Eltern wählen für ihre Kinder. Von der Politik wurden sie bisher viel zu oft vergessen.   Imago 

Nun hat also auch Berlin ein 2G-Optionsmodell. Und das hat es in sich.  Gestern Abend, als der Beschluss des Senats, der in seiner Härte unter den Bundesländern einzigartig ist, öffentlich wurde, ploppten erboste Meldungen auf meinem Handy auf. Eltern, die ihrem Ärger Ausdruck verliehen, Unverständnis und Wut machten sich breit.

Update: Berliner Senat reagiert auf massive Proteste – 2G-Ausnahme für Kinder >>

Warum werden wieder und wieder die Schwächsten benachteiligt? Warum ist es immer wichtiger, dass Wirte, Theater, Clubs ihre Läden rammelvoll machen dürfen, ohne Maske und Abstand, während Kinder zurückstecken müssen, weiter Masken tragen, weiter ausbaden, dass sich Erwachsene wieder Normalität gönnen? Erstmal eine Nacht drüber schlafen, habe ich mir auferlegt. Doch auch heute Morgen sieht das Konstrukt keinen Deut besser aus. 

Keine Ausnahmen für Kinder und Menschen, die sich nicht impfen lassen können ?

Geimpfte und Genesene (2G) dürfen ohne Abstand und Maske ausgehen, Ungeimpfte müssen draußen bleiben, auch  Kinder unter zwölf Jahren, die sich bisher nicht impfen lassen können. 

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Das sieht dann im Alltag so aus, dass der Besuch beim Italiener mit Kindern nicht mehr möglich ist, wenn der Wirt sich für das 2G-Modell entscheidet. Theater, Sport, Museum - viele Einrichtungen  des öffentlichen Lebens können künftig selber festlegen, wer rein darf und wer nicht. Die Diskussionen, der Unfrieden, die Spaltung wird so in den Alltag, ins Kleinklein verlagert und die Politik feiert sich dafür, sich angeblich um den Schutz Ungeimpfter zu sorgen. Ein vorgeschobener Schutz und ein Eingriff in die Grundrechte der Berliner, der für mich nicht nachvollziehbar ist. 

Kinderhilfswerk kritisiert Beschluss von Berlin 

Auch das Deutsche Kinderhilfswerk hat das für Berlin beschlossene 2G-Optionsmodell kritisiert. „Kinderfeindlich und familienfeindlich“ nannte Bundesgeschäftsführer Holger Hofmann es nach Angaben der „Welt“, dass darin keine Ausnahmen für Kinder unter zwölf Jahren vorgesehen sind, für die die Ständige Impfkommission die Impfung gegen das Coronavirus nicht allgemein empfiehlt. „Wir werden überprüfen, inwieweit hier ein verfassungsrechtlicher Widerspruch besteht“, kündigte Hofmann an.

Auf dem Rücken der Kinder werden Interressen der Erwachsenen befördert

Hier würden „auf dem Rücken der Kinder die Freizeitinteressen der Erwachsenen befördert“, sagte Hofmann weiter. „Die Gastronomen beispielsweise werden lieber ihr Restaurant mit Geimpften vollmachen als weiter mit halber Kapazität zu operieren und dafür auch Familien zu empfangen.“ Und niemand habe an die Situation der Familien oder Sportvereine gedacht, die für die Gesundheit der Kinder so wichtig seien.

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Es ist unfassbar traurig anzusehen, wie sehr Kinder und Menschen, die sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht impfen lassen können, in diesem Herbst vom normalen Alltag, den die die das beschlossen haben längst in vollen Zügen genießen,  ausgeschlossen werden  sollen. Die Arroganz der Geimpften und derer, die vorrangig wirtschaftliche Interessen im Sinn haben, ist unerträglich. 

Kritik an der Senatsentscheidung

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci, die selber keine Kinder hat, hatte am Dienstag erklärt, warum es keine Ausnahme für Kinder unter zwölf Jahren oder Menschen mit bestimmten Erkrankungen, die gar nicht geimpft werden können, gibt. Es sei ja auch 3G möglich - und 2G mit Ausnahmen sei faktisch 3G, argumentierte sie. Kritik kam unter anderem von der Spitzenkandidatin der Grünen für die Abgeordnetenhauswahl, Bettina Jarasch: „Es darf nicht dazu kommen, dass Kinder etwa wieder vom Theater oder Sport ausgenommen werden. Ich erwarte, dass hier schnell nachgebessert wird“, sagte sie der „B.Z.“.

Auch SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey forderte dass es für Kinder unter zwölf Jahren eine Ausnahme von der Zugangsbeschränkung auf Geimpfte und Genesene (2G) geben müsse. „Die gestrige Entscheidung des Berliner Senats zum Optionsmodell 2G muss korrigiert werden“, forderte Giffey am Mittwoch auf Twitter. 

Am Mittwoch wollte der Senat nach massiven Protesten noch einmal nachsteuern und eine Ausnahmeregel für Kinder formulieren. 

Auch in anderen Bundesländern etwa in  Hamburg und Brandenburg sehen die 2G-Modelle sehr wohl Ausnahmen für Kinder unter 12 Jahren vor. In Brandenburg sind auch Gedenkstätten, Museen, Ausstellungshäuser, Galerien, Planetarien, Archive, öffentliche Bibliotheken, Freizeitparks, Tierparks, Wildgehege, Zoologische und Botanische Gärten, Schwimmbäder und Freibäder von der 2-G-Regelung ausgenommen. Anders in Berlin. Hier sind 2G-Veranstaltungen nach dem Senatsbeschluss jetzt in der Gastronomie, bei Freizeitveranstaltungen, privaten Feiern, Großveranstaltungen, körpernahen Dienstleistungen, bei touristischen Angeboten, beim Sport sowie in Saunen, Zoos und Spielhallen möglich.

Mit der Daumenschraube Impftempo erhöhen 

Der Versuch, mit der Daumenschraube mehr Menschen für die Impfung zu mobilisieren dürfte nach hinten losgehen. Weil Kinder und Vorerkrankte sich schlicht nicht impfen lassen können und die die es könnten nun erst recht trotzig „nein danke“ sagen. Eine Gesellschaft ist nur so gut, wie ihr Umgang mit denen, die keine Lobby haben. Die harte Berliner Regelung ist das traurigste Beispiel dafür.