Ganz in der Ecke auf einem Sofa liegt der ängstliche Hund „Pünkti Anton“ auf dem Angsthundehof im Oderbruch von Hundetrainerin Antje Krause-Neufeld.
Ganz in der Ecke auf einem Sofa liegt der ängstliche Hund „Pünkti Anton“ auf dem Angsthundehof im Oderbruch von Hundetrainerin Antje Krause-Neufeld. dpa/Pleul

Es gibt Menschen, die haben Angst vor Hunden. Aber es gibt auch Hunde, die Angst vor Menschen haben. Die Ursache ist meist die gleiche: schlechte Erfahrungen mit dem jeweils anderen in der Vergangenheit. Helfen kann man auch beiden – mit einer Therapie. Antje Krause-Neufeld hat sich auf verängstigte Hunde spezialisiert. Die Tierpsychologin versucht auf ihrem Hof im Oderbruch, verhaltensgestörten Vierbeinern zu helfen. Oftmals haben sogenannte „Angsthunde“ Gewalt durch Menschen erfahren, sind schwer traumatisiert und so nicht an neue Halter vermittelbar.

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Pünkti Anton ist so ein verängstigter Hund. Weißes Fell mit ein paar schwarzen Punkten, schwarze Schlappohren. Das Tier sieht zum Knuddeln süß aus. Aber die Augen zeigen etwas Anderes: Angst. Auch vor dem Fotografen. Der Hund drückt sich tief in die äußerste Sofaecke. Der kleine weiße Hund  wirkt, als möchte er sich am liebsten unsichtbar machen. In seinen Augen spiegelt sich die blanke Angst und er beginnt zu zittern.

Antje Krause-Neufeld streicht dem gestressten Hund beruhigend über den Kopf

Antje Krause-Neufeld setzt sich neben das tierische Häufchen Elend, streicht dem gestressten Hund beruhigend über den Kopf. Dass Pünkti diese Berührung zulässt, sei ein großer Vertrauensbeweis, sagt die Hundepsychologin, die den verängstigten Vierbeiner im November vergangenen Jahres zu sich nahm und seitdem versucht, dem völlig verstörten Tier zu helfen.

Tierpsychologin Antje Krause-Neufeld, mit dem Hund Caspar auf ihrem Angsthundehof im Oderbruch. Caspar führt das Rudel an.
Tierpsychologin Antje Krause-Neufeld, mit dem Hund Caspar auf ihrem Angsthundehof im Oderbruch. Caspar führt das Rudel an. dpa/Pleul

Krause-Neufeld arbeitet auf ihrem Anwesen im Oderbruch (Märkisch-Oderland) mit sogenannten „Angsthunden“, stark verhaltensgestörten oder traumatisierten Tieren. „Einige sind Unfallopfer, die meisten aber haben menschliche Gewalt erfahren müssen“, erklärt die 52-Jährige. Sie hat ein Netzwerk aus Tierheimen, Tierärzten und Tierschutzvereinen, die ihr die Vierbeiner-Patienten bringen und zumindest eine Zeit lang die Behandlungskosten übernehmen. Krause-Neufelds erklärtes Ziel ist es, die betroffenen Hunde so zu stabilisieren, dass sie an neue Halter vermittelt werden können.

Um traumatisierten Hunden die Angst zu nehmen, braucht es viel Geduld

„Ehemalige Problemtiere fanden so in der Schweiz, in Ostfriesland oder am Bodensee ein neues Zuhause“, freut sie sich. Doch geeignete neue Halter zu finden sei mühselig und klappe nicht bei jedem ihrer Schützlinge, muss die studierte Sozialpädagogin zugeben. „Die Tiere sind ja nicht geheilt, nur stabilisiert, können bei Stress auch in alte Verhaltensmuster zurückfallen.“

Antje Krause-Neufeld mit einer Gruppe von Hunden auf ihrem Angsthundehof.
Antje Krause-Neufeld mit einer Gruppe von Hunden auf ihrem Angsthundehof. dpa/Pleul

