Mecklenburg-Vorpommern, Dierhagen: Der ehemaliger DDR-Staatschef Egon Krenz sitzt auf der Terrasse seines Hauses. Der letzte Staats- und Parteichef der DDR, der im Wendejahr 1989 Nachfolger von Erich Honecker wurde, wird am 19.03.2022 85 Jahre alt. Bernd Wüstneck/dpa

Egon Krenz führt ein ruhiges Leben an der Ostsee. Seit dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren sei die Familie noch enger zusammengerückt, sagt er. „Ich bin richtig stolz auf meine Kinder, Schwiegerkinder, Enkel und inzwischen auch schon einen Urenkel.“ Doch ist der ehemalige DDR-Staats- und Parteichef nicht einfach Familienmensch im Ruhestand. Er liest, er schreibt, er doziert. Zu viel ist aus seiner Sicht gerade zu rücken, zu viel richtig zu stellen, auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR.

Zwischen Beschönigen der DDR und Angriff auf den Westen

„Die Art und Weise der Vereinigung kritisiere ich auch heute noch“, sagt Krenz der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview zum 85. Geburtstag (19. März). Dabei spricht er am Telefon präzise, fast druckreif, routiniert zwischen Selbstverteidigung und Attacke. „Wir werden nach wie vor mehrheitlich vormundschaftlich aus dem Westen regiert und verwaltet“, beklagt er. Viele fühlten sich als Bürger zweiter Klasse, das Land sei gespalten, einige Medien verbreiteten Unwahrheiten, es gebe zu wenig Respekt vor DDR-Biografien.

Wir werden nach wie vor mehrheitlich vormundschaftlich aus dem Westen regiert und verwaltet

Egon Krenz

Gemeint ist wohl auch seine eigene Biografie. Denn nicht nur frühere DDR-Oppositionelle üben scharfe Kritik. Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse warf dem Ex-Funktionär vor, die DDR und das kommunistische System zu beschönigen. Der frühere Pastor und Bundespräsident Joachim Gauck sprach von „Herrenmenschen, die heute so tun, als hätten sie die Arbeiter und Bauern vertreten“.

Tom Sello, zu DDR-Zeiten in der Umweltbewegung und heute Berliner Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sagt im dpa-Gespräch über Krenz: „Sein Einfluss wurde bis 1989 immer größer. Damit ist er für zahlreiche Verbrechen der SED-Diktatur verantwortlich. Dieser Verantwortung stellt er sich nicht.“ Krenz' Bedeutungsverlust nach 1989 sei „für ihn schmerzlich und für uns alle ein Glück“. Der frühere Staatschef sei „ein bedeutungsloser Rentner, der die Freiheiten der demokratischen Gesellschaft an der Ostseeküste genießt“, meint Sello.

Von Anfang bis Ende DDR

Egon Krenz, geboren am 19. März 1937 in Kolberg, stand von Anfang bis Ende für die DDR. Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, Freie Deutsche Jugend, Nationale Volksarmee, Studium in Moskau, Aufstieg zum FDJ-Chef, seit 1973 Mitglied im SED-Zentralkomitee, seit 1983 im Politbüro und dort zuständig für Sicherheitsfragen.

Lange galt er als Kronprinz von Staats- und Parteichef Erich Honecker, doch erst in den Wirren des Umbruchs rückte Krenz am 18. Oktober 1989 an die Spitze: Generalsekretär des ZK der SED, Vorsitzender des Staatsrats und des Nationalen Verteidigungsrats. Doch es war zu spät, um die von Krenz proklamierte „Wende“ noch durchzusetzen - und die SED mit kleineren Zugeständnissen am Ruder zu halten. Nach 50 Tagen an der Macht war für Krenz Schluss.

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Prozess wegen Totschlags an der innerdeutschen Grenze

Es folgten der Ausschluss aus der zur PDS gewandelten SED, die Abwicklung eines ideologischen Lebenswerks. Und schließlich der Prozess vor dem Berliner Landgericht wegen der Toten an der innerdeutschen Grenze. Im August 1997 wurde Krenz wegen Totschlags zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt - ein Urteil, das durch alle Instanzen Bestand hatte. Vier Jahre saß Krenz ab.

Mit seiner Entlassung kurz vor Weihnachten 2003 sei „das Kapitel Haft abgeschlossen“ gewesen, sagt er heute. Aber es ist klar, dass diese Bestrafung weiter an ihm nagt: „Das Urteil über mich halte ich nach wie vor juristisch falsch.“ Das Rückwirkungsverbot sei verletzt, also die Regel, dass niemand im Nachhinein nach geändertem Recht verurteilt werden darf. „Geschichtlich wird das keinen Bestand haben.“

„Die DDR hatte die Waffen, ich hatte den Oberbefehl über alle bewaffneten Kräfte, aber der Wechsel in der DDR und die deutsche Einheit kamen, ohne dass auch nur ein Schuss gefallen ist

Egon Krenz

Zudem habe das Gericht im Urteil ausdrücklich gewürdigt, dass die DDR-Staatsmacht im Herbst 1989 nicht mit Schusswaffen und Panzern einschritt, insbesondere bei den ersten Großdemonstrationen in Leipzig im Oktober. „Die DDR hatte die Waffen, ich hatte den Oberbefehl über alle bewaffneten Kräfte, aber der Wechsel in der DDR und die deutsche Einheit kamen, ohne dass auch nur ein Schuss gefallen ist“, sagt Krenz und wagt die steile These: „Für den Fall, dass die Bundesrepublik Deutschland in ähnlicher Situation gewesen wäre wie die DDR 1989/90, bin ich mir sicher, dass sie nicht so friedlich gehandelt hätte wie die DDR.“

Krenz kein Friedensapostel von Leipzig

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nennt es in seinem Buch „Endspiel“ allerdings eine „Legende, Krenz sei der Friedensapostel von Leipzig gewesen“. Auch SED-Kritiker Sello sagt: „Ich persönlich habe nichts davon gemerkt, dass Herr Krenz SED-Sicherheitskräfte zurückgepfiffen hätte. Bei den Demonstrationen in Leipzig waren die lokalen Verantwortlichen auf sich gestellt und mussten Entscheidungen alleine treffen.“ Krenz sei andererseits als Politbüromitglied mit verantwortlich gewesen „für die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR und damit für Hunderttausende politisch Verfolgte“.

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DDR-Waffen für die Ukraine

Krenz ist sich hingegen sicher, dass die Geschichte das letzte Wort noch nicht gesprochen hat. „Es wird sicher früher oder später Generationen geben, die die Werte der DDR positiver beurteilen als das heute geschieht“, meint er. Die DDR nennt er den „einzigen deutschen Friedensstaat“ und empört sich, dass Waffen aus DDR-Beständen jetzt zur Verteidigung an die Ukraine gehen: „Wir haben 1989 nicht für eine friedliche Lösung politischer Probleme gekämpft, damit wir im Nachhinein zusehen, dass in Europa mit DDR-Waffen, die einst die Sowjetunion für die Verteidigung unseres Landes lieferte, nun neue Kriege geführt werden.“

Es ist eine sehr eigene Sicht der Dinge, die Krenz in den vergangenen Jahren auch in mehreren Büchern darlegte. Ab dem Sommer nun sollen seine Erinnerungen erscheinen – der erste von drei Bänden, betreffend die Jahre 1937 bis 1973. Die Dimension lässt ahnen, dass Krenz noch einiges vorhat.