Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei insgesamt 5047 Fälle von vermissten Kindern und Jugendlichen. Foto: Imago Images

Rahman Ghadami ist 13 und am Sonnabend plötzlich verschwunden. An dem Tag spielte er noch mit Kindern in der stationären Wohngruppe auf dem Gelände des Evangelischen Johannesstifts in Spandau, in der er seit fünf Monaten lebt. Vorher war der syrische Junge in einer Erstaufnahmestelle, davor einige Zeit in der Türkei und vorher in Afghanistan. Das Kind habe sich sehr gut integriert, heißt es aus dem Johannesstift. Rahman geht in Berlin zur Schule, spielt Fußball im Verein und lernte schnell Deutsch. Er ist ohne seine Eltern nach Deutschland gekommen, Kontakt zu ihnen hält er nur über Handy.

Am Sonnabend, gegen 14.20 Uhr, meldete er sich zu einem Spaziergang ab – und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht. Er gilt als vermisst, die Polizei veröffentlichte einen Aufruf. Die Beschreibung des Jungen: hagere Statur, schwarz-braune Jacke, Jeans und Turnschuhe der Marke Adidas. Anzeichen, dass er weggelaufen sein könnte, gab es vorher nicht, so das Johannesstift. Eine öffentliche Fahndung ist das letzte Mittel der Polizei.

Rahman ist nur einer der Vermisstenfälle in Berlin. Ein ungewisses Schicksal, das sich hinter einer Zahl verbirgt. Und in der Corona-Zeit häufen sich Fälle wie diese, dass plötzlich Kinder und Jugendliche verschwinden. Nicht immer liegt ein Verbrechen vor. Es ist trotzdem alarmierend. 

Rahman Ghadami ist 13 und am Sonnabend plötzlich verschwunden. Foto: Polizei

Im vergangenen Jahr erfasste die Polizei in Berlin insgesamt 5047 Fälle von vermissten Kindern und Jugendlichen. Diese Zahlen nannte eine Polizeisprecherin auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Die allermeisten Vermissten finden sich wieder an. In seltenen Fällen passiert dies jedoch nicht. Wie damals bei der zwölfjährigen Sandra Wißmann aus dem Kreuzberger Graefekiez, die seit 20 Jahren verschwunden ist. Nach ihr läuft noch heute eine Öffentlichkeitsfahndung der Polizei.

Am 28. November 2000 war das Mädchen losgegangen, um bei Karstadt am Hermannplatz für ihre Mutter ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Als das Mädchen am Abend noch nicht zu Hause war, rief die Mutter die Polizei an. Die 5. Mordkommission des Landeskriminalamtes geht inzwischen davon aus, dass Sandra Opfer eines Kapitalverbrechens wurde.

Sandra galt ebenso wie Rahman als zuverlässig. Zuverlässigkeit bei Kindern ist eines der Kriterien, die ausschlaggebend für die Intensität der Ermittlungen sind. Wenn etwa ein Achtjähriger, der sich sonst beim Einsteigen in die Straßenbahn per Handy bei den Eltern meldet, von der Schule einmal nicht nach Hause kommt, dann ist die Polizei alarmiert. Ist er zudem Diabetiker und braucht um 14 Uhr seine Spritze, dann ist das ein Hinweis auf Lebensgefahr. In solchen Fällen kann es durchaus sein, dass sich die Polizei sofort mit Suchhunden auf den Weg macht und bei der BVG die Überwachungsvideos der Straßenbahn anfordert.

Die 15-jährige Rebecca Reusch kam am 18. Februar 2019 nicht in der Schule an.  Foto: Polizei

Wenn Kinder verschwinden, telefonieren die Polizisten deren Klassenlisten ab, fragen Freunde, Bekannte und Großeltern. Von den Eltern wollen sie alles über das Umfeld wissen. Dabei komme es auch darauf an, wie ehrlich die Eltern zu den Polizisten sind, heißt es aus dem LKA. Manche ließen bestimmte Dinge weg, „zum Beispiel, dass man dem Kind zuvor eine Backpfeife gegeben hat“. Das könne die Polizei auf die falsche Spur bringen.

