Berlin Alexanderplatz. Kurz vor Beginn des neuen Jahres. 
Berlin Alexanderplatz. Kurz vor Beginn des neuen Jahres.  Sebastian Wells/OSTKREUZ

Zwischen den Jahren, von den Silvesterkrawallen war da noch keine Spur, saß ich in einer Sauna in Magdeburg und verteidigte unbekleidet die Stadt in der ich geboren wurde. Hamburg sei ja eine schöne Stadt, sagte eine Dame schwitzend. Berlin aber nicht. Man werde so hineingeworfen in all das Getümmel, kein ordentliches Zentrum, Dreck und Hektik wohin man schaue. Von den vergeigten  Wahlen ganz zu schweigen. Und der BER erst. Olle Kamellen, dachte ich. 

Lesen Sie auch: Raketen und Böller von Silvester übrig? So lagern Sie Feuerwerk richtig – KURIER verrät, was erlaubt ist und was nicht>>

Vom kleinen Magdeburg aus mit dem kuscheligen Weihnachtsmarkt auf dem Rathaus-Platz aus wirkte Berlin ja wirklich einen Moment lang wie eine überreizte, abgehalfterte Alte, die sich mal für was hielt, nun aber nur noch vom früheren Glanz zehrte. Es stimmte ja, was die Dame sagte, in Berlin kreischen die Straßenbahnen um die Kurven, in Magdeburg tuckelten sie.  

Lesen Sie auch: Scharfe Kritik von Merz und Söder: Berliner Silvesterkrawalle als Teil der „Chaos-Stadt“>>

In Berlin eskalierten die Dinge als es auf Silvester zuging, in Magdeburg kamen wir zur Ruhe. Manchmal braucht man eine kleine Auszeit von dem Gewusel in Berlin, hörte ich mich sagen. Aber im Grunde sei die Stadt liebenswert, man müsse nur wissen, wo. Ihr Herz hat die abgehalfterte Alte immer noch auf dem rechten Fleck, dachte ich mit Blick auf all die Flüchtlinge die wir aufnehmen, all die guten Taten der Berliner, die es nicht in die Schlagzeilen schaffen. 

Berlin und seine Ärgernisse 

Wir Berliner sind Spitze im Wegatmen von Ärger und Wut. Von außen gesehen wirken all die Berliner Ärgernisse (Schulen, Bürgerämter, Polizei, Nahverkehr, Baustellen, Parallelgesellschaften, Clan-Folklore und weitere) sogar wie besonders anspruchsvolle  Challenges, die wir hier jeden Tag meistern. Darauf war ich in der Provinz-Sauna sogar ein bisschen stolz.

Nicht aber auf die Politik, die viel zu wenig beherzt Dinge angeht, die im Argen liegen. Nach dem Urlaub, nach dem Jahreswechsel, der in Berlin, aber auch in anderen Städten, bekanntlich böse entglitt, lese ich nun von Friedrich Merz und Markus Söder, die Berlin als Chaos-Stadt betiteln. Wenige Wochen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus, wie billig. Sie stimmen in den Chor ein, den ich schon aus der Sauna kenne. 

Lesen Sie auch: Berlin und Brandenburg wollen Ende der Maskenpflicht im ÖPNV! DIESES Datum soll der Stichtag sein>>

Wer in Teilen Neuköllns auf die Straße wollte, musste in der Silvesternacht sehr vorsichtig sein.
Wer in Teilen Neuköllns auf die Straße wollte, musste in der Silvesternacht sehr vorsichtig sein. Volkmar Otto

CDU-Chef Friedrich Merz sagte dem „Münchner Merkur“: „Die Chaoten, viele davon mit „Migrationshintergrund“, fordern mit ihrer Randale den Staat heraus, den sie verachten.“ CSU-Chef Markus Söder sagte: „Berlin entwickelt sich leider zu einer Chaos-Stadt - beginnend bei der Politik, die weder Wahlen organisieren noch die Sicherheit ihrer Bürger garantieren kann.“

Berlin, Blitzableiter Deutschlands 

Jede Gemeinschaft, jede Gruppe braucht so etwas wie einen Blitzableiter. In Deutschland fokussiert man eben, wenn etwas schief läuft, auf Berlin, hier aber atmen wir das weg. Wir wiederholen die Wahl, wir räumen die Silvester-Sauerei weg, das Schmuddelkind der Nation wischt sich nach der Schelte den Rotz am Ärmel ab und geht eine Runde um den Block. 

In Magdeburg und anderswo mag es beschaulicher zugehen, die Probleme, die sich auf der Bühne Berlin im grellen Licht zeigen, gibt es dort aber auch.  Die Lust, sich am Berliner Scheitern abzuarbeiten, sie mag befreiend für meine Sauna-Kollegen sein, für Merz, Söder und Co. ist sie peinlich. Vielleicht ist das das eigentliche Problem: während sich Politiker in Schnappatmung üben und heiße Luft produzieren, erwartet das Fußvolk Taten. In Berlin und anderswo.