Der Spreewald ist ein Biosphärenreservat und eines der beliebtesten Ausflugsziele im Land Brandenburg. Foto: dpa/Patrick Pleul

Derzeit fragen sich viele Leute überall: Kann auch unsere Stadt von einer Hochwasser-Katastrophe getroffen werden, wie sie gerade im Westen der Republik so viele Ortschaften verwüstet hat? Für Berlin gibt es dazu zwei Antworten: ein Ja und ein Nein.

Denn es gibt zwei gravierende Unterschiede bei solchen Extremereignissen. Es gibt sogenannte Flusshochwasser, die irgendwo weit entfernt entstehen, meist in den Bergen durch die Schneeschmelze oder massive Regenfälle. Und es gibt Hochwasser, die in den Orten selbst von Regenfällen ausgelöst werden.

Ein Wolkenbruch kann zum echten Problem werden

Ein Starkregen mit dramatischen Folgen, wie sie meist im Sommer auftreten, kann auch über Berlin niedergehen. „Solche sogenannten urbanen Sturzfluten können auch für Berlin relevant sein“, sagt Axel Bronstert, Professor an der Universität Potsdam und Fachmann für Hydrologie und Klimatologie. Gerade in einer so großen Stadt, deren Böden mit große Betonflächen versiegelt sind, kann zu viel Wasser zum Problem werden.

Hingegen ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Berlin völlig überraschend von einem Flusshochwasser getroffen wird. „Es gibt nur sehr wenige große Städte, die davon so wenig gefährdet sind wie Berlin“, sagt Bronstert.

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Der Vorteil für Berlin: Es ist zwar eine Stadt am Wasser – mit Spree, Havel, Panke, Dahme, Wuhle und großen Seen. Aber sie ist sehr weit entfernt von den Entstehungsgebieten von Hochwassern. Die großen Fluten der vergangenen Jahrzehnte im Osten trafen vor allem Sachsen und Brandenburg – also Länder, die mit den Hochwassern an Elbe, Oder und Neiße zu kämpfen hatten. An der Havel, dem größten Fluss der Stadt Berlin, jedoch gab es keine großen Hochwasser.

Die Havel ist zwar der drittgrößte Nebenfluss der Elbe, die immer wieder von schweren Fluten betroffen ist. Aber sie kommt nicht aus dem Süden, aus den Gebirgen, wo Starkregen für zu schnell steigende Pegel sorgen kann. Die Havel entspringt in Mecklenburg, fließt dann gemächlich durch Brandenburg, streift Berlin und fließt wieder nach Nordwesten zur Elbe. Zwischendurch gibt es viele Seen, die viel Wasser aufnehmen können. „Die Havel ist ein freundlicher Fluss, von dem keine ernsthafte Gefahr droht“, sagt Bronstert.

Potenziell gefährlich könnte nur die Spree werden, die aus dem Süden kommt, aus Gebirgen, die immer wieder auch von starkem Regen heimgesucht werden. „Aber der Weg nach Berlin ist lang und dazwischen ist der Spreewald. Er ist ein Super-Hochwasser-Schutz für Berlin“, sagt der Professor.

Im Spreewald gibt es 270 Kilometer solcher Fließe und Gräben. Foto: imago/Joko

Der Spreewald ist mit einer Fläche von 475 Quadratkilometern Europas größtes Binnendelta. Die Spree fächert sich dort auf ihrem Weg nach Norden in ein weitläufiges Netz als kleinen Fließen, Kanälen und Gräben auf, insgesamt sind es etwa 270 Kilometer Fließgewässer, die in den vergangenen drei Dürrejahren mit Niedrigwasser zu kämpfen hatten und die vor den kürzlichen starken Regenfällen im Süden recht leer waren.

Das Gebiet mit seinem 50 Wehren wirkt wie ein riesiger Schwamm. „Eine Flutwelle hat eine Fließzeit durch den Spreewald von etwa drei Wochen“, sagt Bronstert. Damit sei klar, wie gedämpft das Wasser danach weiter Richtung Berlin fließt.

