Das West-Nil-Virus unter dem Elektronenmikroskop. Foto: dpa/EPA/Centers for Disease Control/Cynthia Goldsmith

Rund 700 Infektionen gab es wohl schon bundesweit in diesem Jahr: In Deutschland zirkuliert das West-Nil-Virus, ein aus Afrika stammender Erreger, bereits seit 2018 und hat bei einigen Betroffenen schwere Krankheitsverläufe hervorgerufen. Zuletzt wurde am Montag in Berlin eine weitere Infektion bestätigt. Klar ist, dass der Patient nicht im Urlaub von einer Mücke gestochen wurde, sondern in Berlin. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut (BNI) für Tropenmedizin in Hamburg, das als Referenzzentrum für tropische Infektionserreger für die Diagnostik der West-Nil-Fälle zuständig ist, beantwortet im Interview mit der Berliner Zeitung die wichtigsten Fragen zur Infektion. Er betont, dass die Stich-Saison in diesem Jahr vorbei sei und kein Grund zur Sorge bestehe.

Herr Schmidt-Chanasit, viele Menschen sorgen sich: Erst kam Corona und nun auch noch das West-Nil-Virus, mitten in Berlin. Ist diese Angst berechtigt?

Jonas Schmidt-Chanasit: Wir sind weit davon entfernt, Angst haben zu müssen. In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland ausgiebig über das West-Nil-Virus informiert und aufgeklärt. Während man früher, infektiologisch betrachtet, überhaupt keine Angst vor einem Stechmückenstich haben musste, kann es nun zu einer Übertragung des Erregers kommen. Das passiert auch gar nicht so selten. Dieses Jahr gab es in Deutschland mehr als sieben schwere Verläufe, hochgerechnet also mehr als 700 Infektionen. Wenn ein Gebiet betroffen ist, ist es berechtigt, dass Menschen sich und ihre Angehörigen versuchen, vor einem Stich zu schützen. Aber jetzt ist die Saison vorbei, die Menschen müssen sich auch keine großen Sorgen mehr machen. Die ersten Fälle werden in Deutschland im nächsten Spätsommer, frühestens im August und September, auftreten. Und wenn im Frühling die ersten Mücken fliegen, muss man auch keine Sorgen vor einer möglichen Ansteckung haben. Die Viren benötigen eine gewisse Zeit, um sich zu vermehren.

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Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.
Foto: Foto: picture alliance/dpa

Was ist denn das West-Nil-Virus und woher stammt es?

Das West-Nil-Virus ist ein von Stechmücken übertragenes Virus. Arbovirus wird diese Art von Virus auch genannt. In Deutschland zirkuliert das Virus seit 2018, im Jahre 2019 wurden die ersten Humaninfektionen diagnostiziert. Das hat sich 2020 fortgesetzt. Das West-Nil-Virus stammt ursprünglich aus Afrika. Es kursiert seit Jahrzehnten in Südosteuropa; hat sich in den letzten Jahren weiter nach Deutschland ausgebreitet – und breitet sich innerhalb von Deutschland auch weiter aus. Dieses Jahr wurde zum Beispiel zum ersten Mal ein Fall in Niedersachsen nachgewiesen.

Wie hat das Virus es nach Deutschland geschafft?

Zum einen haben klimatische Besonderheiten in Osteuropa eine Rolle gespielt. Hitzesommer haben dazu geführt, dass sich das Virus in den Stechmücken sehr gut vermehren konnte. Dann ist das West-Nil-Virus über den kürzesten Weg aus Tschechien nach Ostdeutschland – eben auch nach Berlin – vorgedrungen. Die nördliche Hausmücke, die das Virus übertragen kann, kommt in Deutschland überall vor. Und so konnte sich das Virus auch hierzulande immer weiter verbreiten.

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Wie wird es auf den Menschen übertragen?

Das Virus wird hauptsächlich durch den Stich der Stechmücke übertragen. Wenn ein Mensch eine Wunde hat und beispielsweise mit einem toten Vogel in Berührung kommt, der am West-Nil-Virus gestorben ist, kann der Erreger theoretisch auch so in die Blutbahn gelangen. Ansonsten spielen bei Mensch-zu-Mensch-Übertragungen Bluttransfusionen und Transplantationen eine Rolle, weshalb diese immer auf das Virus getestet werden sollten.

