Für das Ehepaar Ingrid und Dieter Weber ist wieder mehr normaler Alltag möglich, seit die Senioren-Tagespflege „Am Schwanengraben“ wieder geöffnet ist.


Foto: Volkmar Otto 

Endlich wieder unter Leuten. Bei der Morgenrunde in der Tagespflege „Am Schwanengraben“ im brandenburgischen Dallgow-Döberitz laufen leise Schlager zum Mitsummen. Als Ingrid Weber nach langer Zeit der Schließung endlich wieder in den vertrauten Raum kommt, hat sie Tränen in den Augen. „Ich freue mich so, dass ich hier sein kann“, sagt die 82-Jährige. „Mir fehlte die Abwechslung.“ Die Dallgowerin kann sich nur noch eingeschränkt bewegen, nicht mehr alleine stehen oder laufen. Sie sitzt im Rollstuhl. Ihr Mann, Dieter Weber, kümmert sich rührend um sie.

Doch der Alltag im Lockdown hat beide an ihre Grenzen gebracht. „Der Kontakt zur Außenwelt fehlte ihr sehr“, sagt Dieter Weber (82). „Ihre Tage waren eintönig. Sie hat fast nur Zeitung gelesen.“

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Und auch für den Rentner selbst bedeutete die coronabedingte Schließung der Tagespflegen einen Kraftakt. Mit dem zweiten Lockdown vor Weihnachten ging es in der Einrichtung in den Notbetrieb. Die meisten Gäste mussten zu Hause bleiben. Dieter Weber hat die Mehrbelastung gern auf sich genommen. Klar, dass er, soweit es eben geht, seine Frau selber pflegen möchte. „Sie ins betreute Wohnen zu geben, wie es der Arzt in der Klinik damals nach ihrem Oberschenkelbruch empfahl, kam gar nicht in Frage“, entrüstet sich der Rentner.

Pflegealltag bringt Angehörige an ihre Grenzen

Doch an einem normalen Tag hebt er seine Frau, mit der er seit 60 Jahren zusammen ist, um die 30 Mal. Während der Schließzeit war es noch häufiger. „Dazu kommt, dass sie mich rufen muss, selbst wenn ihr nur ein Bleistift herunterfällt. Ich lasse dann meine Arbeit an einer anderen Stelle im Haus liegen.“ Der zehrende Pflegealltag brachte alle an ihre Grenzen.

Dieter Weber ist froh um jede Hilfe – durch die Mitarbeiter der Sozialstation, die täglich nach Hause kommen, und durch die Tagespflege, die nun wieder tageweise die Betreuung seiner Frau übernimmt. Ganz normal ist noch immer nicht alles, auch wenn viele hier nun bereits geimpft sind, Pfleger wie Gäste. Wegen der noch immer geltenden Abstandsregelungen können die Gäste nur im Wechsel kommen. Anstelle von fünf Tagen Betreuung in der Woche genießt Ingrid Weber, die ebenso wie ihr gleichaltriger Mann inzwischen geimpft ist, nun erst einmal an drei Tagen ihren gewohnten Tagesablauf.

Wie Ingrid Weber ging es auch anderen Senioren, weiß Daniela Hahlweg. Sie ist die Niederlassungsleiterin der Tagespflegen der Gemeinschaftswerke in Falkensee und Dallgow-Döberitz: „Bei vielen Pflegekunden haben sich die kognitiven Fähigkeiten verschlechtert. Sie haben sich einsam gefühlt, isoliert. Jetzt blühen sie wieder auf. Wir beobachten die Fortschritte täglich.“

Gefühle der Einsamkeit und der Isolation

Auch wenn die Mitarbeiter während der Schließung den Kontakt zu ihren Senioren nicht abreißen ließen, haben alle Beteiligten die Tage bis zur Öffnung gezählt. „Unsere Mitarbeiter haben Briefe geschrieben und sie nach Hause zu unseren Tagesgästen geschickt, sie sind zu den Menschen gegangen und haben mit ihnen gebastelt“, sagt Daniela Hahlweg. Dieter Weber und seine Frau haben sich über die Besuche gefreut:  „Meine Frau hatte ein paar Mal Besuch. Es wird viel gelacht, wenn die Pflegekraft bei uns im Haus ist. Oft höre ich ein Kichern aus dem Bad“, sagt Dieter Weber.

Nun wird Ingrid Weber morgens, nach dem gemeinsamen Frühstück zu Hause, mit dem Bus abgeholt. Während Dieter Weber dann tagsüber Haus und Garten in Schuss hält, weiß er seine Frau in guten Händen.

