Ein Flugzeug im Landeanflug auf den Flughafen Tegel. Foto: imago images / photothek

Auf der Terrasse ist es schon ein bisschen kühl. Wenn die Sonne zwischen den Wolken hervorschaut, wärmt sie noch ganz gut. Aber der Sommer ist zu Ende, das kann man nicht länger verdrängen. Ein letzter Sommer mit Flugzeugen. Noch einmal Gedröhne, sodass man mit dem Sprechen aufhören muss, bis die Blechkiste über der Dachkante verschwunden ist. Zu laut, diese Dinger am Himmel. Es ist schön, dass das aufhört.

Wenn in wenigen Tagen der letzte Flieger nach Tegel über uns hinweg geflogen ist, wird Ruhe einkehren in meinem Garten. Keine Friedhofsruhe. Dafür ist die Stadt zu dicht. Man hört die Bundesstraße, die Autos im Dorf und die ewige Baustelle vor der Tür. Aber mit der Fliegerei wird es vorbei sein.

Komisch. Wir haben so lange darauf gewartet, aber jetzt will sich partout kein Hochgefühl einstellen. Es ist, als ob sich die Gefühle abgenutzt hätten. Wir hatten Erwartungen, wir wurden enttäuscht, wir haben uns getröstet, wir haben gehofft, wir waren wieder enttäuscht. Und dann ging das alles immer wieder von vorne los. Der BER, diese ewige Baustelle, dieses nie fertig werdende Desaster, hat unsere Gefühle abgenutzt.

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Dabei war das Theater zwischenzeitlich ganz lustig. Nicht nur im Rückblick. Auch damals schon. Aber je länger es dauerte, umso ungeduldiger wurden wir.

Wir haben eine persönliche Beziehung zum immerfort werdenden Großflughafen BER und auch zu seinem Gegenstück, dem klapprigen alten und von vielen doch heiß geliebten Flughafen Tegel. Wir haben 1999 in der Einflugschneise nach Tegel ein Haus gekauft. Es ist schon Brandenburg, aber dicht hinter der Stadtgrenze. Ein großes altes märkisches Landhaus, eine Ruine damals, das wir in liebevoller Hingabe selbst ausgebaut haben. Die Flugzeuge fliegen hier höher als in Hakenfelde, Haselhorst oder am Kurt-Schumacher-Platz. Aber die Schrift unter den Tragflächen kann man lesen, wenn sie drüber fliegen, über das Haus.

Ich habe die Minuten zwischen den Flugzeugen gezählt. Ich kam auf zwei. Manchmal war auch eine längere Pause dazwischen.

Bei der ersten Besichtigung des Hauses standen wir, mein Mann und ich, mit dem Makler im Hof. Missmutig kratzte ich am verdichteten Boden herum und überlegte, wie ein Garten daraus werden könnte, und fragte den Makler, was er über Altlasten auf dem Grundstück wüsste, als der erste Flieger Kurs auf mich nahm.

So wirkte es jedenfalls. Als er zwischen den Bäumen hervorkam und das Dröhnen immer lauter wurde, als man sehen konnte, wie die Landeklappen sich öffneten und Räder hervorkamen, ganz so, als wollte der Pilot direkt auf der nächsten Wiese hinter dem Haus aufsetzen. Ich fühlte mich bedroht. Der Makler wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte, dann sagte er: „Das ist 2007 vorbei. Dann öffnet ja der neue Flughafen in Schönefeld.“ Ich erinnere mich an die Gewissheit in seiner Stimme, an mein skeptisches Auflachen und höre mich noch sagen: „Das glaube ich erst, wenn es so weit ist. In München haben sie 20 Jahre gebaut.“ Ich habe dann die Minuten zwischen den Flugzeugen gezählt. Ich kam auf zwei. Manchmal war auch eine längere Pause dazwischen.

Man kann also nicht sagen, dass wir nicht geahnt hätten, worauf wir uns einlassen, als wir das Haus kauften. Aber wie sich die Dinge dann wirklich entwickelten, das konnten wir nicht ahnen. Mit diesem Desaster, wie es sich dann abspielte beim BER, kann niemand gerechnet haben.

Ein Witz, aber ein sehr langer

Es gibt Witze über den BER und manche davon sind wirklich lustig. Dass man in Brandenburg ja Erfahrung mit der Umnutzung von gescheiterten Großprojekten hat zum Beispiel. Einfach Wasser reinlassen, wie in die Traglufthalle zum Bau von Riesenzeppelinen, und schon muss man nicht mehr in die Tropen fliegen. Oder dieser:„750 Bildschirme im Hauptterminal haben nach 6 Jahren Dauerbetrieb das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Sie hingen an der nicht abschaltbaren Stromversorgung und müssen nun ausgetauscht werden.“ Allerdings ist zu befürchten, dass dies kein Witz ist.

