Wolfgang Stumph auf seiner Rundreise für die MDR-Doku „Heimatliebe – Warum ich blieb“ durch Mitteldeutschland, hier mit Milchbäuerin Sibylle Klug.  Foto: MDR/Dokfilm/Thomas Koppehele

Wolfgang Stumph zählt zu den bekanntesten Kabarettisten und Schauspielern aus dem Osten. Jetzt ist er in der Dokumentation „Heimatliebe – Warum ich blieb“ zu sehen. Für den Schauspieler ist es ein Beitrag dafür, dass Ost und West noch einiges aufzuholen haben im Verständnis miteinander.

 Wolfgang Stumph hätte zu DDR-Zeiten seine Heimat verlassen können. In den 60er-Jahren besuchte er als Zwölfjähriger in den Schulferien immer seine Verwandtschaft, die im Ruhrgebiet wohnte. Aber er wollte auch immer zurück in sein Dresden. „Zu meiner alleinerziehenden Mutter, zu Freunden, der Kinderschauspielgruppe, der Sportgemeinschaft. Das war und ist meine Heimat. Das konnte ich doch schon damals als Zwölfjähriger nicht in Stich lassen.“ Nach der Wende blieb er, „weil ich etwas bewegen und verändern wollte. Ich wollte als Kabarettist vor nichts ausreißen, erst recht nicht vor meinem Publikum“.

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In seiner Dokumentation (3. Oktober, 20.15 Uhr im MDR) trifft er neun Menschen. Neun Schicksale, neun Leben. Alle haben sich entschieden, nach der Wende zu bleiben. 1989 verließen etwa 30.000 Menschen die DDR, heute leben etwa 16 Millionen in den neuen Bundesländern. Menschen, die wegzogen, traf Stumph bereits für andere Dokumentationen. „Danach fragten uns viele, dreht doch auch mal was über uns, die ihre Heimat nicht verlassen haben. Und das taten wir.“ Er fügt hinzu: „Bei den Begegnungen mit den Protagonisten des Films habe ich auch viel von mir wiedergefunden.“

Leider wissen viele Bayern oder Schwaben gar nicht, wie Ostdeutsche anders ticken, sie kennen eher Spanier, Italiener ...

Wolfgang Stumph 

Stumph traf Menschen, die Hoch und Tiefs erlebt, ihre Jobs und ihre Existenz verloren hatten. Die ihre Lebensleistung abgewertet fühlten, aber weiter kämpften, sich behaupten.

Eine von ihnen ist Marlies Golze aus Reddeber bei Wernigerode: 1989 stand sie kurz vor dem Abschluss ihrer Prüfung als Schneidermeisterin. Sie hatte sich gerade mit einer kleinen Schneiderei selbstständig gemacht, einige Frauen als Näherinnen eingestellt, Verträge mit Abnehmern geschlossen, zudem eine junge Familie. Dann brach ihr Geschäft zusammen, weil Großkonzerne den Osten erobern und Ware viel preiswerter anbieten. „Ich musste meine Angestellten entlassen, saß auf einem Schuldenberg.“ Doch nach einem halben Jahr rappelte sie sich wieder auf, sagte sich: „Jetzt erst recht!“. Heute führt sie ein Geschäft für Brautmoden.

Stumph besuchte ebenso Sybille Klug in Stendal, die mit 26 einen Milchhof aufbaute. Sie sei nach der Wende „mit der Kraft der Jugend gestartet“. 30 Jahre lang kämpfte sie gegen die Milchkrise, den Preisverfall. Doch sie entschied: „Die Heimat zu verlassen, um in eine ungewisse Zukunft zu ziehen, das hätten wir uns nie getraut.“

Sybille Klug (l.) und einige Landfrauen.  Foto: MDR/Dokfilm/Thomas Koppehele

Die Spurensuche ging weiter: Der Schauspieler traf einen Pfarrer, der sich zu DDR-Zeiten schon aufbäumte, nach der Wende weiter für ein „besseres Land kämpfte“. Oder eine Weimarerin, die einen Westdeutschen heiratete, um allerdings festzustellen, dass die Selbstverständlichkeit, selbstbewusst seine Frau zu stehen, drüben nicht gerade gefragt war.

„So hat jeder seine Geschichte und seine Entwicklung. Wir haben versucht, Lebenswege sichtbar für den Zuschauer zu machen. Nur leider wissen viele Bayern oder Schwaben gar nicht, wie Ostdeutsche anders ticken, sie kennen eher Spanier, Italiener …“, sagt Stumph, der es ebenso schade findet, dass seine Dokumentationen wie diese nur im MDR und nicht bundesweit gezeigt werden.

Er fügt hinzu: „Wir können nach wie vor viel voneinander lernen. Jeder hatte seinen Lebensweg, den man nicht abwerten sollte. Für die Ostdeutschen war dieser mitunter kurvenreicher.“

Mich haben am meisten die starken Frauen beeindruckt. 

Wolfgang Stumph 

Viele fühlten sich nach wie vor nicht in der gesamtdeutschen Gesellschaft angekommen. Stumph: „Nach wie vor stimmt die Mischung nicht. Von über 90 Hochschulen-Rektoren haben nur drei eine ostdeutsche Biografie. Von den Ministern, Staatssekretären, Vorstandsvorsitzenden will ich gar nicht reden. Oder gar vom Frauenanteil. Die Immobilien in den neuen Ländern sind zum Großteil in westdeutscher Hand.“ Oder die ewige Debatte über den Solidaritätsbeitrag. „Den zahlen die Menschen in den neuen Ländern genauso wie in den alten.“ Fügt hinzu: „Ich hätte dafür Verständnis, wenn er auch für manche Region als Aufbau West genutzt wird und dadurch als gesamtdeutsche Solidarität wirkt. Man muss das Gute sehen und das andere kritisch. Deshalb haben wir diesen Film jetzt gemacht.“

Selbst Corona trage zur Annäherung bei: „Denn jetzt bringt die für alle verordnete eingeschränkte Reisefreiheit die Möglichkeit sich kennenzulernen.“ Nun könnte man Deutschland hüben und drüben als gemeinsame Heimat entdecken.

Im kommenden Jahr wird der Schauspieler 75 

Was hat ihn bei seiner Reise am meisten beeindruckt? „Die starken Frauen, dass die sich immer bei allen Tälern, die sie durchlaufen, aufrappeln und zum Motor der Familie werden. Die meisten ostdeutschen Frauen sind allein durch ihre Vita stark emanzipiert.“

Wolfgang Stumph wird im kommenden Jahr 75. Ist er müde? Er lächelt: „Höchstens von der Hauptrolle, ich möchte im doppelten Sinn auch in meiner Arbeit eine Nebenrolle spielen.“ Gerade drehte er den 52. Stubbe ab, obwohl er längst aufhören wollte. Doch auch diese Krimi-Serie habe die Menschen über 20 Jahre lang begleitet und die Themen hätten ebenso zu einem besseren Ost-West-Verständnis beigetragen, ist er sicher. „Wer meine Filme sieht, weiß, wie meine Bilanz und Sichtweise sind, denn sie ist immer eine gesamtdeutsche.“ Denkt er mal daran, ganz aufzuhören? Er lächelt: „Die Katze lässt das Mausen nicht.“

Stumph unterwegs mit einem weiteren Gesprächspartner, Rolf Sondershaus, auf dem Augustusplatz in Leipzig. Dieser machte sich nach der Wende als Videoproduzent selbstständig.
Foto: MDR/DOKfilm/Jan Urbanski