Rodrigue Funke, Regisseur zahlreicher beeindruckender Wintergarten-Shows wie „Flying Lights“ und seit 2025 Künstlerischer Leiter, hat vor wenigen Monaten als Geschäftsführer und Intendant übernommen. Im KURIER-Interview spricht er über seine Kindheit in der DDR, wie es heute um seine Ost-Berliner Identität bestellt ist und was beim Varieté wirklich wichtig ist.
So wurde der Ost-Berliner zum Intendanten
Funke wurde 1978 in Ost-Berlin geboren und stammt aus einer echten Theaterfamilie. War sein Weg auf die Bühne somit vorherbestimmt? „Aus heutiger Sicht wirkt es wie Schicksal, aber natürlich ist es die Summe aus vielen Einzelentscheidungen, die mich erst Artist, dann Regisseur und jetzt Theaterdirektor des Wintergartens werden ließen“, betont Funke.
„Ich habe als Siebenjähriger mit dem Akrobatiktraining begonnen und in den letzten 41 Jahren hatte ich nie das Bedürfnis, in einem anderen Feld tätig zu werden.“

Apropos Kindheit: Wie sehr wurde er durch die Kultur der DDR und des Ostens geprägt? „Die Freizeitgestaltung für Kinder war in der DDR ja ganz anders organisiert, so hatte ich schon mit sieben Jahren dreimal in der Woche Artistik-Training und zusätzlich noch Gitarrenunterricht“, erinnert sich Funke. „Meine Schwester war ähnlich aktiv und in Summe wäre das für meine Mutter in heutiger Zeit sicher schwer zu finanzieren.“
Kindheit in der DDR prägt seinen Weg
„Meine Mutter war über 35 Jahre als Theaterplastikerin am Berliner Ensemble tätig, und so war mir auch das Innere eines Theaterbetriebes auch schon früh vertraut“, schildert er weiter.
Funke schwärmt: „Schon als Kind hatte ich eine große Faszination für die TV-Show ‚Ein Kessel Buntes‘ und die Shows des Friedrichstadt-Palastes. Die Liebe zu diesem Mix aus Tanz, Gesang und Artistik begleitet mich bis heute und zeigt sich sicher auch in den Shows, die ich heute im Wintergarten inszeniere.“
Warum Ost und West für ihn keine Rolle mehr spielen
Viele Menschen empfinden, dass die alte Ost-Identität immer mehr verschwindet. Funke, der die Ost/West-Diskussion schon immer etwas befremdlich fand, möchte dazu sagen: „Als die Mauer fiel, war ich elf Jahre alt und hatte als schwarzes Kind in Ost-Berlin natürlich nicht nur schöne Erfahrungen gemacht, aber doch eine sehr glückliche Kindheit erlebt.“

Funke erinnert sich gut: „Die Aufnahmekriterien an der staatlichen Artistenschule waren 1993 zum Glück aufgeweicht und ich konnte dort meine Ausbildung zum staatlich geprüften Artisten machen und im Anschluss direkt eine internationale Karriere starten.“
Ich habe Berlin immer sehr geliebt und Veränderung gehört einfach zu dieser Stadt.
Heute lebt der 48-Jährige in Wandlitz und fährt zur Arbeit an die Potsdamer Straße. „Meine Familie wohnt noch immer im Prenzlauer Berg, und auch wenn ich manchmal mit Fragezeichen durch dieses Viertel gehe, bleibt doch eine sentimentale Vertrautheit“, erzählt Funke.
Wintergarten steht für ganz Berlin – Ost und West zählen nicht mehr
Auf die Frage hin, wie viel Ost-Berlin heute noch im Wintergarten steckt, betont Funke: „Für mich persönlich steht der Wintergarten für ganz Berlin. Er galt nach seiner Eröffnung 1993 zwar als West-Berliner Kulturinstitution, aber dieses Label ist für mich inzwischen veraltet.“
Der Wintergarten-Intendant möchte betonen: „Berlin ist eine weltoffene Stadt und dies gilt auch für unser Theater. Respekt, Toleranz, Neugier und Qualität, das sind die Werte, mit denen wir uns identifizieren, und die sind für mich völlig unabhängig von Himmelsrichtungen.“
So vielfältig ist der Wintergarten heute
Wie wichtig ist es für Funke, queere Künstler im Wintergarten sichtbar zu machen? „Diversität in all ihren Formen ist schon immer Bestandteil des Varietés und wird von uns auch mit vollem Herzen gelebt. Queere Künstler hatten gerade in der Berliner Cabaret-Szene schon immer einen festen Platz, und mit unseren Burlesque-Formaten geben sie unserem Spielplan auch eine ganz besondere Note“, beteuert der Geschäftsführer.

Doch Funke will ergänzen: „Als Regisseur zählt für mich vor allem die Qualität. Wir versuchen, die besten Künstler auf unserer Bühne zu präsentieren, und sind international unterwegs, um diese zu finden. Dabei geht es nicht um ihre Herkunft, sondern um ihr Talent.“
Diese Show sollten Sie nicht verpassen
Auch von seiner Großmutter hat Funke Theaterblut geerbt. Wenn sie heute im Publikum sitzen würde – würde sie sagen: „Das ist noch mein Wintergarten?“ Das kann der 48-Jährige klar beantworten: „Auf jeden Fall! Da meine Großmutter als Revuetänzerin ja auch schon im alten Wintergarten getanzt hat, würde sie meine Arbeit sicherlich streng beäugen. Aber gerade bei unserer aktuellen Show ‚Ahoi‘ würde sie wahrscheinlich sogar auf die Bühne springen und mittanzen.“

Am 5. Juli findet im Wintergarten übrigens zum sechsten Mal das Boylesque-Drag-Festival statt. Alle Gäste dürfen sich hier auf bis zu 25 internationale Drag-Artists, Boylesque-Stars, Cabaret-Ikonen, Akrobaten und Performance-Künstler aus aller Welt freuen. Moderieren wird Dragqueen Sheila Wolf. Die Headliner sind Multikünstler Tinus und Kitten DeVille – internationales Burlesque-Sternchen.