Basteln, Musik und die Gesellschaft von anderen haben während des Lockdowns gefehlt.


Foto: Volkmar Otto 

Ingrid Weber hat in der Tagespflege ihre Begeisterung fürs Basteln entdeckt. Gemeinsam mit Betreuungsassistentin Christina sitzt sie am Tisch und fertigt Ringe mit Vogelfutter, während im Hintergrund in der neuen Küche gewerkelt wird.

Es gibt Bratwurst und Blumenkohl an diesem Tag. Ja, das möge sie gerne, meint die ehemalige Sekretärin eines Versicherungsbüros, so wie jedes andere Gericht hier auch.

Politik will bei Tagespflegen kürzen

„Die Tagespflegen sind ein wichtiges Element, um pflegende Angehörige zu entlasten. Nicht anders als Kindertagesstätten und Schulen wiederum für Eltern“, sagt Pflegedienstleiterin Sandra Stoye.

Da passt es nicht gut ins Konzept, dass die Politik die Tagespflegen für ältere Menschen künftig nicht mehr wie bisher unterstützen will. In einem bislang unveröffentlichten Arbeitspapier des Bundesgesundheitsministeriums ist die Absenkung der Refinanzierung von Tagespflege auf 50 Prozent vorgesehen, wenn, wie auch bei den Webers, ambulante Pflegeleistungen in Anspruch genommen werden. „Diese Planungen werden ein Aus für viele Tagespflegen bedeuten und eine Katastrophe für die Angehörigen“, sagt Daniela Hahlweg.

Sandra Stoye ist Pflegeleiterin in der Einrichtung „Am Schwanengraben“.


Foto: Volkmar Otto 

Die Webers wohnen nicht weit weg von der Sozialstation der Gemeinschaftswerke, auch sie nutzen beide Dienste.

„Pflege der kurzen Wege“ ist ein Kerngedanke des gemeinnützigen Unternehmens genauso wie „geteilte Verantwortung“: Auf der einen Seite bringen sich Verwandte und Angehörige wie Dieter Weber ein, auf der anderen Seite unterstützen die Gemeinschaftswerke.

Wie bei Eltern und Kindern ist eine Betreuung von Pflegebedürftigen oft stark verzahnt. Morgens kommt eine Pflegerin, hilft beim Anziehen, tagsüber verbringen Pflegebedürftige den Tag in einer Einrichtung, abends geht es wieder in die vertraute Umgebung. Bricht ein Bestandteil weg, wächst der Druck.

Scharfer Protest der Deutschen Alzheimergesellschaft

Gegen die Pläne, die Erstattung zu halbieren, haben im Vorfeld bereits viele Verbände protestiert. Auch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft lehnt die Kürzungen aufs Schärfste ab. „Die Tagespflege ist ein Angebot, das es gerade Angehörigen von Menschen mit Demenz oft überhaupt ermöglicht, die Pflege zu Hause sicherzustellen“, erklärt Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG).

„Wenn nun die Leistungen dafür auf die Hälfte reduziert werden sollen, nur weil ergänzend auch noch der Pflegedienst beispielsweise die morgendliche Körperpflege übernimmt, dann bricht in vielen Familien die Pflegeorganisation zusammen. Nicht zuletzt die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Pflege wird so in vielen Fällen unmöglich gemacht.“

Wer aufgrund von Berufstätigkeit die Versorgung seiner pflegebedürftigen Eltern nur abends und am Wochenende selbst übernehmen kann, hat schon nach der bisherigen Regelung einen nicht unbedeutenden Anteil der Kosten für Tagespflege und den Einsatz des Pflegedienstes an fünf Tagen pro Woche aus eigenen Mitteln zu bestreiten, heißt es in einer Mitteilung, eine noch höhere finanzielle Belastung können sich die wenigsten leisten.

Gerade in der Corona-Pandemie sei die Bedeutung des Tagespflegeangebots deutlich geworden. Viele Familien seien an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gelangt, weil Tagespflegeeinrichtungen geschlossen wurden und sie immer noch nur ein eingeschränktes Platzangebot anbieten können. „Es kann nicht sein, dass eine solche Verschlechterung für die häusliche Versorgung gewollt ist“, sagt Sabine Jansen.

„Bloß nicht wieder schließen“, wünscht sich auch Dieter Weber für sich, seine Frau und die anderen Gäste der Tagespflege, als er seine Frau am Nachmittag wieder abholt. Er strahlt seine Ingrid an und sie freut sich auf den Abend in ihrem eigenen Zuhause.