Ein Impfbuch mit einem Eintrag einer Booster Impfung gegen Covid-19 liegt auf einem Tisch. Fälschungen nehmen zu.  dpa

Im Vorpommerschen Ostseeort Dierhagen stehen Autos mit fremden Kennzeichen am Straßenrand vor einer Arztpraxis. Ein Allgemeinmediziner stellt hier Masken-Atteste und Impf-Befreiungen aus – in den einschlägigen Kreisen derer, die die Impfung ablehnen, hat sich das herumgesprochen. Der Druck, sich der kommenden Impfpflicht zu entziehen, steigt. Und so auch die kriminelle Energie, mit der Menschen die Impfung umgehen wollen. 

Kein Wunder, dass auch im Internet der Handel mit falschen Impfnachweisen floriert. „Haben sie noch ein vorhandenes Impfbuch? Um so besser“, schreibt ein Anbieter, der sich „Ärzte helfen Impfgegner“ (sic!) nennt und  vorgibt, mit einem europaweiten Netzwerk an Ärzten zusammenzuarbeiten. Die Impfung in der „Privatsprechstunde“ erfolge „allerdings ins Waschbecken“.  Die Fake-Impfung sei in einer ganzen Reihe von Städten möglich. Von Berlin, Hamburg, Essen, Köln, Stuttgart, Erfurt, Rostock, Bonn und vielen mehr ist alles dabei. 

Lesen Sie auch: Querdenker-Protest extrem +++ Demo in Berlin abgesagt +++ Protest mit brennenden Fackeln vor Wohnhaus von Sachsens Gesundheitsministerin>>

Auf dem Schwarzmarkt muss das Ehrenwort reichen

Auf die Bitte nach einem Termin in Berlin kommt prompt die Antwort. Nächsten Donnerstag, um 17 Uhr, sei ein Termin frei. 450 Euro pro Person müssten vorab in Bitcoin gezahlt werden, alle Impfungen, Zertifikate und QR-Codes seien enthalten.  

Auf die Frage nach etwaigen Sicherheiten kommt folgende Antwort: „Warum fragt jeder auf dem Schwarzmarkt bei einem illegalen Geschäft nach Sicherheiten? Die Frage macht doch keinen Sinn, jeder, der diese beantwortet, lügt, sorry. Wir sind hier nicht bei Amazon, oder? Mein Ehrenwort muss reichen.“

Lesen Sie auch: Corona-Leugner im privaten Umfeld? Wie geht man damit um? Experten geben Tipps >>

Gefälschte Impfausweise von 50 bis 450 Euro

Es geht auch günstiger: „Hier sind Impfausweise im großen Bestand erhältlich“, schreibt etwa der Telegram-Kanal „Covid 19 Impfausweis“, und postet dazu  Fotos von Stapeln mit gelben Impfpässen. „Innerhalb von maximal fünf Tagen erhalten Sie Ihren Impfpass“, wird den über 200.000 Abonnenten versprochen. Ein Impfausweis koste 200 Euro.

„Hinsichtlich des Phänomens der gefälschten Impfbücher ist in den vergangenen Wochen eine Steigerungsrate deutlich erkennbar“, teilte die Polizei in Berlin kürzlich mit. Im Landeskriminalamt werden mit Stand vom 22. November 256 Strafanzeigen zu diesem Phänomen bearbeitet, schreibt die Berliner Zeitung.

Lesen Sie auch: Peinlicher Reinfall: Mit Fake-Arm zur Impfung>>

Die Dunkelziffer dürfte aber weit darüber liegen. Dabei ist das Erstellen und der Handel mit falschen Impfpässen Urkundenfälschung, für  die Geld- und Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren vorgesehen sind.

Polizei arbeitet mit Ärzten und Apotheken zusammen

Woran es liegt, dass der Handel dennoch ansteigt, kann die Polizei auf Nachfrage nicht beurteilen, so der Bericht der Berliner Zeitung weiter. Ihr seien aber „keine Hinweise auf organisierten Handel mit gefälschten Impfzertifikaten bekannt“. Vielmehr würden Einzelpersonen über Messengerdienste wie Telegram und WhatsApp, aber auch Ebay-Kleinanzeigen Impfpässe zum Kauf anbieten und dabei Preise zwischen 50 und 350 Euro aufrufen, wobei digitale Nachweise oft teurer seien als die Impfbücher aus Papier.

Lesen Sie auch: Nach Corona-Infektion: Zwei Berliner Fußball-Profis denken, sie sind wieder gesund – dann brechen sie beim Spiel zusammen. Notarzt! >>

Auch EU-weit nimmt der Handel mit gefälschten digitalen Impfnachweisen einem Medienbericht zufolge zu – und grenzüberschreitende Überprüfungen gibt es kaum: Laut dem ARD-Politmagazin „report München“ gibt es in in- und ausländischen Internet-Foren derzeit einen schwunghaften Handel mit gefälschten Covid-Codes, mit deren Hilfe dann QR-Codes für Impfnachweise erhältlich sind. Diese Fälschungen würden weder von deutschen Prüf-Apps noch von Apps aus dem EU-Ausland zuverlässig als solche erkannt, berichtete das Magazin.

Lesen Sie auch: Corona und die Omikron-Variante: Wie ansteckend ist sie wirklich? Welche Impfung schützt am besten? Sind Kinder gefährdeter?>>

In Italien flog Ende November eine Bande auf, die Internetnutzer betrogen haben soll, die sich für gefälschte Corona- Impfzertifikate interessiert haben. Die Betrüger operierten in verschiedenen Regionen Venetien, Ligurien, Apulien und auf der Insel Sizilien und seien seien Administratoren eines Kanals im Messenger-Dienst Telegram gewesen. Hier seien Nutzern gefälschte Corona-Impf-Zertifikate für 100 Euro angeboten worden. Die Bezahlung sollte in Kryptowährungen erfolgen. Erhalten hätten die Kunden jedoch nichts, erklärte die Polizei.  

Lesen Sie auch: Corona-Hammer! Kommt die Impfpflicht auch für kleine Kinder?>>

In Belgien soll ein Arzt in großem Stil gefälschte Impfbescheinigungen ausgestellt haben. Etwa 2000 falsche Impfzertifikate seien so in Umlauf geraten. Gegen ihn und die Nutznießer seines Betrugs wird ermittelt. Und auch der Arzt in Dierhagen, der zum Anlaufpunkt von verzweifelten aus der ganzen Republik wurde, sieht sich nun Ermittlungen gegenüber. 

Wegen des „Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse“ hat die Staatsanwaltschaft im Kreis Vorpommern-Rügen demnach einen Strafbefehl gegen Allgemeinmediziner Joachim Bennien erlassen.