Ehrenrunde vor dem Berliner Olympiastadion: die neuen Fahrradstreifen der Berliner Polizei. Foto: Gerd Engelsmann

Wer kann das schon von sich sagen? „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Frank Kuhlmann. Der 50-Jährige Polizeioberkommissar fährt leidenschaftlich gern Rad, auch während der Arbeit. Kuhlmann ist einer von 54 Polizeibeamten, die seit Kurzem außerhalb der Berliner Innenstadt in grellgrünen Westen auf weißen Dienstfahrrädern unterwegs sind, um den Verkehr zu überwachen.

Der neue Streifendienst, der am Montag vorgestellt wurde, ergänzt die Fahrradstaffel, die mit 34 Beamten in Teilen des Zentrums im Einsatz ist. Wer sich nicht an die Verkehrsregeln hält, muss also jetzt im gesamten Berliner Stadtgebiet damit rechnen, von Rad fahrenden Polizisten angehalten zu werden. Deren Zahl soll weiter wachsen, kündigt Innensenator Andreas Geisel (SPD) an – auf insgesamt 160.

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Von Schönfließ, wo er wohnt, radelt Kuhlmann 17 Kilometer zur Dienststelle in Weißensee und 17 Kilometer wieder zurück. An diesem Montag kamen allerdings noch etliche Kilometer hinzu, denn vor der Kulisse des Olympiastadions war ein Fototermin mit dem neuen „Streifendienst Verkehrsüberwachung Rad“ angesetzt. Gutes Training ist in seinem Job Bedingung, sagt Kuhlmann. Denn natürlich komme es vor, dass Radfahrer bei Kontrollen zu entkommen versuchen, erzählt er. Dann sollte man spurtstark sein.

17 tote Radfahrer im vergangenen Jahr

Doch die Polizisten kümmern sich nicht nur um Radler, die auf Gehwegen unterwegs sind oder auf Radwegen in der falschen Richtung fahren. „Wir werden auch tätig, wenn sich Autofahrer falsch verhalten“ – zum Beispiel beim Abbiegen. „Der Blick über die Schulter wird oft vergessen“, sagt Kuhlmann. Zudem richteten sich allzu viele Autofahrer nach der Fußgängerampel: Springt sie auf Rot, drücken sie aufs Gaspedal. Dabei hat der Radfahrer, der rechts neben ihnen fährt, Vorrang.

Das Berliner Wappen zeigt: unverkennbar ein Dienstrad! Foto: Gerd Engelsmann

Kürzlich musste er mit Bauleuten ein ernstes Wort sprechen, die in der Schivelbeiner Straße in Prenzlauer Berg den Radfahrstreifen mit Baumaterial zugestellt hatten. „Nach zweimaliger Aufforderung war der Radweg endlich wieder frei.“ Frank Kuhlmann ärgert sich darüber, wie viele Situationen dieser Art es gibt. „Als ob es das Berliner Mobilitätsgesetz nicht geben würde.“

„Es geht um Verkehrssicherheit“, sagte Senator Geisel. Zwar lassen sich die Unfallzahlen wohlwollend so interpretieren: Obwohl der Fahrradverkehr in Berlin zugenommen hat, hat sich die Zahl der verunglückten Radfahrer nicht wesentlich erhöht. Doch es sind immer wieder Tote zu beklagen: im vergangenen Jahr 17, in diesem Jahr bereits zwei. Zwei Frauen wurden getötet, als Lkw rechts abbogen.

Drogenkuriere auf dem Fahrrad erwischt

Es hat lange gedauert, bis die Entscheidung fiel. 2014 war es endlich so weit: Die Fahrradstaffel der Berliner Polizei nahm den Dienst auf – zunächst in einem Teil von Mitte mit 20 Beamten. Sie wurden schon bald mit den Gefahren ihres Einsatzgebiets konfrontiert.

Als ein Polizist einem Radler folgte, der ein rotes Ampellicht ignoriert hatte, geriet er in ein Straßenbahngleis. Bei dem Sturz wurde ihm ein Schlüsselbein abgerissen. Ein anderes Mitglied der Fahrradstaffel kam zu Fall, als er von einem abbiegenden Auto geschnitten wurde.

Es gab jedoch auch interessante Zufallsfunde aus dem Bereich der übrigen Kriminalität. So radelte vor den Augen einer Streife ein Mann auf dem Gehweg, ein anderer passierte eine Ampel in der Nähe bei Rot. Als die Polizisten das Duo anhielt, stellten sie fest, dass sie es mit Drogenkurieren zu tun hatten. In Berlin fahren auch Kriminelle Rad.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) stellte den neuen Streifendienst vor. Foto: Gerd Engelsmann

Inzwischen ist die Fahrradstaffel in Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln aktiv – mit 34 Beamten, die Dienstwaffe, Pfefferspray, Funkgerät und Handschellen dabei haben. Ende dieses Jahres soll die Einheit, die täglich bei jedem Wetter im Einsatz ist, auf 50 Beamte wachsen. „2023 werden es hundert sein“, kündigt Senator Geisel an.

Die Fahrradstreifen außerhalb der Innenstadt erhalten schon in den kommenden Wochen Zuwachs: Bald werden es 60 Polizeibeamte sein. Wobei auch in diesen Fällen nur Freiwillige rekrutiert werden, wie Polizeipräsidentin Barbara Slowik sagt.

„Ich freue mich, dass wir unser Erfolgsprojekt der Fahrradstaffel mit unseren neuen Fahrradstreifen außerhalb der City fortführen und ergänzen“, so Slowik. „Von den Bürgern bekommen wir ein gutes Feedback.“ Frank Kuhlmann fühlt sich mit den Radfahrern auf Augenhöhe. „Sie haben ein ganz anderes Verständnis, als wenn man sie aus dem Funkwagen heraus anspricht.“ Kann es vorkommen, dass die Rad fahrenden Polizisten auch Verständnis für Ihresgleichen haben – zu viel Verständnis? Nein, sagt Oliver Woitzik von der Landespolizeidirektion: „Wenn es Verstöße gibt, werden sie geahndet.“