im geteilten Berlin verkehrten und vor allem: wo nicht mehr. Der Nordbahnhof war als Grenzbahnhof ein Geisterbahnhof.

„Diese Stadtgeschichte ist so unglaublich vielfältig“, sagt Klemke, bevor er sich verabschiedet. „Jede Woche lernt man was Neues kennen, mindestens.“ Wie mag es da erst einem Berlin-Besucher ergehen? Wo Klemke den Spaziergang begann, auf dem Platz des 9. November 1989, da hat jemand in großen kyrillischen Buchstaben auf die Hinterlandmauer geschrieben: Mama, ja w Berline (Mama, ich bin in Berlin). Es liest sich wie ein Grund zum Feiern.