Herbert Köfer und Winfried Glatzeder: Sie waren auf der Bühne über 20 Jahre lang Kollegen und hatten als beste Freunde viel Spaß nach den Auftritten, wie hier bei den Jedermann-Aufführungen 2010. Foto: imago

Er wurde 100 Jahre alt, stand 80 Jahre auf der Bühne: Herbert Köfer, der in über 300 Theater-, Fernseh- und Kinorollen Millionen von Menschen begeisterte. In ihren Herzen wird er für immer der TV-Rentner sein, der niemals Zeit hatte. Im KURIER erzählen jetzt Berliner in einer Serie ihre persönlichen Erinnerungen an den beliebten Volksschauspieler, der am vergangenen Sonnabend starb. Heute: Winfried Glatzeder (76).

Der Schauspieler ist ungewöhnlich ernst bei der Begrüßung, als ihn der KURIER anruft. Kein fröhliches „Hallo“ oder ein „Guten Abend“ kommt von ihm. Nicht einmal einer seiner sonst üblichen Scherze macht er am Telefon. Nein, Glatzeder kommt gleich auf Herbert Köfer zu sprechen, sagt zur Begrüßung nur: „Er ist tot.“ In Glatzeders Stimme schwingt tiefe Trauer mit.

Der Star berichtet, wie er am vergangenem Sonntagabend von einem Dreh zur ARD-Serie „Zimmer mit Stall“ nach Hause kam, und in den Nachrichten erfuhr, dass Herbert Köfer nicht mehr lebte. Glatzeder kann es noch immer nicht fassen. „Über 20 Jahre spielten  Herbert und ich auf der Bühne zusammen in der ,Pension Schöller‘“, sagt der Schauspieler, der wie Köfer  eine Legende der ostdeutschen Filmgeschichte ist. „Die Zeit mit ihm werde ich nie vergessen, in der wir als  Kollegen in einem Theater-Ensemble quer durch die Lande zogen und dabei zu sehr guten Freunden wurden.“

Achim Wolff, Winfried Glatzeder  und Herbert Köfer in der „Pension Schöller“ auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm. Foto: dpa

Es war 1997, als Jürgen Wölffer (84), der damalige Hausherr der Komödie am Kudamm, dem Lustspiel „Pension Schöller“ aus dem Jahr 1890 eine moderne Neufassung verpasste. „Das Ensemble, dass Wölffer auswählte, war wirklich erstklassig“, sagt Glatzeder. Stars aus Ost und West, die man bisher erfolgreich aus dem Fernsehen kannte, war in der Premierenbesetzung dabei: wie Achim Wolff aus „Salto Postale“ (ZDF), Elisabeth Wiedemann (die Gattin von Ekel Alfred aus der ARD-Serie „Ein Herz und eine Seele“) oder Madeleine Lierck–Wien („Spuck im Hochhaus“, „Rote Rosen“).

Glatzeder: „Es war ein Erlebnis an der Seite von Köfer spielen zu dürfen“

Und natürlich Herbert Köfer. „Da sagte ich gleich zu, als mich Wölffer ebenfalls für das Stück engagierte, nachdem ich zwölf Jahre den Kommissar für den Berliner ,Tatort‘ gab“, sagt Glatzeder. „Es war ein absolutes Erlebnis, an der Seite von Herbert Köfer spielen zu dürfen, der in diesem Stück herrlich als Pensionswirt Schöller brillierte, dessen Herberge im Laufe der Handlung aufgrund einer Verwechslung zum Irrenhaus wird. Ich bin in dem Stück Schöllers Neffe, ein Schauspielschüler, der ständig das L mit dem N verwechselt und  immer aus ,Othenno‘ rezitiert.“

Herbert Köfer als Pensionswirt Schöller (2017): Sie war eine seiner Lieblingsrollen. Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die „Pension Schöller“ begeistert mit kleinen Unterbrechungen über 20 Jahre lang das Publikum, geht bundesweit auf Tournee. „Über 1600 Vorstellungen werden es, fast alle sind ausverkauft. Und bei fast allen ist Herbert trotz des hohen Alters stets für sein Publikum im Einsatz, ließ keine Aufführung ausfallen. Er fehlte nur, wenn Dreharbeiten dazwischen kamen oder wenn er wirklich krank war“, sagt Glatzeder. So war es 2018, als Köfer das Spielen auf der Bühne immer schwerer fiel, wegen einer Herzklappen-OP seine Auftritte absagen musste.

