Wenn die Hände nicht reichen, hilft der Mund: Ein Dachdecker der „Palau Bai Group“ bei der Arbeit.
Wenn die Hände nicht reichen, hilft der Mund: Ein Dachdecker der „Palau Bai Group“ bei der Arbeit. Volkmar Otto

Ein zwölfstimmiger Männerchor erfüllt einen großen Saal des Humboldt-Forums, in dem Gebäude aus Ozeanien gezeigt werden. Teile eines Blätterdachs fliegen durch die Luft, landen auf dem Dachstuhl eines Versammlungshauses, Männer befestigen sie, nähen sie zusammen und singen dabei. Sie stammen aus dem winzigen pazifischen Inselstaat Palau (18.000 Einwohner) und decken das Dach eines „Bai“.

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1907, als Palau noch deutsche Kolonie war, hatte der Arzt und Ethnologe Augustin Krämer das Versammlungshaus in der Stadt Koror als verkleinerte, wenn auch unvollständige Version der üblichen Treffpunkte von Männerclubs bauen lassen. Die Palauer nannten es Kekerel Gosobulngau – kleines Feuersitzhaus. Seit 1908 ist es in Berlin im Bestand des Ethnologischen Museums.

Das Dach des „kleinen Feuersitzhauses“ wird bald  fertig gedeckt sein. Stünde das Haus in Palau, würde das Palmblatt-Dach etwa zehn Jahre halten.
Das Dach des „kleinen Feuersitzhauses“ wird bald fertig gedeckt sein. Stünde das Haus in Palau, würde das Palmblatt-Dach etwa zehn Jahre halten. Volkmar Otto

In Berlin wurden Boden und Dachstuhl vom Museum errichtet, gedeckt war das Holzhaus aber nicht. Als Dachdecker holte das Museum jetzt Hobby-Fachleute nach Berlin, mitsamt kistenweise in Palau vorgefertigten „Schindeln“: Sie bestehen aus harten Blättern der Nipa-Palme, die im Salzwasser der Mangrovenwälder wächst.

Männerclubs organisierten Häuser- und Straßenbau in Palau

„Bai“ waren früher in palauischen Dörfern vielfach zu finden, für den Rat der Herrschenden und für die Clubs gleichaltriger Männer. Es wurden politische Entscheidungen gefällt, die Männerclubs organisierten öffentliche Arbeiten wie den Bau von Straßen und Häusern.

Jeder Club besaß ein Versammlungshaus, in dem die Mitglieder nachts auch schliefen. Die Frauenclubs trafen sich meist in Wohnhäusern. Noch heute gibt es „Bai“, erklärte Dr. Patrick Tellei, Präsident des Palau Community College und Vorsitzender eines Männerclubs. Allerdings sind sie heute aus Beton.

Christopher Debengek, im Hauptberuf Sportlehrer in Palau, misst eine Palmen-Schindel.
Christopher Debengek, im Hauptberuf Sportlehrer in Palau, misst eine Palmen-Schindel. Volkmar Otto

Seit dem 1. August arbeiten Tellei und seine Mitstreiter – darunter Lehrer, Ministerialbeamte, Geschäftsleute, Ärzte – am Dach, am Dienstag wollen sie fertig sein.

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Ein Ingenieur und ein Holzschnitzer schaffen ein pfeilschnelles Segelboot, das leider nie Wasser sehen wird

Nahezu fertig ist ein zweites Ausstellungsstück im Saal der Südseeboote: Der Maschinenbau-Ingenieur und Hochschullehrer Joji Marau Misaele und der Kanu-Bauer und Holzschnitzer Rogovosa Biuwale aus Fidschi haben eine „Drua“ zusammengebaut, ein Doppelrumpfboot.

Die Drua „Domo Domo“ im Saal der Südseeboote ist fast fertiggestellt.
Die Drua „Domo Domo“ im Saal der Südseeboote ist fast fertiggestellt. Volkmar Otto

Die Teile wurden in Fidschi vorgefertigt, das Segel von drei Frauen aus Blättern geflochten. Fünf Monate habe man dafür gebraucht.

Die beiden unterschiedlich langen Schwimmkörper sind mit Schneckenhäusern verziert. Denn wie im Westen sind Schiffe für die Fidschianer weiblich, und deshalb tragen sie Schmuck. Die Schnecken, so sagt Misaele, dienten auch der Navigation.

„18 Knoten könnte die Drua erreichen“, erläutert Misaele, das sind gut 33 Stundenkilometer. Acht Personen würde die „Domo Domo“ (Halbmond) transportieren, allerdings wird sie nie das Wasser sehen wie ihre Vorbilder, mit denen die Bewohner der unzähligen pazifischen Inseln Tausende von Seemeilen durchmaßen.

Joji Marau Misaele (l.) und Rogosova Biuwale richten die Kajüte des Doppelrumpfboots aus. Zusammengehalten wird alles mit Kokosschnur.
Joji Marau Misaele (l.) und Rogosova Biuwale richten die Kajüte des Doppelrumpfboots aus. Zusammengehalten wird alles mit Kokosschnur. Volkmar Otto

Das etwa zehn Meter lange Boot mit der kleinen Hütte auf dem Deck ist der Nachbau eines Doppelrumpfbootes aus dem Jahr 1913, das heute auf Fidschi im Museum steht. Drei Stück gibt es außerhalb von Fidschi in Museen: In London-Greenwich, in Los Angeles und jetzt auch in Berlin.

Kaum noch jemand beherrscht die Kunst des Bootsbaus

Hier kann man froh sein, es bekommen zu haben. Der Ingenieur, der den Bootsbau wie sein Mitstreiter von Vater und Großvater erlernt hat, sagt: Es gibt bestenfalls noch zehn Menschen auf Fidschi, die das Handwerk beherrschen.

Schneckenhäuser auf einem der beiden Schwimmkörper. Joji Marau Misaele sagt, sie seien wie der Schmuck einer  Frau, weil Schiffe weiblich sind.
Schneckenhäuser auf einem der beiden Schwimmkörper. Joji Marau Misaele sagt, sie seien wie der Schmuck einer Frau, weil Schiffe weiblich sind. Volkmar Otto

So große Boote wie früher könne man ohnehin nicht mehr errichten, weil man keine ausreichend großen Bäume mehr finde. Es habe einer 24-stündigen Seereise bedurft, um auf einer abgelegenen Insel das Holz für das Berliner Boot zu finden.

Die Vorstellung der Südseeromantik leidet bei diesem Bild: Holzspeere der Leibwache des Häuptlings, bei Stammeskriegen in Fidschi einstmals notwendig.
Die Vorstellung der Südseeromantik leidet bei diesem Bild: Holzspeere der Leibwache des Häuptlings, bei Stammeskriegen in Fidschi einstmals notwendig. Volkmar Otto

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Das Boot wird vom 25. August an zu sehen sein, das Haus wird am 17. September vorgestellt

Vom 25. August an, wenn das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst nach einer am 10. August beginnenden Schließung wegen Wartungsarbeiten wieder öffnen, können Kinder und Jugendliche das Boot auch entern. Virtual-Reality-Brillen werden ihnen dabei helfen, in die Welt der Navigation einzutauchen.  Vom 17. September an, wenn die bislang nicht fertiggestellten Bereiche der Museen der  Öffentlichkeit übergeben werden, sind auch die Häuser Ozeaniens zugänglich.