Die ersten Verschiebungen haben wir mit Fassung getragen. Wir haben uns lustig gemacht und unseren Gästen das Ganze als Naturschauspiel dargeboten. Mit einer nie enden wollenden Fülle an Anekdoten haben wir an Grillabenden zur Erheiterung beigetragen. Damals, als die Privatisierung scheiterte und der Eröffnungstermin erst auf 2009, dann auf 2010, 11 und schließlich 12 rutschte. Es hat fast Spaß gemacht, dem Ringen der verschiedenen Regierungen und beteiligten Firmen, Aufsichtsbehörden und Lobbygruppen aus der Ferne zuzusehen. Ein boshafter Spaß mit bitterem Nachgeschmack, weil das Erreichen ländlicher Beschaulichkeit ebenfalls immer weiter in die Ferne rückte.

Auch als die für Oktober 2011 geplante Eröffnung um sechs Monate verschoben werden musste, haben wir noch gelacht. 16.000 Brandmelder und ein kilometerlanges Rauchgasabpumpsystem verhinderten den Start eines Milliardenprojekts. Ein köstlicher Spaß. Es war ein einziger Witz, aber ein sehr langer. Was danach kam, änderte allerdings die Art der Betrachtung.

Die letzte Maschine sollte am 2. Juni 2012 um 23 Uhr in Tegel landen. Wir hatten ein kleines Gartenfest geplant. Wir wollten den letzten Flieger nach Tegel überm Haus angemessen verabschieden. Der Sekt war schon gekauft, die Freunde eingeladen, als die Flughafengesellschaft die BER-Eröffnung wegen technischer Probleme beim Brandschutz absagte. Wir sagten unser Fest auch ab. Unser Gartenfest war allerdings nichts gegen den Aufwand, den jetzt andere hatten: 40.000 geladene Gäste für die Eröffnungsfeierlichkeiten, zwei Millionen Euro Kosten für nichts. Bei uns blieb nur der Sekt im Keller liegen.

Alles, was danach kam, verfolgten wir mit Staunen. Die Idee, Tausende Menschen an die Türen zu stellen, damit sie im Ernstfall von Hand geöffnet und geschlossen werden könnten. Die Verschiebung der Verschiebung, die Fehlersuche, die Stille, die sich irgendwann um eine mögliche Eröffnung des BER legte wie ein Grabtuch, und die zunehmende Gewissheit, dass die handelnden Personen bei diesem Flughafenbau offenbar vollkommen den Überblick verloren hatten und gar nicht wussten, welche Probleme sie überhaupt hatten.

Zu kurze Rolltreppen, vergessene Kabelschächte

Wir haben die Nachrichtenlage zum Thema dann irgendwann nur noch sporadisch verfolgt: Wer welche Kosten bei der verschobenen Eröffnung gehabt hatte. Die Geisterbahnsteige unter dem Terminal. Die berühmten Kabel im Flughafengebäude, von denen niemand mehr wusste, wo sie überhaupt hinführen. Finanzierungsprobleme. Gerangel um die Schuldfrage. Weitere Verschiebungen. Nicht funktionierende Sprinkleranlagen. Zu kurze Rolltreppen. Regen, der in die Lüftung eindrang. Vergessene Kabelschächte. Bäume, die wieder ausgegraben und woanders hingepflanzt wurden. Und dann die berühmten Dübel. Konnte es wirklich sein, dass es davon abhing, dass Tausende Dübel dem Brandschutz genügten, ob dieser riesige Bau jemals genehmigt werden würde?

Seit ein paar Jahren lese ich nur noch Positivmeldungen.

Seit ein paar Jahren lese ich nur noch Positivmeldungen. Was alles nicht funktioniert, will ich nicht mehr wissen. Die Debatten um einen Weiterbetrieb des alten Flughafens Tegel haben mich genervt. Aber zu diesem Zeitpunkt war ja sowieso alles schon total vermurkst.

Das Desaster um den BER hat ein paar Spuren hinterlassen in meinem Deutschlandgefühl. Ich gebe es nicht gerne zu, denn ich kann ja nichts dafür, aber ich bin schon ein bisschen stolz darauf, dass in meinem Land die wesentlichen Dinge vergleichsweise gut funktionieren. Dass wir es aber nicht schaffen, einen Flughafen zu bauen? In einer wunderbaren BBC-Reportage über das Berliner Flughafen-Fiasko kann man den Reporter bei der Besichtigung von Kofferkarussells belauschen, die sich leer in der Grabesstille des Gebäudes drehen, während er über den Gegensatz zum gewaltigen Anspruch des Projekts sinniert. „Ein nationales Trauma“, nennt er das.

Nun, ich werde wohl darüber hinwegkommen. Am letzten Flugtag werden mein Mann und ich vermutlich ein Glas Wein zusammen auf der Terrasse trinken. Vielleicht werden wir dem allerletzten Flieger nachschauen, wenn er über unser Haus hinwegdröhnt und Tegel ansteuert. Es wird kein Fest in unserem Garten geben. Genauso wie es auch keine Eröffnungsparty in Schönefeld gibt. Zum Feiern ist niemandem mehr zumute. Diese Idee hat sich irgendwie abgenutzt.