„Herbert Köfer war durch und durch ein Profi“

„Doch Herbert war ein Stehaufmännchen: Kaum war er wieder fit, stand er auch wieder auf der Bühne. Herbert war durch und durch Profi“, sagt Glatzeder. „Kaum zu glauben: Mit 97 Jahren bekam Köfer damals sein erstes ,Ersatzteil‘, da habe ich als Jüngerer schon mehr davon im Körper. Wenn ich eines Tages sterbe, muss man mich schon als Sondermüll entsorgen“, scherzt Glatzeder.

Dass Herbert Köfer trotz des hohen Alters auf Theaterbühnen stand und in TV-Serien mitspielte, so zum ältesten aktiven Schauspieler der Welt wurde, habe er vor allem seiner dritten Ehefrau zu verdanken, so Glatzeder. „Mit Heike hat er einfach eine zauberhafte Frau an seiner Seite, die nicht nur in seinen Theaterstücken mit ihm auf der Bühne stand, sondern auch seine Auftritte und Lesungen hervorragend managte. Das gab Herbert viel Kraft.“

Sie waren gute Freunde: Winfried Glatzeder, Heike und Herbert Köfer bei einem Empfang  im Berliner Verlag (2017), in dem auch der KURIER erscheint. Foto: imago/Sabine Gudath

Silvester 2019 standen Glatzeder und Köfer ein letztes Mal zusammen in der „Pension Schöller“ auf der Bühne. Die Aufführung des Kudamm-Ensembles im Festsaal des Deutschen Hauses in Beelitz war quasi auch ein Abschied Köfers von der Theaterbühne. Nur mit Lesungen, Filmedrehen und seiner DDR-TV-Erinnerungsshow „Das blaue Fenster“ wollte der damals 98-Jährige weiter machen.

Szena aus dem Defa-Film „Der Mann, der nach der Oma kam“ mit Rolf Herricht, Herbert Köfer und Winfried Glatzeder. Foto: MDR

Die „Pension Schöller“ war übrigens nicht Glatzeders erste Zusammenarbeit mit Köfer. 1972 trafen sich die Männer das erste Mal. Damals war Glatzeder 27, hatte mit dem Defa-Film „Zeit der Störche“ seinen ersten Schauspielererfolg. Sein Durchbruch mit der „Legende von Paul und Paula“ sollte erst im Folgejahr geschehen. Köfer war damals mit 51 Jahren ein schon gefeierter Film- und Fernsehstar in der DDR, als er und Glatzeder sich bei den Dreharbeiten zur Defa-Komödie „Der Mann, der nach der Oma kam“ begegneten. In dem Film spielt Glatzeder neben Stars wie Rolf Herricht, Marita Böhme und Carmen-Maja Antoni die Hauptrolle.

„Chapeau Herbert, du hast ein erfülltes Leben gehabt“

Es muss ja nicht immer die Pension Schöller sein: Glatzeder und Köfer standen bei den Jedermann-Festspiele 2010 im Berliner Dom ebenfalls gemeinsam auf der Bühne. Foto: imago/Eventpress Herrmann

„Köfer spielte in dem Film eigentlich nur eine kleine Rolle als Bürgermeister. Doch darin zeigte er sein ganzes komödiantisches Talent“, sagt Glatzeder. „Für mich war sein Bürgermeister eine seiner besten Rollen. Umso mehr freute ich mich, als wir 25 Jahre später in der ,Pension Schöller‘ wieder zusammen spielen durften.“ Und nicht zu vergessen: 2010 standen die beiden Männer in den legendären Berliner „Jedermann“-Aufführungen von Brigitte Grothum ebenfalls auf einer Bühne. Glatzeder in der Hauptrolle als Jedermann. Sein Freund Herbert glänzte als „Armer Nachbar“.

Glatzeder wird Köfer als einen grandiosen Schauspieler in Erinnerung behalten. „Ich kann nur sagen: Chapeau Herbert! Du hast mit 100 Jahren ein erfülltes Leben gehabt. Wo immer du bist, ich hoffe, dass wir uns in 24 Jahren wiedersehen“, sagt der 76-Jährige. „Denn ich will genau wie Herbert 100 Jahre alt werden.“