Alexander Kaufhold vor seinem zugemauerten Schlafzimmerfenster.

Foto: Volkmar Otto

Berlin braucht dringend neue, bezahlbare Wohnungen. Um diese zu bauen, wird offenbar auch mit harten Bandagen gekämpft. So im Lichtenberger Weitlingkiez, wo einem Mieter in der Rupprechtstraße gegen seinen Willen Fenster in der Wohnung zugemauert wurden, damit die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge bis Ende 2022 an der Fassade einen Lückenbau mit 33 neuen Wohnungen errichten kann.

Im Schlaf- und im Wohnzimmer von Alexander Kaufhold (33) sieht es gespenstisch aus. Die Räume wirken beim Betreten ungewöhnlich dunkel, es riecht nach frischem Mörtel. Den Grund sieht man sofort. In den beiden Zimmern, die jeweils zwei Fenster haben, ist je eines davon zugemauert. Aus ihnen konnte Kaufhold vor kurzem noch auf den grünen Innenhof schauen. Jetzt starrt er auf zwei mit grauen Ziegelsteinen gefüllte Fensterrahmen, durch die kein Sonnenstrahl mehr kommt. „Ich fühle mich regelrecht eingemauert. Meine Lebens- und Wohnqualität ist dahin.“

Mitte Juni wurde an der Fassade ein Gerüst aufgebaut, an einem Freitag kamen dann die Arbeiter. Weil Kaufhold sie nicht in die Wohnung im dritten Stock ließ, mussten die Fenster von außen zugemauert werden. „Es wurde einfach gemacht, obwohl die Howoge für das Einmauern der Fenster nicht meine Zustimmung hatte“, sagt er. Doch diese hätte der Vermieter offenbar gebraucht.

Mieter gegen Wohnungsunternehmen: Vor einem Jahr ging der Kampf los

Das Drama begann vor über einem Jahr. Da hatte die Howoge den Mietern in der Rupprechtstraße schriftlich mitgeteilt, an der Giebelwand zur benachbarten Eitelstraße ein Mehrfamilienhaus mit 33 Wohnungen zu errichten. Mit dem Hinweis, wie dringend in Berlin bezahlbare Quartiere gebraucht werden, da immer mehr Menschen in die Stadt kämen. Daher sei der Neubau wichtig. 17 Sozialwohnungen für Mieter mit WBS-Schein sollen darin entstehen. „Es handelt sich um eine Blockrandbebauung, einen klassischen Lückenschluss“, sagt Howoge-Sprecherin Sabine Pentrop.

Die zugemauerten Fenster an der Giebelwand des Wohnhauses Rupprechtstraße 3, die im dritten Stock gehören zu der Wohnung von Kaufhold. An der Fassade will die Howoge einen Neubau mit 33 Wohnungen anbauen.

Foto: Volkmar Otto

Da der Neubau an das Haus an der Rupprechtstraße angebaut wird, müssen die Fenster an der Giebelwand verschlossen werden, so die Sprecherin. Pro Wohnung seien es zwei Fenster. Um einen Ausgleich für die zugemauerten Fenster zu schaffen, soll bei Kaufhold im Wohnzimmer das noch offene Fenster durch ein neues, größeres ersetzt werden, das bis zum Boden reichen soll. Einen Ersatz für das zugemauerte Fenster im Schlafzimmer würde es laut Howoge nicht geben. Das vorhandene Fenster würde für eine „gut ausreichende Belichtung des Raumes reichen“, die  gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Das Vorhaben sei baurechtlich genehmigt.

In dem Schreiben der Howoge war eine Einwilligungserklärung angefügt, mit der Mieter mit ihrer Unterschrift ihr Einverständnis mit den Maßnahmen bekunden sollten. „Alle Mietparteien haben den Maßnahmen zugestimmt – bis auf eine“, sagt die Howoge-Sprecherin.

