Blick auf den Eingang eines Seniorendomiziles. In einem Pflegeheim in Lichtenberg starben binnen fünf Wochen zwölf Menschen.  Jörg Carstensen/dpa

14 tote Heimbewohner innerhalb von fünf Wochen, 27 weitere Infizierte sowie 17 Mitarbeiter, die positiv auf Corona getestet worden sind – die Senatsverwaltung für Gesundheit zeigte sich gestern „bestürzt“ über die Ereignisse. Die Verwaltung lasse sich stetig berichten und stehe dazu im Austausch mit dem Bezirksamt Lichtenberg, versicherte ein Sprecher. Die Heimaufsicht sei tätig. Die Senatsverwaltung vertraue darauf, dass das Bezirksamt die Lage in den Griff kriege.

Vom Betreiber Kursana erwarte die Senatsverwaltung zudem „absolute Transparenz und nötigenfalls Konsequenzen“. Möglicherweise wird die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen, wenn unter anderem der Verdacht aufkäme, dass infizierte Pfleger wissentlich weiter zur Arbeit erschienen oder sie dazu angehalten waren.

Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen, dass so viele Menschen sterben mussten? Anfang Oktober gab es die ersten Corona-Fälle in dem Pflegeheim (wir berichteten). Eine verunsicherte Pflegerin wandte sich damals an den KURIER. Sie kritisierte, dass die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt schleppend laufe. Tests müssten persönlich abgeholt werden, Ergebnisse ließen auf sich warten.

Das hatte zur Folge, dass Mitarbeiter, die später positiv auf Corona getestet worden seien, bis dahin infiziert zur Arbeit erschienen. Außerdem fühlten sich die Mitarbeiter von der Heimleitung im Stich gelassen. Die Pflegerin zum KURIER: „Ein Kollege arbeitete noch tagelang weiter. Er war erkältet, das wussten wir alle. Erst ein paar Tage später wurde er nach Hause geschickt, weil sein Testergebnis inzwischen da war. Er war positiv.“

Eine Kursana-Sprecherin räumte an diesem Wochenende ein, dass in der Tat alle Testergebnisse erst am 3. November vorlagen – also fast einen Monat später.

Gesundheitsstadtrat Michael Schaefer befürchtet ebenso, dass sich die Patienten durch Personal angesteckt haben könnten, weil diese weiter mit Symptomen zur Arbeit gekommen seien.

Der zuständige Amtsarzt stellte für das Heim außerdem einen „subakuten Pflegenotstand“ fest, so ein Sprecher des Bezirksamtes Lichtenberg. „Subakut“ heißt eine Stufe niedriger als akut und bedrohlich. Eine angemessene Versorgung der Bewohner sei nach den jetzigen Umständen nicht gewährleistet, besonders weil viele Pflegekräfte infiziert seien und ausfielen.

Die Pflegerin warnte davor bereits Anfang Oktober: Es gebe kaum Ersatz, wenn Personal auf den Stationen ausfiele. „Wir arbeiten mit einem Leasingdienst zusammen, doch als die Mitarbeiter dort hörten, sie sollen in einem Corona infizierten Pflegeheim einspringen, haben die dankend abgewunken.“

Am vergangenen Freitag waren 14 Bewohner verlegt worden. Sie seien größtenteils in Krankenhäuser, aber auch in andere Heime gebracht worden, hieß es. Der Amtsarzt untersuche die Lage, auch um zu klären, ob es Mängel in dem Heim gegeben habe. Zudem solle es in dem Heim nun Infektions-Wohnbereiche geben, um infizierte von nicht-infizierten Bewohnern zu trennen. Ab Mitte nächster Woche sollen die Mitarbeiter vor Dienstantritt Corona-Schnelltests nutzen.