Candy Crash trat auch in Heidi Klums Show „Queen Of Drags“ auf. Foto: Zvg

Der Christopher Street Day rückt näher – und viele Unternehmen beginnen, sich mit Regenbogen-Flaggen zu schmücken. Sie wollen zeigen, dass sie die LGBTQ-Szene unterstützen – und das, obwohl sie sich für die Menschen aus der Szene für den Rest des Jahres nicht interessieren. „Pinkwashing“ nennt sich dieses Phänomen, vorgegaukelte Toleranz zu Werbezwecken. Eine Berliner Dragqueen geht nun auf die Barrikaden.

In Heidi Klums TV-Show „Queen of Drags“ wurde sie bekannt, jetzt meldet sie sich mit einer Wut-Rede im Internet zu Wort: Candy Crash, eine Berliner Dragqueen, verdient ihr Geld zu Teilen mit Werbung im Internet. Und schießt nun scharf gegen eben jene Industrie. „Liebe Leute, es reicht mir“ – so beginnt ein Video, das sie jetzt auf ihrem Instagram-Profil veröffentlichte. Und in dem sie mit dem Phänomen des „Pinkwashing“ abrechnet.

„Für viele Werbeaufträge werde ich nie in Betracht gezogen, weil ich als Homosexueller nicht die Zielgruppe repräsentiere, die die meisten Firmen haben wollen“, sagt sie dem KURIER. Doch dann, rund um den CSD, wendet sich das Blatt: Plötzlich suchen Unternehmen für ihre Werbung nach Gesichtern aus der LGBTQ-Szene. „Seit Anfang Juni habe ich jeden Tag zwei bis drei Anfragen.“

Viele dieser Firmen interessieren sich für den Rest des Jahres kaum für die Menschen aus der LGBTQ-Szene. „Sie hängen nur jetzt die Regenbogenflaggen in ihre Fenster und nutzen den Party-Charakter des CSD für ihr Marketing. Dabei ist es eine politische Veranstaltung, bei der wir für unsere Rechte kämpfen.“ Es reiche nicht, einmal im Jahr für Toleranz und Vielfalt einzutreten. 

Beim Christopher Street Day wird auch in Berlin gefeiert – und für die Rechte von Schwulen und Lesben gekämpft. Foto: Imago Images/Bernd König

Hinzu kommt: Zahlen wollen die Unternehmen meist nicht für die Werbung, kritisiert Candy Crash. „Die machen Umsätze in Millionenhöhe. Aber wenn ich nach der Gage für eine Werbeaktion frage, verstecken sie sich dahinter, dass sie damit angeblich die schwule Szene unterstützen.“ Ihr Video, in dem sie auf diese Missstände aufmerksam macht, wurde tausendfach angeklickt – und bekommt reichlich Unterstützung.

„Pinkwashing“ ist auch anderen Mitgliedern der Szene seit Jahren ein Dorn im Auge. Dragqueen und Polit-Aktivistin Margot Schlönzke beobachtet schon lange, dass große Unternehmen gern mit Regenbogenfahnen ihr Image aufpolieren. „Sie mögen es, sich mit großen Wagen beim CSD zu präsentieren – aber zeigen damit nur den heterosexuellen Besuchern am Straßenrand, dass sie angeblich tolerant sind“, sagt sie. „Denn die Mitglieder der Szene bekommen davon gar nichts mit, weil sie selbst bei der Parade mitlaufen.“

Margot Schlönzke ist Entertainerin – und setzt sich für die Rechte der Menschen in der LGBTQ-Szene ein. Foto: Imago Images/Frederic Kern

Noch schlimmer: In der Pride-Saison bringen etwa Modemarken immer mehr Klamotten in Regenbogenfarben auf den Markt. Der Mode-Gigant Adidas brachte sogar eine Regenbogen-Adilette auf den Markt. „Damit gaukeln solche Firmen vor, dass sie der Szene helfen. Sie wollen aber nur ihre Produkte verkaufen“, sagt Schlönzke. „Eine Unterstützung erfolgt nicht und in den anderen elf Monaten kümmern Sie sich nicht um uns.“

In diesem Jahr – der CSD wird angesichts von Corona nicht mit großen Paraden gefeiert – hätten einige Unternehmen angekündigt, keine Kampagnen zu starten. „Sie sagen: Es gibt keinen CSD. Aber das ist ein Irrtum. Der Christopher Street Day ist ein historischer Tag, er wird in diesem Jahr nur anders gefeiert.“ Schlönzke wünscht sich, dass Firmen das Geld, das sie in Kampagnen gesteckt hätten, nutzen, um der Szene wirklich zu helfen. „Es gibt so viele Projekte in der Jugendarbeit – und die queere Kultur ist in diesem Jahr mehr denn je auf Unterstützung angewiesen. Wenn man Gutes tun will, reicht es nicht, das eigene Firmenlogo in Regenbogenfarben zu gestalten.“

Jurassica Parka ist seit Jahren eine feste Größe in der Berliner Dragqueen-Szene. Foto: Markus Wächter

So sieht es auch Dragqueen Jurassica Parka – auch sie konnte bereits Erfahrungen mit „Pinkwashing“ sammeln. „Immer, wenn die Saison beginnt, bekomme ich die krudesten Anfragen von Leuten, die sich sonst nicht für die Szene interessieren“, sagt sie dem KURIER. „Ich kaufe den großen Unternehmen nicht ab, dass sie wirklich daran interessiert sind, die Szene zu unterstützen.“

Auch ihr wurde für Werbe-Aufträge unter dem Charity-Deckmantel die Gage verwehrt. „Eine Unverschämtheit – kostenlose Werbung auf dem Rücken der queeren Künstler.“ Sie wünscht sich, dass die Szene auch für den Rest des Jahres wahrgenommen wird. „Firmen, die nur für einen Monat Regenbogenfahnen in ihre Fenster hängen, können es auch gleich bleiben lassen.“