Mutter und Tochter: Eva Chalimoniuk (58) und Justyna (37) leben seit 1992 in Berlin. 
Foto: Volkmar Otto

Eva Chalimoniuk (58) zog mit ihrer Tochter Justyna 1992 von Danzig nach Berlin. Sie lebten im Wedding, später in Friedrichshain. Nach wie vor gebe es Unterschiede zwischen Ost und West, sagen sie. Und Mauern in vielen Köpfen. Corona mache das nicht einfacher.

In den 80er-Jahren erlebte Eva Chalimoniuk, dass ein Land oder Menschen sich verändern können. In Danzig hatten 1980 die Arbeiter der Lenin-Werft ihre Arbeit niedergelegt und zogen protestierend durch die Straßen. Vorneweg der Elektriker Lech Walesa. Solidarność war geboren und erhielt weltweit Unterstützung. Polen ebnete damit den Weg für den Sturz des Kommunismus. 1989 gab es dort erste freie Wahlen, wenige Monate später fiel in der DDR die Mauer.

Ich versuche immer, das Beste aus einer Situation zu machen.

Justyna Chalimoniuk

Eva Chalimoniuk war nie politisch, sie war streng katholisch erzogen, mit einem Matrosen verheiratet und träumte damals schon davon, woanders zu wohnen. Sie traf Lech Walesa einmal, stand neben ihm und fand seine Freiheitsparolen und die Forderung einer Abnabelung von Russland gut. Doch für sie war er ein Machtmensch wie viele andere auch. „Ein Pascha, der rauchte und trank“, sagt sie. Sie räumt ein, dass sie Wodka nie leiden konnte.

Die heute 58-Jährige sitzt mit ihrer Tochter Justyna am Ring-Center in Friedrichshain. Sie essen einen Salat, trinken Kaffee und behalten die Straße im Blick. „Hier sieht man die unterschiedlichsten Menschen“, sagt Justyna Chalimoniuk. Gerade ziehen fünf hippe, bunt angemalte Jugendliche mit Irokesenschnitten und Gel-Tollen an ihr vorbei – einer ist nur mit einem Lendenschurz im Leo-Look bekleidet. Sie muss lachen, der Halbnackte äfft sie nach, zeigt einen Stinkefinger. Sie nimmt es mit Humor und kramt ihre Maske mit Strasssteinen raus, um noch Kaffee zu bestellen. Den Mundschutz hat sie selbst beklebt. „Wenn dich das Leben nervt, streu Glitzer drauf, ich mag den Spruch“, sagt sie, fügt hinzu: „Ich versuche immer, das Beste aus einer Situation zu machen.“

Ich würde auch mal gerne wieder tanzen gehen.

Eva Chalimoniuk

Ihren Job in einer Bar hat sie in der Corona-Zeit verloren, sie studiert weiter Soziologie. „Für die Gastronomie ist diese Zeit natürlich eine Katastrophe.“ Ihre Mutter nickt: „Ich würde auch mal wieder gerne tanzen gehen.“ Justyna Chalimoniuk zuckt mit den Schultern: „Ich mochte diese Ruhe anfangs, man konnte sich mal wieder auf sich selbst besinnen. Ich habe zwar in Bars gearbeitet, aber ich konnte nie verstehen, dass die Menschen nur zum Trinken dort hinkamen. Dabei geht es doch um Geselligkeit." 

Sie könne daher nachvollziehen, dass der Senat die Partyszene strenger kontrollieren wolle. „Was soll das zurzeit, wir müssen doch sehen, dass wir uns und vor allem Risikogruppen schützen und uns gegenseitig unterstützen.“

Im Oktober 1992 kam sie mit ihrer Mutter nach Deutschland. Erst war ihre Großtante, dann ihr Onkel aus Polen ausgewandert. „Wir sind ihnen gefolgt“, sagt Eva Chalimoniuk.

