Helene Berthelot, Chefin vom Bioladen Calendula, steht zwischen den Regalen und räumt frisches Obst und Gemüse ein. dpa/Pleul

Boskoop-Äpfel für 3,50 Euro das Kilo, Schalotten für 6,50 Euro das Kilo, der Weichkäse L’amour Rouge kostet 2,90 Euro pro 100 Gramm. Angebote aus dem Bioladen „Calendula“ (französisch für Ringelblume) von Helene Berthelot. Wer das  Geschäft aufsucht, tut das gezielt. Er liegt nicht in der Einkaufsstraße Eisenhüttenstadts, sondern fast versteckt im zweiten Wohnkomplex – hinter dekorativen Arkaden eines Gebäudes, das an stalinistische Vorbilder und Bauhaustradition erinnert. Kunden, die sich gesund ernähren wollten, würden ihren Laden in der Erich-Weinert-Allee 1 kennen und finden, meint die Französin.

„Ich bin ein Genussmensch. In meiner Familie wurde immer frisch gekocht, mit guten Produkten“, erzählt die Ladeninhaberin, deren Akzent nur bei genauem Hinhören zu erkennen ist. In Eisenhüttenstadt habe sie die Qualität an Lebensmitteln vermisst, die sie von zu Hause kannte. Deswegen, so sagt Berthelot, habe sie ihren eigenen Bioladen mit inzwischen mehr als 1000 unterschiedlichen Produkten eröffnet.

Lesen Sie auch: Blitzschnell backen wie in der DDR: Leckerer Bienenstich a la Oma Engel>>

Die 42-Jährige hat in der französischen Hauptstadt Paris Metallkunde studiert. Auf der Suche nach einem Platz für ihre Diplomarbeit landete sie im Arcelor-Stahlwerk Eisenhüttenstadt. „Ich wollte Auslandserfahrungen machen. Arcelor hat einen guten Ruf und der Osten Deutschlands reizte mich“, begründet sie ihre Wahl.

Sie sei gewissermaßen deutsch vorbelastet. „Meine Mutter war Deutschlehrerin, mein Onkel lebte in Deutschland, mein Opa war im Zweiten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten.“ Viele ihrer Landsleute würden Deutschland den Krieg noch immer übel nehmen, erzählt Berthelot. Nicht so ihr Großvater – er habe die Deutschen nach 1945 näher kennen lernen wollen. Und so hat auch die Enkelin viele Ferien in Bayern verbracht.

Helene Berthelot, Chefin vom Bioladen Calendula, steht am Eingang zu ihrem Geschäft. dpa/Pleul

Ihr Diplom längst in der Tasche blieb Berthelot in Eisenhüttenstadt. Nach dem Studium arbeitete sie bis 2011 weiter im Stahlwerk, in der Produktentwicklung für die Automobilindustrie. Im Laufe der Jahre war die Wahl-Eisenhüttenstädterin jedoch nicht mehr glücklich in ihrem Beruf. Inzwischen hatte sie sich in einen heimischen Heil- und Chiropraktiker verliebt, der neue Praxisräume in einem früheren Laden für Naturkosmetik bezog. „Er hat mir Mut gemacht, neu anzufangen und bot mir an, hier einzusteigen.“ Was also lag für den Genussmenschen Berthelot näher, als ein Geschäft für gutes Essen aufzubauen?

Produzenten aus der Region Eisenhüttenstadt fehlen im Bio-Laden: Die seinen nicht lieferstabil, eher chaotisch.

„Ich begann mit einem Mini-Biosortiment, musste nach Berlin fahren, um die Produkte abzuholen, weil kein Lieferant bis nach Eisenhüttenstadt kam“, beschreibt sie den mühseligen Start ihres Bioladens. Später kooperierte sie mit einem Biobauern in Beeskow, der sich allerdings nicht als zuverlässig erwies.

Schmerzlich vermisst Berthelot die französischen Wochenmärkte mit frischem Obst, Gemüse, Fleisch und Käse. Regionale Produzenten dafür rings um Eisenhüttenstadt zu finden, ist ihr nicht gelungen, wie sie beschreibt. „Ich habe nicht die Zeit und die Kapazität, einzelne Bauernhöfe abzuklappern. Zudem sind die nicht lieferstabil, eher chaotisch“, beschreibt die 42-Jährige ihre Erfahrungen. „In Bayern wäre es einfacher, aber hier in Ostbrandenburg, gibt es kaum Vermarktungs-Strukturen“, kritisiert sie.

Das bestätigt auch Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL). „Wenn ein Biobauer zwei Kisten Gemüse über mehr als 20 Kilometer ausliefern soll, rechnet sich das auch in der Ökobilanz nicht. Es ist weder rentabel, noch sinnvoll“. Dieses Problem sei in der bevölkerungsarmen Peripherie Brandenburgs bekannt. „Hat jemand ein gefragtes Produkt, gehört die Logistik zum nachhaltigen Geschäftsmodell. Rechnet sich das nicht, passt es auch nicht“, macht er deutlich.

Auch die Käsetheke im Bioladen Calendula ist reich bestückt. dpa/Pleul

Mit dem Ökoaktionsplan will das Brandenburger Agrarministerium die Anbaufläche für ökologische Lebensmittel bis 2024 auf 20 Prozent steigern und die Wertschöpfungskette für diese Lebensmittel nachhaltig stärken, sagt Sprecher Sebastian Arnold. „Eine große Rolle spielt dabei die Vernetzung von Erzeugern über die Veredlung bis zur Vermarktung.“ Zudem habe die Corona-Pandemie gezeigt, dass kurze und stabile Lieferketten anpassungsfähiger seien, als beispielsweise Lebensmittelimporte, so der Ministeriumssprecher.

Die waren kommen von einem Bio-Großhändler in Berlin

Berthelot bestellt bisher beim Bio-Großhändler in Berlin, der inzwischen tatsächlich dreimal wöchentlich nach Eisenhüttenstadt kommen würde, wie sie erzählt. Eine gute Kooperation gebe es mit dem biozertifizierten Gut Hirschaue in Birkholz von dem Berthelot Wurst und Fleisch bezieht. Wobei sie den Begriff „Bio“ längst nicht mehr ausschlaggebend findet. „Eigentlich will ich eher ein Feinkost-Spezialitäten-Geschäft sein. Die Sachen, die ich anbiete, sollen nicht nur gesund, sondern vor allem schmackhaft sein.“ Wenn sie Vertrauen zu den Produzenten habe, wisse woher die Waren kommen, müssten diese nicht unbedingt biozertifiziert sein.

Lesen Sie auch: Leckerer Küchenklassiker: So gelingt Ihnen der zarteste Sauerbraten der Welt>>

Stolz ist Berthelot auf ihre Frischetheke mit französischem Käse. Seit Kurzem hat sie auch Champagner eines Weingutes ihrer Heimat, der Champagne, im Angebot. Die Corona-Pandemie habe auch bei den Deutschen die Tendenz zu qualitativ hochwertigem Essen befördert, hat Berthelot beobachtet. „Plötzlich wollten alle ihr Brot selbst backen oder gemeinsam mit Freunden kochen, ihr Geld für hochwertige Produkte ausgeben.“ Ihren Laden konnte die Französin aufgrund großer Nachfrage mittlerweile sogar erweitern.