Grafik: Galanty

Aber der Spreewald rettet Berlin nicht allein

„Der Spreewald allein kann Berlin aber nicht vor dem Hochwasser aus der Spree schützen“, ergänzt Sebastian Arnold vom Potsdamer Umweltministerium. Der Spreewald sei ein wichtiger Faktor für das „vergleichsweise geringe Hochwasserrisiko Berlins“. Aber es gebe noch weitere Faktoren: In Sachsen gibt es zwei Talsperren, die Spreewasser aufnehmen, dazu kommt die Talsperre Spremberg in Brandenburg. Außerdem wird Wasser in ehemalige Tagebaulöcher geleitet. Es gibt extra geschaffene Rückhalteräume für Wasser und das Wasser kann über Schleusen und Kanäle – auch in Berlin – gesteuert werden. „Es sind die Hintereinanderschaltung der Puffermöglichkeiten und die vielfältigen Steueroptionen, die den Hochwasserschutz für Berlin begünstigen“, sagt Arnold.

Diese geregelte Steuerung funktionierte auch vor einer Woche bei den starken Regenfällen im sächsischen Hochland, die an der Schwarzen Elster, der Lausitzer Neiße und der Spree für deutlich höhere Pegel sorgten. „Die Anlagen haben die Wassermassen gut bewältigen können“, sagt Uwe Steinhuber, Sprecher der Firma LMBV, die auch in der Lausitz stillgelegte Tagebaue saniert und dort 30 der großen Restlöcher flutet, damit sie als touristische Seen genutzt werden können. Es wird Europas größte künstliche Seenlandschaft.

Dort wird auch eine Flutungszentrale betrieben, die die Verteilung des Wassers aus drei Flüssen plant. Dort wurde nach den jüngsten Regenfällen massiv Wasser abgleitet: Insgesamt waren es etwa fünf Millionen Kubikmeter. „Das Ziel ist immer, die Scheitelwelle eines Hochwassers zu kappen, und das ist auch gelungen“, sagte Steinhuber. Die Wasserstände in den Talsperren und Seen waren durch die lange Trockenheit nicht allzu hoch. Die Schwarze Elster war sogar auf einem acht Kilometer langen Stück trockengefallen. „In diesem Fall war der Regen ein Segen“, sagt er.

Insgesamt wurden in diesem Jahr bereits 94 Millionen Kubikmeter entnommen. Das ist deutlich mehr als die 63 Millionen Kubikmeter im Jahr 2020, das sich dann als drittes Dürrejahr in Folge entpuppte. Doch das Ganze ist keine Einbahnstraße: Gerade wegen der anhaltenden Dürre wurden dann 80 Millionen Kubikmeter wieder in die Flüsse geleitet, damit der Spreewald nicht austrocknet und die Spree auch in Berlin mit genügend Wasser ankommt.

Der Geierswalder See gehört zum Lausitzer Seenland. Das wird Europas größte künstliche Seenlandschaft. imago images/Rainer Weisflog

„Die Spree gehört zu den am besten regulierten Flüssen in Deutschland“, sagt Steinhuber. Die Fachleute sagen, dass die Spree ihre „Natürlichkeit“ vor 100 Jahren verloren hat und dann nach und nach zu einem sogenannten Industriefluss wurde, geprägt von vielen Bedürfnissen: Er liefert Kühlwasser für die Kraftwerke, nimmt Grundwasser auf, das in der Lausitz massenhaft an den Tagebauen abgepumpt wird, damit die Gruben nicht volllaufen, es gibt Wasserkraftanlagen und große Teichwirtschaften und die neuen Seen.

In Zeiten zunehmender Trockenheit ist das Wasser begehrt und so regelt eine gemeinsame Kommission der Länder Sachsen, Brandenburg und Berlin, wer wie viel Wasser bekommt oder nun – bei zu viel Regen – abnehmen muss.