Noch fährt sie nicht – Berlins neue Straßenbahn gibt’s bislang nur als lebensgroßes Holzmodell.
BVG/Andreas Süß

Es ist kein Witz: Berlins neue Straßenbahnen bekommen ein Navigationsgerät, obwohl der Fahrer den Weg seines Fahrzeugs gar nicht beeinflussen kann. Der Hintergrund ist einfach, erklärt ein BVG-Sprecher: Immer wieder kommt es im Netz zu Umleitungen, sei es geplant wegen Bauarbeiten oder ungeplant beispielsweise wegen eines Unfalls. Deshalb werden die Fahrer, die auch nicht jede Strecke „im Schlaf“ kennen können, künftig per Bildschirm über den Verlauf der Strecke informiert, den sie nehmen werden.

Die Frontscheibe der neuen Züge ist etwas weiter hinuntergezogen. Über der vorderen Tür sind die Kameras erkennbar. Gerd Engelsmann

Das ist jetzt in einem hölzernen, bis auf die fehlenden Räder und Stromabnehmer nahezu originalgetreuen Modell der Züge zu sehen, das der seit Ende August zur französischen Unternehmensgruppe Alstom gehörende Hersteller Bombardier von der Berliner Firma IFS Design bauen ließ.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Modell außen und innen wenig von den existierenden Straßenbahnen, wirkt etwas windschnittiger. Schneller werden sie deshalb nicht: Die Straßenbahn darf nur so schnell fahren wie es nach Straßenverkehrsordnung auf der jeweiligen Straße erlaubt ist, maximal aber mit Tempo 60.

Auffällig nur, dass es keine Außenspiegel gibt. Kameras liefern dem Fahrer stattdessen Bilder auf Monitore rechts und links vor ihm.

 Vor dem Fahrhebel zeigt das Navi dem Fahrer, wo es langgeht.  Gerd Engelsmann

Beginnend am Ende des kommenden Jahres und bis 2033 sollen mindestens 80, optional bis zu 117 sogenannte Zweirichtungsfahrzeuge geliefert werden. Sie haben einen Führerstand an jedem Ende, sodass Linien ohne Wendeschleifen an den Endstellen bedient werden können. Mindestens 350 Millionen Euro werden dafür fällig. Für den Fall, dass Teile ersetzt werden müssen, verpflichtet sich der Hersteller, mehr als 30 Jahre lang Ersatzteile zu liefern.

Statt Spiegeln außen zeigen Monitore innen, was sich links und rechts hinter dem Fahrer im Verkehr oder an der Haltestelle vor den Türen abspielt. Gerd Engelsmann

35 Züge werden 50 Meter lang sein und sollen auf der Linie M4 (Falkenberg oder Zingster Straße – Hackescher Markt) eingesetzt werden, die die meisten Fahrgäste aller Straßenbahnlinien verzeichnet. Vor Corona waren es in etwa 100.000 – am Tag. 312 Passagiere werden reinpassen, ein knappes Drittel von ihnen wird sitzen können.

Ein großes Display am Ende des Holzwagens zeigt das Liniennetz. Gerd Engelsmann

Die 30-Meter-Variante für 181 Fahrgäste wird den Straßenbahntyp GT6 („Flexity“) im Südosten der Stadt ersetzen.

Die Inneneinrichtung kann sich noch ändern: Die Straßenbahnfahrer sollen ihren künftigen Arbeitsplatz im Holzmodell prüfen, außerdem werden unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Barrierefrei, die Behinderte vertritt, Fahrgastverbände, BVG-Kundenbeirat und Personalrat die neue Straßenbahn in Augenschein nehmen. Ihre Anmerkungen sollen die Endversion beeinflussen.