Wie sehen die Symptome aus?

In der Regel weisen 80 Prozent der Patientinnen und Patienten gar keine Symptome nach einer Ansteckung auf. Etwa 20 Prozent der Infizierten können eine grippeähnliche Erkrankung mit Fieber und Abgeschlagenheit entwickeln oder bekommen einen Hautausschlag. In seltenen Fällen – etwa bei einer Person von 100 – kommt es zu einer neuroinvasiven Erkrankung mit einer Entzündung des Hirns oder der Hirnhaut. Sie kann, gerade bei Risikopatientinnen und -patienten, tödlich verlaufen.

Wie und wo wird das West-Nil-Virus diagnostiziert?

Alle Blutspendedienste überprüfen jede Spende auf das West-Nil-Virus, damit es zu keiner Übertragung kommen kann. Aber auch universitäre Institute, wie das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, die Berliner Charité oder Unikliniken können Verdachtsdiagnosen nachgehen. Im Regelfall werden Blut- oder Urinprobe des Patienten oder der Patientin mit einem PCR-Test untersucht. Oder es werden spezifische Antikörper nachgewiesen.

Wie werden Symptome behandelt?

Bei leichten Verläufen versucht man die Beschwerden ambulant zu mildern. Das Fieber wird gesenkt, mögliche Schmerzen mit Schmerzmitteln behandelt. Im Regelfall muss man aber gar nicht eingreifen und die Symptome verschwinden nach wenigen Tagen von alleine. Bei schweren Verläufen wird der Patient oder die Patientin stationär aufgenommen. Die intensivmedizinische Therapie ist sehr spezifisch und kann nicht verallgemeinert werden.

Wie kann man sich schützen?

Es gibt einen Impfstoff, der allerdings nur für Pferde zugelassen ist. Ansonsten bleibt dem Menschen nur der Stechmückenschutz. Gerade in Regionen, wo das West-Nil-Virus zirkuliert, sollten Menschen sich mit Sprays einsprühen, lange Kleidung tragen, ein Mückengitter am Fenster anbringen. Also klassische Maßnahmen ergreifen, die man auch sonst gegen Mücken unternimmt.

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Können sich auch Tiere infizieren und auch am Virus sterben?

Pferde, die nicht geimpft sind, können am Virus versterben. Wildvögel und Vögel in zoologischen Gärten, wie Eulenvögel oder Flamingos, sind ein sehr früher Indikator für die Virus-Zirkulation. Im Zoo in Erfurt oder Halle oder im Tierpark in Berlin sind die allerersten Infektionen bei Wildvögeln aufgetreten und später in Pferden und im Menschen nachgewiesen worden. Deshalb reagieren Gesundheitsämter auch direkt, sobald die ersten toten Vögel vom Himmel fallen. Zum Teil impfen die zoologischen Gärten ihre Wildvögel mit dem Pferdeimpfstoff, aber in einer viel geringeren Dosis. Weil sie versuchen, wertvolle Eulenvögel – wie den Bartkautz – zu schützen. Es gibt auch andere Tiere, die sich infizieren können, aber die spielen keine entscheidende Rolle bei der Übertragung.

Die Virusvermehrung in der Mücke ist temperaturabhängig und geht laut Expertinnen und Experten bei unter 16 Grad Celsius deutlich zurück. Wieso treten aber jetzt – wo es deutlich kühler ist – Fälle auf?

Bei diesen Fällen hat die Infektion vor einigen Wochen stattgefunden. Man muss die Inkubationszeit beachten und auch den Meldeverzug. Bis eine Infektion offiziell von einer Behörde bestätigt wird, vergehen etwa vier Wochen. Auf der anderen Seite sind Mücken jetzt zwar in der Fläche nicht mehr so stark vorhanden. Aber es gibt natürlich welche, die sich in eine überdachte, geschützte Gegend wie den Keller zurückgezogen haben. Es ist also durchaus möglich, auch bei kühlerem Wetter gestochen zu werden. Eine Infektion im Herbst kann man nicht vollkommen ausschließen, aber sie kommt deutlich seltener vor.

Weitere Infos zum West-Nil-Virus bietet die Homepage des Robert Koch-Insituts (RKI).