Berlin: Özcan Cosar, Stand-up-Comedian, steht im Comedyflash-Club in Prenzlauer Berg auf der Bühne.
Berlin: Özcan Cosar, Stand-up-Comedian, steht im Comedyflash-Club in Prenzlauer Berg auf der Bühne. dpa/Annette Riedl

Wer folgt Atze Schröder oder Cindy aus Marzahn? Berlin ist für Deutschlands Comedy-Szene ein Sprungbrett. Dort tummeln sich viele interessante Namen. Eins steht fest: Leicht dürfte es nicht werden. Die Pioniere des Lach-Gewerbes sind auch heute noch Kult.

Özcan Cosar steht auf der Bühne der Stand-up-Comedy-Show „Comedyflash“, und die Zuschauer kriegen sich vor Lachen kaum mehr ein – sogar ein Grunzen ist zu hören. Er improvisiert, bringt viel Situationskomik ein und fragt einen Mathe-Lehrer im Publikum forsch: „A Quadrat plus B Quadrat gleich C Quadrat – warum bringt ihr uns so was bei?“

Ja, warum eigentlich? Die Frage haben sich bestimmt schon viele gestellt und genau das macht Stand-up-Comedy aus: Die Comedians sprechen Dinge aus, die irgendwie alle schon einmal gedacht haben, aber nicht richtig in Worte fassen können. Die Witze basieren meistens auf Beobachtungen aus dem normalen Leben und sind anders als beim Kabarett nicht unbedingt politisch oder gesellschaftskritisch.

Die Themen ähneln sich dabei – auch bei „Comedyflash“. Es geht etwa um das Verhalten von Jugendlichen. Osan Yaran regt sich zum Beispiel auf: „Warum unterhalten die sich so? Ich küss dein Auge, ich küss dein Herz. Draußen ist Pandemie, Mindestabstand, niemand küsst niemanden!“ Andere Themen sind das gescheiterte Dating-Leben, Familienprobleme oder Durchfall während des Urlaubs.

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Florentine Osche, Stand-up-Comedienne,  tritt ebenfalls im Comedyflash-Club in Prenzlauer Berg auf.
Florentine Osche, Stand-up-Comedienne,  tritt ebenfalls im Comedyflash-Club in Prenzlauer Berg auf. dpa/Annette Riedl

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In der Bar Tati goes Underground in Prenzlauer Berg findet „Comedyflash“ fast täglich statt. Die Show ist auch an diesem Sommerabend proppenvoll. So voll, dass einige Zuschauer auf der Bühne sitzen. Berlin ist so etwas wie das deutsche New York für die Stand-up-Comedy-Szene. In der amerikanischen Metropole sind solche kleinen Shows seit Jahrzehnten etabliert, weltweit bekannte Comedians sind da keine seltenen Gäste.

Die Berliner Comedy-Szene ist sehr lebendig

Auch in der Hauptstadt gibt es mittlerweile unzählige Auftrittsmöglichkeiten in Clubs, die auf Stand-up-Comedy ausgelegt sind. Neben dem Tati goes Underground auch im Mad Monkey Room, dem The Wall Comedy Club oder im Ma's Comedy Club.

„Wenn man will, kann man wöchentlich 13-, 14-mal auftreten“, sagt der „Comedyflash“-Leiter und Comedian Jan Overhausen. Der 35-Jährige ist vor rund sechs Jahren von Freiburg nach Berlin gezogen – um aufzutreten, wie er erzählt. Denn in der baden-württembergischen Stadt gebe es bis heute nur selten Stand-up-Shows.

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Auch der Kölner Comedian David Kebekus besucht die Hauptstadt regelmäßig, um seine Witze in den Clubs zu testen, wie er sagt. „Berlin ist für mich insoweit total dienlich, dass man theoretisch viermal am Abend spielen kann.“ In Köln gebe es hingegen nur unregelmäßig Shows, sagt der 38-Jährige. Wer sich jetzt fragt: „Moment mal, Kebekus? Hat er was mit der Komikerin Carolin Kebekus zu tun?“ Ja, er ist Carolin Kebekus' jüngerer Bruder.

Karriere in den Berliner Comedy-Clubs

Seiner Ansicht nach ist die Stand-up-Kultur – so wie man sie aus den USA kennt – in Berlin mehr angekommen als etwa in Köln. Der Grund: „Die Kölner Szene kommt eher aus dieser offenen Bühne. Das heißt, da werden auch mal Gedichte vorgelesen, die Gitarre ausgepackt oder es wird gesungen“, sagt er. Die Berliner Szene basiere auf Stand-up.

Sein Comedy-Kollege Till Reiners denkt außerdem, dass die Vielfalt die Berliner Szene besonders mache. „In Berlin ist es ein bisschen diverser als anderswo. Ich könnte mir vorstellen, dass hier eher Leute sind, die andere Wurzeln haben oder deren Eltern nicht klassisch Lehrer waren.“ Die verschiedenen Blickwinkel spiegeln sie dann auf der Bühne wider, wie Reiners nach seinem Auftritt sagt. Dadurch sei man näher an den Lebensrealitäten der Zuschauer.

Der 37-Jährige begann seine Karriere in den Berliner Comedy-Clubs. Jetzt hat er eine eigene Show auf 3Sat. Zuschauer könnten ihn auch von seinen früheren Auftritten etwa bei der „heute-show“ kennen.

Ziel der Comedy-Szene ist nicht mehr das Fernsehen

Doch das Fernsehen ist nach Beobachtung des „Quatsch Comedy Club“-Besitzers und langjährigen Szene-Beobachters Thomas Hermanns für viele neue Stand-up-Comedians nicht das primäre Ziel. „Die jungen Menschen haben eine große Bescheidenheit und einen hohen Arbeitsethos. Da will auch nicht gleich jeder zum Fernsehen oder Youtube-Star werden, sondern hauptsächlich erst mal die Sache machen“, sagt der 59-Jährige.

Das gilt auch für Comedienne Florentine Ochse, die nach ihrem Auftritt sagt: „Ich will mich langsam entwickeln, damit die Kunst auch nachhaltig ist.“ Die 20-Jährige will zunächst auch nicht ins TV.

Es finde gerade eine Art Revolution statt, die Qualität der Künstler sei entscheidend, und nicht, welcher Agentur oder welchem Sender sie angehören, meint Jan Overhausen. „Es ist durch Tiktok und Instagram toll für uns, dass wir die Comedians, die gut performen, mit unseren eigenen Videos selbst vermarkten können“, sagt er.

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Özcan Cosars Auftritt neigt sich dem Ende zu. Er geht mit viel Beifall von der Bühne. „Du hast gekillt“, kommentieren seine Kolleginnen und Kollegen. Übersetzt heißt das so viel wie: „Du hast abgeräumt.“ Der 41-Jährige sagt nach seinem Auftritt, es sei wichtig, dass es die Auftrittsmöglichkeiten in Berlin gibt, weil es eine kostenlose Form des Ausdrucks sei. Es könne jeder aus jeder sozialen Schicht herkommen und auftreten. „Viele sehen Comedy vielleicht als Klamauk, aber da sind ja auch echte Lebensgeschichten dahinter“, sagt er. „Komik ist Tragik in Spiegelschrift.“