Heute kann er wieder Fußball spielen: Eine Nierentransplantation rettete Moses (11) das Leben. epd/Andreas Fischer

Ohne Organspende würde Moses Lücke (11) wahrscheinlich nicht mehr leben. Eine seltene Blutkrankheit hatte seine Nieren zerstört, als er zwei Jahre alt war. Dank einer Nierenspende kann der Elfjährige heute wieder ein fast normales Leben führen. In Deutschland warten bis zu 8000 Menschen auf eine Spenderniere. In Berlin ist die Zahl der Organspender und der gespendeten Organe auch im zweiten Pandemiejahr gesunken.

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Ende April standen in Berlin 427 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan, so eine Sprecherin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) mit Verweis auf Daten der Vermittlungsstelle Eurotransplant. Am häufigsten benötigen sie neue Nieren und Herzen.

2021 wurden 49 Spendern nach ihrem Tod Organe entnommen, 2020 waren es 52 Spender und 2019, dem Jahr vor der Pandemie, 55 Spender, wie die DSO mitteilt. Auch die Zahl der gespendeter Organe sank: Von 165 im Jahr 2019 auf 135 im Jahr 2021.

Für 2022 hat die Stiftung bundesweit bereits im April von einem dramatischen Einbruch bei der Organspende berichtet. In deutschen Transplantationszentren konnten demnach im ersten Quartal 600 Organe übertragen werden – 194 Transplantationen weniger als im Vorjahreszeitraum, was einem Rückgang von 24 Prozent entspricht.

In Berlin erhielten Patienten im vergangenen Jahr insgesamt 203 Organe – 20 weniger als 2020

Die DSO vermutet, dass für den Einbruch der Zahlen die Arbeitsüberlastung in den Kliniken ein Grund sein könnte: „Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass hierdurch weniger Organspenden realisiert werden konnten, als unter normalen Umständen möglich gewesen wären.“ Auch die Zahl der Nein-Voten nach den Beratungsgesprächen nahm zu. Ein weiterer Grund ist, dass Verstorbene mit einer Corona-Infektion von der Organspende ausgeschlossen waren.

In Berlin erhielten Patienten im vergangenen Jahr insgesamt 203 Organe – 20 weniger als 2020. 2019 waren noch 239 Organe transplantiert worden, 2018 deutlich mehr: 272 Organe.

Auch der kleine Moses Lücke musste über ein Jahr auf eine Spenderniere warten. Im Alter von zwei Jahren wurde bei dem Kind ein atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom diagnostiziert – eine Krankheit, die die kleinen Blutgefäße schädigt und zu akutem Nierenversagen führen kann. „Das hat uns damals den Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt Mutter Katharina Lücke heute.

Moses Lücke zeigt einen Organspendeausweis. epd/Andreas Fischer

Schon im November 2014, viel früher als erwartet, versagten Moses’ Nieren vollends. Der Vierjährige musste an die Dialyse. Über ein Jahr lang und zehn Stunden täglich verband ein Schlauch Moses’ Bauchhöhle mit der Blutreinigungs-Maschine – eine große Belastung für die Eltern, Moses und seine zwei Jahre ältere Schwester Lena. „In diesen Monaten musste immer jemand bei Moses sein. Freunde treffen war in dieser Zeit nicht drin“, erzählt Katharina Lücke, während ihr Sohn draußen im Garten den Fußball über die Wiese kickt.

Seinen neuen Nieren gab der kleine Moses einen Namen: Robben und Müller

Im April 2015 scheiterte ein erster Transplantationsversuch. Die Enttäuschung war groß und umso mehr unterstützte die Familie den Jungen, daran erinnert er sich noch gut. Moses kommt durch die Terrassentür herein und erzählt von dem Kissen mit einem Schutzengel darauf, das damals sein Lieblingskissen wurde. „Meine Oma hatte das eigentlich meiner Schwester geschenkt, und sie dann mir. Das bedeutet mir so viel“, sagt er und noch heute treten ihm dabei Tränen in die Augen.

Die zweite Operation im Transplantationszentrum der Medizinischen Hochschule Hannover im Dezember 2015 glückte. So sehr freute Moses sich damals über seinen neuen Nieren, dass er ihnen die Namen seiner Fußball-Idole vom FC Bayern München gab, „Robben“ und „Müller“. „Danach durfte ich endlich wieder Nutella essen“, sagt er lächelnd. Sein Alltag unterscheide sich heute in fast nichts mehr von dem seiner Altersgenossen. „Ich spiele Badminton und Fußball, ich zocke mit meinen Freunden, und ich find’s schön, dass ich mich wieder bewegen kann.“

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An diesem Samstag, dem 4. Juni, ist Tag der Organspende. Die Organisatoren wollen Menschen überall in Deutschland dazu motivieren, eine Entscheidung zur Organspende zu treffen. Laut einer bundesweiten Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 44 Prozent der Befragten ihre Entscheidung über eine Organspende in einem Ausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. Von ihnen stimmen 73 Prozent einer Organspende zu. Befragt wurden rund 4000 Personen zwischen 14 und 75 Jahren von Januar bis Februar 2022.

In einer Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. dpa/Kasper

Niere, Leber oder Herz: Tausende Menschen in Deutschland brauchen ein lebensrettendes Spenderorgan. Sie warten oft jahrelang – viele vergeblich. Der Tag der Organspende soll unter dem Motto „Richtig. Wichtig. Lebenswichtig“ bundesweit den Fokus auf das Thema richten, denn die Spenden brachen in diesem Jahr dramatisch ein. Dazu die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie viele Menschen warten auf ein Spenderorgan?

Bundesweit stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) derzeit rund 8500 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für ein neues Organ. Bei jährlich Hunderten Patienten verschlechtert sich der Gesundheitszustand so dramatisch, dass eine Transplantation nicht mehr möglich ist oder sie während der Wartezeit sterben, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ gefunden wurde. So starben im vergangenen 86 Herzpatienten und 407 Nierenpatienten, die auf der Warteliste standen.

Welche Organe werden am dringendsten benötigt?

Allein rund 6600 Menschen brauchen eine neue Niere. Das sind viermal so viele Patienten, wie Transplantate im Jahresverlauf nach Deutschland vermittelt werden konnten. Insgesamt sind sogar hunderttausend Menschen auf die Dialyse angewiesen. Zum Teil lassen sich diese Patienten gar nicht mehr auf die Warteliste setzen, weil sie keine Hoffnung haben, überhaupt eine postmortale Organspende zu erhalten. Rund 850 Menschen warten zudem auf eine Leber und mehr als 700 auf ein neues Herz.

Wie viele Spender gibt es?

Nach dem Tiefpunkt im Jahr 2017, als die Organspende-Zahlen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren sanken, stiegen sie 2018 zunächst wieder und stabilisierten sich in den Folgejahren weitgehend. Im vergangenen Jahr spendeten 933 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe. Insgesamt 2979 Organe wurden transplantiert.

Gibt es einen Entscheidungszwang?

Nein, die Entscheidung für oder gegen eine Organspende ist in Deutschland nach wie vor freiwillig. Voraussetzung für eine Organ- oder Gewebespende ist neben der Feststellung des Hirntods, dass ein Verstorbener zu Lebzeiten der Organspende zustimmte – mit einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung. Nur 44 Prozent dokumentierten dort ihre Entscheidung schriftlich. Ist dies nicht der Fall, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt, was aber sehr belastend sein kann.

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Welche Organe können gespendet werden?

Das sind Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. Außerdem lassen sich Gewebe wie zum Beispiel Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Im Spenderausweis können aber auch einzelne Organe ausgeschlossen werden.