Michael Falkenthal (61, Landschaftspfleger) und die Bratwurst, zur Stärkung nach dem Piks.

Volkmar Otto

Die Impfquote schwächelt. Daher wurden die vergangenen Tage zur nationalen Aktionswoche unter dem Motto #HierWirdGeimpft ausgerufen. Bürgerinnen und Bürgern sollte ein lebensnahes und attraktives Impfangebot unterbreitet werden und das auch noch an besonderen Orten. Davon hatte Berlin auch ein paar zu bieten. Wir haben jeden Tag einen besucht. Festhalten lässt sich: Niedrigschwellige Impfangebote werden von den Bürgerinnen und Bürgern durchaus angenommen.

Montag, auf dem Schiff „Alexander von Humboldt“

Zu Beginn der Aktion lautete das Versprechen: Impfen mit Seeblick. Die Woche startete auf dem Schiff „Alexander von Humboldt“. Im Fahrgastraum lagen die Spritzen bereit. Doch zunächst kamen keine Impfwillige, sondern erstmal eine große Gruppe Impfgegner, die der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) ihre zerrissenen Impfeinladungen vor die Füße warfen. Ein leicht holpriger Start.

Markus Wächter
Die bundesweite Impfwoche startet auf dem Impfschiff „Alexander von Humboldt“ mit der DRK in Treptow. Mitarbeiterin Natascha Warkulat und Dr. Immanuel Hartmann vor dem Bootssteg.

Dienstag, Markthalle 9

In der Markthalle 9 in Kreuzberg beginnt am Dienstag eine fünftägige Impfaktion, täglich können Besucher der Halle sich hier von 12 bis 16 Uhr spontan mit dem Vakzin von Moderna immunisieren lassen. Um 13 Uhr bildet sich bereits eine kleine Schlange zwischen Zwiebeln und frisch gebackenem Brot in der nordwestlichen Ecke der Markthalle an der Pücklerstraße.

In der Ecke der Markthalle ist mit weißen Planen eine Fläche von ungefähr zehn Quadratmetern abgedeckt, dort wird geimpft. Ein junger Kreuzberger tritt schon ungeduldig von einem Turnschuh auf den anderen. Dann bekommt er Unterlagen, die ihn über die Erst-Impfung mit Moderna belehren. Warum er sich erst jetzt impfen lässt?

„Die Impfzentren waren alle so weit weg und ich bin nicht so richtig dazu gekommen, hinzufahren“, sagt der junge Mann und erzählt, wie er nun darauf gekommen ist, sich in der Markthalle impfen zu lassen: „Ich habe das über einen Hashtag in den sozialen Medien erfahren und dachte: Da gehe ich schnell hin, ist ja um die Ecke.“

Sarah Maaß, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit beim Impfprojekt des Arbeitersamariterbundes, der heute die Impfaktion in der Markthalle organisiert, ist sehr überrascht über den Andrang. Auch sie hat den geringen Erfolg der Impfaktion auf dem Schiff in Treptow mitbekommen und war etwas in Sorge. „Genaue Zahlen dürfen zwar nicht genannt werden, aber in der ersten Stunde wurden hier schon über zehn Leute geimpft“, sagt Maaß. 60 Dosen Moderna sind heute im Gepäck, wenn die nicht reichen, kann nachgeliefert werden. Noch ein Unterschied zum Vortag in Treptow: In der Markthalle sind heute keine herumschreienden Impfgegner angerückt.

Mittwoch, Gratis-Döner am Leopoldplatz

„Stimmt das mit dem Gratis-Döner?“ Um punkt 13 Uhr stehen schon die ersten Interessierten vor der Dönerbude Kaplan direkt am U-Bahnhof Leopoldplatz und fragen bei den Mitarbeitern nach der von der Berliner Gesundheitsverwaltung groß ankündigten Impfaktion. Ja, es stimmt! Wer sich heute am Leopoldplatz impfen lässt, bekommt einen Gratisdöner.

Wer sich am Mittwoch am Leopoldplatz impfen lässt, bekommt bei Kaplan einen Gratis-Döner. Gerd Engelsmann

Das lässt sich auch Maria nicht entgehen, die nur ihren Vornamen verraten möchte. Die Weddinger Mutter in ihren Dreißigern ist Genesene, mit ihrem Sohn im Kinderwagen überquert sie die große Kreuzung Müllerstraße/Luxemburger Straße, an der es immer laut ist. Etwas verwirrend: Geimpft wird nicht bei Kaplan, sondern diagonal gegenüber auf dem Leopoldplatz, direkt vor der Nazarethkirche.

Hier ist das Impfangebot kaum zu übersehen: „Erst impfen, dann Gratis-Döner!“ ist auf einem kopfhohen Transparent zu lesen. Das überzeugt wohl auch einen jungen Mann, der in der Nähe rauchend an einer Wand lehnt. Nach dem er die Szenerie vor dem Impfzelt eine ganze Weile misstrauisch beobachtet hat, stellt er sich schließlich auch in die Schlange.

Als Maria um 13.15 Uhr am Impfzelt ankommt, stehen schon mehr als 15 Impfwillige in der wachsenden Warteschlange, eine erste alte Dame wurde bereits geimpft. Sie hat sich mit der Impfung Zeit gelassen, weil sie bereits Corona hatte und schlicht keine Zeit hatte, erzählt Maria vor der Impfung. Auf Twitter hatte sie dann den Tweet des „Wedding-Weisers“ gesehen, der auf die Aktion hinwies. Nach der Impfung mit Moderna holt sich Maria ihren Döner ab – mit scharfer Sauce, wie sie ihn am liebsten isst.