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Bei älteren Kindern werden zudem die Accounts in den sozialen Netzwerken überprüft. Gab es eine dubiose Bekanntschaft? So ging die Polizei zunächst auch vor, als die 15-jährige Rebecca Reusch am 18. Februar 2019 nicht in der Schule ankam. Seitdem ist das Mädchen – das ebenfalls als zuverlässig galt – vermisst. Anfangs wurde vermutet, sie habe sich mit einer Internetbekanntschaft getroffen. Während die Eltern auch knapp zwei Jahre danach davon überzeugt sind, dass ihr Kind noch lebt, glauben Polizei und Staatsanwaltschaft, dass Rebecca von ihrem Schwager ermordet wurde.

Der Berliner Abgeordnete Marcel Luthe stellte im Januar eine Anfrage an den Senat. Luthe wollte wissen, ob die Zahl der vermissten Kinder und Jugendlichen angestiegen sind. Sie waren es. Demnach werden derzeit „zum Zeitpunkt des Verschwindens drei Heranwachsende, 79 Jugendliche und 37 Kinder“ aufgezählt. Die hier genannten vermissten Jugendlichen sind den Angaben zufolge in 32 Fällen männlich und in 47 Fällen weiblich. Von den vermissten Kindern sind 13 männlichen und 24 weiblichen Geschlechts.

Sandra Wißmann, verschwunden seit dem 28. November 2000. Foto: Polizei

14 der aktuell noch vermissten Kinder und Jugendlichen wurden den Angaben zufolge im Jahr 2019 gemeldet. Im Jahr 2020 wurden dann schon 64 Kinder und Jugendliche erfasst, die zum Stand 6. Januar 2021 als vermisst gelten.

Der Abgeordnete Marcel Luthe sagte der Berliner Zeitung dazu: „Jedes vermisste Kind hat eine eigene Geschichte, aber gerade in den letzten Monaten nehmen häusliche Gewalt, Stress und Mobbing gerade bei Kindern offensichtlich weiter zu.“ Und er fordert: „Wir müssen die Schwächsten in unserer Gesellschaft besser schützen, die ihr Leben noch vor sich haben.“

Kinderschutzbund warnt vor häuslicher Gewalt 

Beim Kinderschutzbund sind die Mitarbeiter schon lange alarmiert. Neben Kindern und Jugendlichen, die Opfer einer Straftat werden, beobachten sie mit Besorgnis die familiären Situationen gerade in der Corona-Zeit. Sabine Bresche, Sozialpädagogin in der Beratungsstelle des Berliner Kinderschutzbundes: „Es ist schlimm genug, dass ein Kind verschwindet. Mir fallen da sehr viele Bilder ein. Leider. Wenn Kinder verschwinden, muss etwas passiert sein. Ob nun eine Straftat dahintersteckt, das Kind es selbst entschieden hat oder ein Entführungsfall des Vaters oder der Mutter vorliegt.“

Wenn Kinder und Jugendliche selbst gingen, liege es oft an häuslicher Gewalt. Mit Corona sei die Dunkelziffer gestiegen, so die Sozialpädagogin: „Und da liegt genau unsere große Befürchtung. Die Familien sind jetzt mehr sich selbst überlassen, weil viele Kontakte entfallen sind. Es ist schwierig für Kinder und Jugendliche, einen Ansprechpartner zu finden.“ Viele Betroffene trauten sich nicht, Hilfe zu suchen, weil es nach wie vor als Schwäche angesehen wird.

Was geht in einem Kind oder Jugendlichen vor, wenn der letzte Ausweg das Wegrennen zu sein scheint? „Es gibt nicht den einen Biografie-Verlauf. Viele haben oft ein unsicheres Lebensgefühl, daheim keine Sicherheit und wissen nicht, was im nächsten Moment passiert. Die Kinder können sich nicht auf ihre Eltern verlassen“, sagt Sabine Bresche. „Oder die Kinder und Jugendlichen dürfen nicht sie selbst sein. Sie sind den Erwartungen der Eltern ausgesetzt und dürfen sich selbst nicht entwickeln. Das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Ein Ausweg für manche Kinder und Jugendliche ist, von zu Hause wegzulaufen.“ Oft würden sie aber wieder gefunden.

Hier finden Sie Hilfe: Deutscher Kinderschutzbund oder Initiative vermisste Kinder