Eine Frau geht am Sitz der KV Berlin vorbei, mit Mundschutz gegen eine Corona-Infektion.
Foto: Berliner Kurier/Markus Wächter

Während die Stadt den Atem anhält, weil immer mehr Menschen an Corona erkranken, zanken Senat und Ärzteschaft. Mittendrin Dr. Burkhard Ruppert (59), stellvertretener Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. KURIER-Redakteur Elmar Schütze sprach mit ihm über den Mangel an Schutzmasken und ein implodierendes Gesundheitssystem.

KURIER: Die niedergelassenen Ärzte streiten seit Beginn der Krise mit dem Senat. Es mangelt an Schutzmaterial. Wie schlimm ist die Lage?

Burkard Ruppert: Wir haben 6500 Praxen in Berlin, von denen haben rund 100 mittlerweile geschlossen, weil Material fehlt oder weil Personal in Quarantäne ist. Das bedeutet: Alle anderen haben bis jetzt durchgehalten. Doch jetzt droht das System zu implodieren, weil die Grundversorgung in Gefahr gerät.

Warum?

Die niedergelassenen Ärzte brauchen für sich und ihre Mitarbeiter dringend mehr Schutzmaterial, um geschützt weiter arbeiten zu können. Es ist nur noch wenig da.

Wer ist dafür zuständig?

Laut Aufgabenverteilung im Katastrophenschutz ist das ganz eindeutig Sache der Bundesländer. Bevorratung von Schutzausrüstung in großen Mengen war und ist keine Aufgabe der KV.

Was fordern Sie vom Senat?

Wir haben keine Forderungen mehr, weil sie ohnehin nicht erfüllt werden. Wir machen jetzt unser Ding, um die Beschaffung kümmern wir uns seit Wochen selbst. Das hätten wir auch nie gedacht, aber wir sind zu einem Großhandelsvertrieb für Schutzausrüstung geworden.

Mit welchem Erfolg?

Leider gibt es auf dem Weltmarkt Hasardeure, die den Markt fluten mit unseriösen Angeboten, die an Nötigung grenzen und   dann noch Vorkasse haben wollen. Aber wir haben mittlerweile eine Reihe von Händlern gefunden, die geprüfte Qualität zu akzeptablen Preisen anbieten.

Dr. Burkhard Ruppert. Foto: Markus Wächter

Wer kriegt diese Ware zuerst?

Die, die es am dringendsten brauchen. Das sind die Dialysepraxen, danach die pulmologischen Praxen, also die Lungenfachärzte. Dann folgen Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, dann die Hausärzte, dann die Kinderärzte.

Das klingt, als hätte sich die Lage entspannt. Die Öffentlichkeit war irritiert, dass das Gesundheitswesen nicht zusammenhält. Wie sieht es jetzt aus?

Wir sind leider weiterhin mehr als besorgt über das Desinteresse des Senats. Es gibt kein erkennbares Interesse an planvollem Vorgehen.

Was wäre zu planen?

Es geht prinzipiell um die Verknüpfung ambulanter und stationärer Versorgung. Da fehlt eine Vision. Was ist unsere gemeinsame Aufgabe? Es ist richtig, dass der Fokus im Moment auf den Krankenhäusern liegt, aber man darf die ambulante Versorgung nicht vergessen. Im Moment ist alles noch ruhig. Aber wir sind im Auge des Hurrikans. Bald werden die Menschen unruhig, machen sich Sorgen um ihren Gesundheitszustand, werden wieder ihre Ärzte aufsuchen, wegen Bluthochdrucks, Diabetes, Beinbruchs und so weiter. Das hört ja nicht auf. Gleichzeitig kommt eine Welle an Corona-Patienten. Wir müssen uns jetzt fit machen für den Sturm, der kommt.