Mieter hat angeblich Gespräche verweigert

Aus gutem Grund hätte Kaufhold sein Einverständnis nicht gegeben und auch Begehungen der Wohnung im Vorfeld der Bauarbeiten abgelehnt, wie er meint. „Mir geht es nicht darum, einen Neubau zu verhindern. Ich wollte ein persönliches Gespräch mit Vertretern der Howoge führen.“ Das war Kaufhold wichtig. Denn eine sonst übliche Mieter-Informationsversammlung fand wegen der Corona-Pandemie nicht statt.

Auch ein Fenster im Wohn- und Arbeitszimmer wurde zugemauert.

Foto: Volkmar Otto

„Ich wollte in dem Gespräch erfahren, was da mit den Baumaßnahmen auf mich zukommt, welche Veränderungen sie bedeuten“, sagt Kaufhold. Auch wenn die Howoge schriftlich versicherte, „die Räume, in denen die Fenster zurückgebaut werden, malermäßig wieder entsprechend den Wünschen der Mieter herzurichten“: „Mit dem Wegfall der Fenster wäre die Wohnung ja nicht mehr dieselbe gewesen, in die ich vor fast zehn Jahren einzog“, sagt Kaufhold.

Dazu kämen die Bauarbeiten in der Wohnung. „Ich bin IT-Berater, muss wegen Corona von zu Hause arbeiten. Mit Umbauarbeiten in der Wohnung wäre viel Stress auf mich zugekommen. Es sollten neben den Fenstern auch noch Arbeiten an der Heizungsleitung stattfinden.“

Laut Kaufhold kam es nur zu einem Telefonat, nicht aber zu dem gewünschten Gespräch. Es gab nur schriftlichen Kontakt, so der Mieter. Howoge-Sprecherin Pentrop erklärt hingegen: Der Mieter „hat sich zahlreichen Gesprächsangeboten und Versuchen der Kontaktaufnahme verweigert“.

Eingemauerter Berliner: Gericht ließ Fenster-Mauerbau zu

Kaufhold sieht das anders. Er habe der Howoge vorgeschlagen, vor den Bauarbeiten auszuziehen und sich selber eine Wohnung zu suchen, wenn die Howoge ihm eine Aufwandsentschädigung von 10.000 Euro zahle. Die Forderung fand er nicht zu hoch. „Umzüge sind teuer, eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist auch schwierig. Ich muss ja damit rechnen, künftig wesentlich mehr Miete zu zahlen.“ Für die jetzige fast 70 Quadratmeter große Wohnung zahle er monatlich 565 Euro warm. „So etwas finde ich in Berlin garantiert  nicht so schnell wieder.“

Die Howoge lehnte die Forderung ab, zeigte sich aber bereit, Umzugskosten bis zu 2000 Euro gegen Vorlage von Rechnungen zu zahlen. Kaufhold, der sich einen Anwalt nahm, schlug aber auch vor, dass die Howoge ihm eine gleichwertige Ausgleichwohnung zur Verfügung stelle mit Übernahme der Umzugskosten. Doch darauf hätte die Wohnungsbaugesellschaft nicht reagiert, so der Mieter.

Der Howoge sei es bewusst, dass die Baumaßnahmen eine Belastung für alle Mieter seien, so die Sprecherin. Da es bis auf eine Ausnahme eine vollständige Zustimmung der Mieter gebe, zeige, dass die Howoge mit dem Neubau einen wichtigen Beitrag zur Entspannung der Wohnungsmarktlage in Berlin leiste.

Und so kam es, dass die Howoge alle Fenster an der Giebelseite zumauern ließ. Da die Einwilligung von Kaufhold fehlte, zog der Vermieter vor Gericht. „Um das Bauvorhaben starten zu können, haben wir eine Duldungsklage eingereicht, der stattgegeben wurde“, sagt die Sprecherin. „Vor zwei Wochen wurden daraufhin die Fenster von außen verschlossen.“ Auch wenn sich Mieter Kaufhold dem Urteil erst einmal beugen musste – aufgeben will er auf keinen Fall. „Noch ist das letzte Wort in der Angelegenheit nicht gesprochen.“