Donnerstag, After-Work-Impfen bei klassischer Live-Musik

Der 61-jährige Landschaftspfleger Michael Falkenthal streckt zufrieden seine Bratwurst in den Spätsommerhimmel vor dem Impfzentrum. Soeben hat er seine erste Biontech-Dosis gespritzt bekommen. Das Impfzentrum hat das Angebot noch einmal nachgebessert: Zu dem bereits angekündigten alkoholfreien Bier (nach der Impfung sollte auf Alkohol verzichtet werden) gibt es auch noch eine Wurst, in Falkenthals Fall klassisch mit Senf. Von der After-Work-Impfaktion mit Musik hat er zufällig gehört und die Gelegenheit beim Schopf gepackt.

Am Donnerstag und Freitag konnte man sich im Impfzentrum Messe Nord von 17.30 bis 22.30 Uhr bei klassischer Live-Musik impfen lassen. Schon beim Betreten der Hallen, in denen die Impfstraßen aufgebaut sind, hört man Geige und Klavier. Gerade erklingt der Frühling aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Die beiden Violinistinnen Julia (13) und Maya (15) werden von ihrer Mutter Megumi Ito am Bechstein-Flügel begleitet. Beide sind bereits Jungstudentinnen an der Universität der Künste, also hochtalentiert. Die Performance des Frühlings führt zu langem Applaus der frischgeimpften Zuhörerinnen und Zuhörer.

Jungstudentin der UdK, Julia (13), musiziert mit ihrer Mutter, Megumi Ito, für die Besucher des Impfzentrums.
Volkmar Otto

„Wir haben den Frühling ausgewählt, weil den wirklich alle kennen und immer gerne hören“, sagt Maya mit ihrer Geige in der Hand. Die Nachbarin einer Freundin arbeitet im Impfzentrum und als die beiden Schwestern gefragt wurden, ob sie im Impfzentrum spielen würden, haben sie nicht lange gezögert. Begeistert von dem Auftritt ist auch der Betreiber des Impfzentrums, Wolfgang Klose: „Im Moment sind wir nicht voll ausgelastet. In den letzten Wochen sind spürbar weniger Menschen zum Impfen gekommen. Um hier noch zu motivieren, machen wir solche Aktionen wie heute.“

Ob der recht große Andrang im Impfzentrum heute an der Aktion liegt, könne man nicht sagen. Wesentlich mehr Impfwillige als an jedem anderen Tag seien es heute bisher nicht. Am späteren Abend spielt der Berliner Pianist Leonard Baumgart für die Besucher des Impfzentrums, für Unterhaltung ist also den ganzen Abend gesorgt und bis halb elf lauschen einige wenige Besucher des Impfzentrums seinem Klavierspiel.

Auch wenn man im Großen und Ganzen nicht feststellen kann, wie erfolgreich die Aktion im Impfzentrum Messe Nord bisher ist, so hat sie doch zumindest einen angelockt: Volker Baumung ist selbst Musiker und tatsächlich aus Moabit für die Musik gekommen, gerade Vivaldi hört er besonders gern. Nach der Impfung setzt er sich auf einen der Klappstühle für das Publikum und hört Maya und Julia aufmerksam zu.

Freitag, Impfen im Zoo

Freitagmittag, 12.15 Uhr. Said El Tayeb verlässt zufrieden das graue Impfzelt vor dem Elefantentor des Berliner Zoos an der Budapester Straße. In der Rechten hält er seine Impfdokumente, in der linken den Zoo-Gutschein, den er seiner Tochter geben will. „Ich bin Lastkraftfahrer, da steht mein Lkw. Jetzt habe ich ohnehin Pause und soll mich nach der Impfung auch erst einmal hier hinsetzen“, erklärt El Tayeb und deutet zu einem mit blinkender Warnlichtanlage abgestellten Lastwagen.

Wegen sehr seltener allergischer Reaktionen warten die Frischgeimpften noch kurze Zeit vor Ort, bevor sie wieder ihrer Wege gehen. El Tayeb hat, als er gerade in der Nähe war, im Radio von der Aktion gehört und ist spontan für seine Mittagspause zum Zoo gekommen. Jetzt hat er seine Erstimpfung mit Moderna, so schnell kann das gehen.

Der erstgeimpfte Lkw-Fahrer Said El Tayeb (hier vor dem Elefantentor des Berliner Zoos an der Budapester Straße) hat im Radio von der Impfaktion gehört und war gerade in der Nähe.
Volkmar Otto

Marley Harris von den Maltesern koordiniert die Impfaktion am Zoo, sonst ist er Leiter der Logistik des Impfzentrums Messe Nord. „Heute rechnen wir mit 300 Impfungen.“ Erklärt er vor dem Impfzelt, genaue Zahlen, wie viele schon geimpft wurden, dürfen die Mitarbeiter nicht herausgeben. Die Aktion scheint aber gut anzulaufen, denn im Zelt ist reger Betrieb.

Auch am Freitagabend kann man sich weiterhin im Impfzentrum Messe Nord bei klassischer Musik impfen lassen. Darüber hinaus gibt es über das gesamte Wochenende weitere kreative Impfmöglichkeiten in Berlin, die ohne Termin besucht werden können.