Warum wollten sie gerade nach Deutschland? Eva Chalimoniuk: „Mein Großvater war Deutscher, kämpfte für sie im Zweiten Weltkrieg, meine Mutter hatte daher einen Pass und ich später auch.“

Anfangs kamen sie nach Hamm in ein Auffanglager, von dort aus schickte man sie nach Berlin. Eva Chalimoniuk: „Wir wären gerne geblieben, weil unsere Verwandten in Hamm wohnten, aber nachher habe ich es nicht bereut.“ Sie mochte diese Großstadt.

Justyna Chalimoniuk: „Die Menschen im Ostteil waren oft warmherziger als die im Westteil.“ Foto: Volkmar Otto 

„Für mich war das damals krass, hier waren so viele Menschen. Und Silvester brannte der Himmel, so viele bunte Raketen hatte ich noch nie gesehen“, erinnert sich Justyna Chalimoniuk. Sie lebten im Wedding, später in Friedrichshain. „Damals waren die Häuser hier ziemlich heruntergekommen, meine Freundin durfte mich nicht besuchen, weil ihre Eltern sagten, das sei tiefster Osten.“

Spürten sie das auch? „Ja, aber die Menschen hier waren oft viel warmherziger als im Westen der Stadt. Die Lehrer, die ich in Friedrichshain hatte, haben mich gefördert. Im Wedding war das nicht so, aber vielleicht hatte ich einfach Pech.“

Was sie allerdings wahrnahm, war in den 90er-Jahren eine zunehmende Ausländerfeindlichkeit. „Die waren oft die Bösen, weil sie störten. Interessant war dabei, dass die Ostdeutschen ebenso als Störenfriede angesehen wurden. Sie werden bis heute nach wie vor von anderen abgewertet. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren leider nicht geändert. Daraus ergab sich in den vergangenen drei Jahrzehnten eine Spirale, bei der jeder gegen jeden war. So erkläre ich mir das.“

Eva Chalimoniuk: „Als ich aus Polen kam, erlebte ich das erste Mal andere Kulturen und wie bereichernd es ist, mit ihnen zusammenleben zu können. Das gab es in Danzig nicht, dort war alles sehr homogen. Ich habe viel gelernt und war plötzlich auch nicht mehr so konservativ und streng. Daher kann ich nur sagen: Wir sollten endlich die Grenzen im Kopf überwinden und uns darauf besinnen, was wir doch für ein Glück haben, frei zu sein. Vielen geht es oft darum, immer mehr und mehr zu haben. Ein schickeres Auto, eine schickere Wohnung oder den Riesen-Fernseher.“

Schade eigentlich, dass man nach 30 Jahren noch über Ossis und Wessis redet.

Justyna Chalimoniuk

Ihre Tochter nippt am Kaffee: „Ja, wir haben volle Kleiderschränke, können uns vieles leisten, und viele sind trotzdem unzufrieden und jammern unentwegt. Wir sollten wieder lernen, etwas zu schätzen und nicht alles für selbstverständlich hinzunehmen.“

Sie fügt hinzu: „Schade eigentlich, dass man nach 30 Jahren noch über Ossis und Wessis redet. Es ist leider in den Köpfen nach wie vor verankert. Ich hoffe, dass das sich irgendwann auflöst.“

Der Wunsch nach mehr Zusammenhalt 

Und was wünschen sie sich für die nächsten drei Jahrzehnte? „Gesundheit“, sagt Eva Chalimoniuk: „Das ist das wichtigste.“ Ihre Tochter nickt: „Und mehr Zusammenhalt. Ich befürchte, dass die Menschen weiter auseinanderdriften und sich der Frust noch mehr gegen andere wendet.“

Eva Chalimoniuk war seit zwölf Jahren nicht mehr in Danzig. Ihre Küche ist polnisch geblieben. Ihre Kohlrouladen beispielsweise. „Die mache ich wie meine Mutter. Man braucht Stunden, aber sie schmecken.“ Oder Kartoffelsalat. „Ich mache ihn ganz anders als die Deutschen. Es kommt kein Essig und Öl rein, aber Senf und Mayonnaise. Die Gürkchen sind viel kleiner geschnitten.“ Und was gibt es an Festtagen? Sie: „Zu Heiligabend essen wir nach wie vor kein Fleisch, sondern Fisch. Mindestens zwei bis drei Sorten.“