Kathrin Heise betreibt eine kleine Eselfarm in Karwe bei Fehrbellin. Gerd Engelsmann

Der Therapeut im grauen Kittel mit dem dunklen Aalstrich auf dem Rücken kommt neugierig auf erstaunlich kleinen Hufen angeschlendert und schnuppert am Notizblock. In ihrer staubigen und an diesem Tag heißen Freiluft-Praxis in Karwe bitten die Esel Emilie, Elli, Sarah, Tonja und Co. ihre Gäste ohne Vorbehalte zur Visite. Kinder, Familien, Senioren und alle anderen, die Interesse haben, finden hier ein Gegenüber, das sich nicht bestechen lässt und von dem man einiges lernen kann.

Neinsagen und Zusammenhalt zum Beispiel, oder sich etwas trauen. Esel gelten als störrisch, doch am Ende haben sie für ihr Tun oder Nicht-Tun immer einen Grund. Wer mit einem Esel arbeiten will, muss klare Signale senden, sagt Familientherapeutin Kathrin Heise, die sich mit dem Angebot im Norden Brandenburgs einen Traum erfüllt. „Esel zeigen Grenzen auf und fordern sie ein.“

Erste Lektion: Genau wahrnehmen

Einmal war eine Gruppe von Erzieherinnen auf dem Hof. „Geht allen schwarzen Tieren aus dem Weg“, lautete die erste Anweisung. Kein Problem, fanden die Pädagoginnen, bis Kathrin Heise sie darauf hinwies, dass es gar keine schwarzen Esel auf dem Hof gibt, nur dunkelbraune.

Zweite Lektion: Den Esel verstehen, sich selbst verstehen

Esel zeigen sehr deutlich, wenn ihnen etwas nicht passt. Sie bleiben stehen oder gehen weg. Damit muss man erst einmal umgehen lernen – eine gute Übung für den Alltag, der auch immer wieder Hürden bereithält, die es beharrlich zu nehmen gilt. Ein Nein zu akzeptieren, fällt manchen Kindern genauso schwer, wie eines auszusprechen. Auch die Erkenntnis, dass Neinsagen erlaubt ist, demonstrieren die Esel eindrücklich.

Wenn gar nichts hilft, hilft Futter. Esel sind normalerweise unbestechlich. Gerd Engelsmann

Wenn Gäste zu ihr kommen, wählt Kathrin Heise das aus ihrer Sicht passende Tier und die passende Aufgabe für jeden Besucher aus. Bei sehr ängstlichen Kindern reicht es für den Anfang schon, die großen Tiere von der sicheren Zaunseite aus zu beobachten. „Ängstliche Kinder? Wunderbar!“, sagt Kathrin Heise.

Nach einiger Zeit trauten sich alle, das Tier mit einer Gerte sanft aus der Entfernung zu berühren. „Eine halbe Stunde später stehen die Kinder schon inmitten der Esel und sind entspannt.“

Esel sind Herdentiere, im Gegensatz zu Pferden haben sie in ihrer Gruppe keine Hierarchie. Vom Umgang mit den sanftmütigen, aber willensstarken Tieren profitieren Besucher mit Ängsten, Unsicherheiten, Sprachstörungen, Behinderungen, Menschen, die sehr zappelig oder schüchtern auf den Hof in Karwe kommen. Aber auch der Besuch in den Ferien, einfach zum Streicheln und Zusammensein mit den Eseln, ist möglich.

Dritte Lektion: Vorangehen

Mutige, die sich daran wagen, gehen einen Parkour mit dem Tier. Wie bloß die Eselin Sarah durch den Teich lotsen? Wie Tonja über die Rampe, die sie so gar nicht mag? Neuen Aufgaben stellt man sich am besten unvoreingenommen, mit Kreativität und vor allem mit dem ganzen Fokus auf das, was zu tun ist. „Eseln kannst du nichts vormachen“, sagt Heise. „Esel arbeiten nur freiwillig – wenn Kameradschaft und Vertrauen stimmen.“

Man kann schieben und ziehen und es passiert nichts, wenn die Esel spüren, dass man eigentlich keine Lust hat, sich nicht auf sie einlässt. Dieser Spiegel regt zum Umdenken an. Ein Tier überzeugen, sich etwas einfallen lassen, Ausdauer beweisen, dranbleiben, all das kann man hier im Spiel lernen.

Wenn es klappt, nimmt man das Gefühl mit, einen Unterschied zu machen, etwas bewirken zu können – ein wichtiger Schritt, um auch andere Probleme zu bewältigen.

Vierte Lektion: Loslassen

Wie entspannt man einen Esel?, fragt Kathrin Heise und macht es vor: Die langen Ohren sanft, aber fest nach hinten streichen, immer wieder. Dann senkt Emiel den Kopf und lässt seine Unterlippe hängen. Das entspannt auch den Menschen.

Fühlen, wie warm und weich und staubig das Fell des tierischen Doktors ist, sich in eine Aufgabe versenken, auch das hilft im oft hektischen Alltag, besser zu sich zu finden.

Streicheln hypnotisiert. Wenn die Besucher versunken sind und eine Einheit  mit dem Tier – wenn die Augen leuchten, dann weiß Kathrin Heise, dass sie und ihre vierbeinigen Helfer viel richtig gemacht haben. Informationen, Anmeldung und Termine unter  http://www.esel-bruecke.de