Claudia Carus mit ihrem Freund Robert in der Rotenturmstraße in Wien, dort wo der Anschlag in der Nähe passierte. Im letzten Jahr kurz vor Weihnachten posierte das Paar dort noch fröhlich für ein Foto. Foto: Privat 

Nur wenige Stunden nach dem grausamen Terroranschlag in Wien fühlt sich die Bevölkerung noch immer wie gelähmt. Die Angst greift um sich in der österreichischen Bundeshauptstadt. Nichts ist mehr so, wie es mal war. Der KURIER sprach mit der Berlinerin Claudia Carus (35). Sie lebt nur sieben Kilometer vom Zentrum entfernt, im 14. Bezirk, wo am Montagabend die Schüsse fielen. Sie beschreibt die Stimmung vor Ort als „sehr bedrückend.“

„Viele Menschen wagen sich nicht mehr aus dem Haus, weil sie Sorge haben, dass sich diese schreckliche Tat noch einmal wiederholen könnte“, sagt Claudia Carus, die in Treptow-Köpenick aufgewachsen ist. Sie selbst sei heute erst einmal mit ihrem Freund zu seinen Eltern aufs Land, etwa eine Autostunde von Wien entfernt geflüchtet, um ein wenig Abstand zu finden. Doch auch dort habe es es bei ihrem gemeinsamen Mittagessen nur ein Thema gegeben: den Terror in Wien.

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Carus selbst ist erst am Terrorabend aus Klagenfurt nach Wien zurückgekehrt, wo sie ihre letzte Aufführung als selbstständige Schauspielerin an einem Theater vor dem zweiten Lockdown in Österreich hatte. „Mein Freund und ich hatten zunächst noch überlegt, ob wir auch noch ins Zentrum gehen, um etwas essen zu gehen, bevor alles wieder heruntergefahren wird“, so die junge Frau. Doch wie durch eine Fügung hätten sie anders entschieden und seien zu Hause geblieben. 

Claudia Carus mit ihrer schwerkranken Mutter in ihrem Garten in Treptow-Köpenick, wo sie aufwuchs. Foto: Gerd Engelsmann

Viele von Carus Freunden und Schauspielkollegen seien am besagten Abend noch unterwegs gewesen und hätten den Terror hautnah miterlebt. Zum Glück seien sie alle unversehrt geblieben. Von ihnen hätte sie auch zuerst erfahren, was sich für dramatische Szenen vor Ort abspielten.

„Sie posteten aus Restaurants und Theatern, in denen sie Stunden lang ausharren mussten“, erzählt sie. Sie hätten auch von einer großen Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität berichtet. Gastwirte hätten sie kostenlos mit Essen und Trinken versorgt. Am Burgtheater sei sogar extra eine Raucherlounge eingerichtet worden, damit diejenigen, die dort wegen des Terrors festsaßen, ihre Nerven bei einer Zigarette beruhigen konnten. In vielen Kulturstätten hätten die Schauspieler einfach weitergespielt und das Publikum mit Zugaben abgelenkt, „damit keine Panik aufkommt.“ 

„Wir können uns ja nicht zu Hause einschließen“

Claudia Carus und ihr Freund hätten bis tief in die Nacht die Nachricht verfolgt, „weil sie die schreckliche Tat einfach nicht begreifen konnten.“ Die Anschläge in Afghanistan und Frankreich kürzlich hätten sie schon sehr mitgenommen und nun hätten sie es quasi vor der eigenen Haustür erlebt. Das mache schon psychisch etwas mit einem, wenn es so nahe dran sei. 

Carus ist fest davon überzeugt, dass der letzte Abend vor dem zweiten Lockdown bewusst von den Tätern für den Anschlag gewählt worden sei. „Sie wussten, dass viele draußen unterwegs sind, um den Abend noch einmal auszukosten“, sagt sie. 

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Noch immer sind die Geschäfte und Schulen im Zentrum von Wien geschlossen, da sich mindestens einer der Täter noch auf der Flucht befinden soll. „Mein Freund arbeitet nur wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt in einem Möbeldesignladen. Auch er weiß noch nicht, wann er wieder zur Arbeit kann“, so Carus.

Ob sie sich so schnell wieder auf die Straßen trauen wird? Es werde nicht leicht sein, aber man könne sich nun auch nicht für den Rest seines Lebens zu Hause einschließen. Man müsse versuchen genauso weiterzuleben wie vor dem Anschlag, denn sonst hätten die Täter genau das erreicht, was sie wollten, dass sich die Menschen aus Angst einschränkten.

Dennoch sei es schwierig die Bilder des Terrorabends aus dem Kopf zu bekommen, so betont Claudia Carus. Sie ärgere sich in diesem Zusammenhang über ein österreichisches Boulevardmedium, das unzensiert Videos von den grausamen Szenen der Täter, die von der Bevölkerung aufgenommen wurden, gezeigt habe. Diese Aufnahmen habe viele Menschen in Wien stark traumatisiert. 

Um den Kopf frei zu bekommen will Claudia Carus in den nächsten Tagen erst einmal in ihre Heimat Berlin zurückkehren. Dort lebt auch ihre Mutter Barbara Carus, eine bekannte Ex-Ballerina der DDR, die schwer an ALS erkrankt ist und über deren schweres Schicksal der KURIER bereits mehrfach berichtete.

Auch sie sei sehr froh darüber, dass der Tochter nichts passiert ist. Ein Ortswechsel werde ihr sicherlich gut tun, glaubt Claudia Carus. Es werde aber sicherlich noch lange dauern, bis sie das alles verarbeitet hätten. „Dieser schreckliche Anschlag hat uns hier in Wien tief getroffen, schon weil er mitten im Herzen der Stadt geschehen ist. Mitten am Puls des Lebens.“