Sie deutet auf ihr Hunde-Hof-Rudel, das von Caspar, einem großen Wolfshund ähnlichen Tier, angeführt wird. „Diese sechs waren alles einmal Angsthunde, die ich letztlich adoptiert habe, weil sie kein anderer mehr haben wollte“, berichtet sie. Jetzt helfe ihr das Rudel bei der Therapiearbeit. Um traumatisierten Hunden die Angst zu nehmen, brauche es nicht nur viel Geduld, sondern auch Artgenossen, die dem tierischen Patienten Halt und Schutz quasi als Gruppentherapie bieten. Sie selbst arbeite mit einer Art Desensibilisierung: „Ich nutze wohldosiert Alltagsreize, die den Tieren Angst machen, und konfrontiere sie damit“, erklärt Antje Krause-Neufeld.

Die Leute interessieren sich nur für unkomplizierte Hunde

Diese besondere, zeitaufwendige Zuwendung sei etwas, was in Tierheimen gar nicht zu leisten sei, sagt Kathrin Behrends, Leiterin des Tierheims Satuelle, einem Ortsteil von Haldensleben (Sachsen-Anhalt). „Krause-Neufeld ist für uns ein Glücksfall“, sagt sie. Neben „Pünkti Anton“ kam ein weiterer Angst-Hund aus Satuelle zu der Tiertherapeutin ins Oderbruch. Denn neue Halter hätten die beiden verhaltensgestörten Vierbeiner im Tierheim nicht gefunden, sagt Behrends. „Die Leute interessieren sich nur für unkomplizierte Hunde, denen sie möglichst nichts mehr beibringen müssen und die keine Probleme machen“, erklärt sie.

Die Angst ist weg: Entspannt auf dem Boden liegt die Hündin Lili.
Die Angst ist weg: Entspannt auf dem Boden liegt die Hündin Lili. dpa/Pleul

„Es gibt einen großen Therapie-Bedarf für verhaltensauffällige Hunde, die in den meisten Fällen erst durch menschliches Fehlverhalten so wurden“, sagt Hester Pommerening vom Deutschen Tierschutzbund, die selbst ein Therapiezentrum in Schleswig-Holstein betreibt. Es sei auch Anlaufstelle und Trainingsangebot für Tierheimmitarbeiter, die sich zu auffällig gewordenen Hunden beraten lassen wollen. „In den vergangenen 15 Jahren steigt die Anzahl solcher schwer zu vermittelnden Tiere auffällig“, sagt Pommerening. Als Grund sieht sie das stark entfremdete Verhältnis von Menschen zu Natur und Tieren. „Viele schaffen sich einen Hund an, ohne sich um Sachkenntnis zu bemühen. Die Corona-Krise hat das Problem noch verschärft.“

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Um die langwierige Arbeit mit „Angsthunden“ finanzieren zu können, arbeitet Krause-Neufeld auch als Hundetrainerin, gibt Seminare und unterhält eine Tierpension. „Ein Großteil dieser Arbeit ist die psychologische Beschäftigung mit teils überforderten Hundehaltern – also ähnliches Klientel, wie ich es früher als Sozialpädagogin in Strausberg hatte“, erzählt sie und schmunzelt.

Auf dem Angsthundehof im Oderbruch haben die Tiere genug Auslauf.
Auf dem Angsthundehof im Oderbruch haben die Tiere genug Auslauf. dpa/Pleul

Damals habe sie mit Therapiehunden in Einrichtungen für psychisch Kranke oder Demenzpatienten gearbeitet. „Mein erster Therapiehund, ein Tibet Terrier, war so ein Angsthund“, erinnert sich Krause-Neufeld, die anschließend eine Ausbildung zur zertifizierten Hunde-Verhaltenstrainerin absolvierte, Tierpsychologie und Verhaltenstherapie studierte.

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Der Mensch habe oftmals Ansprüche an das Tier, die es gar nicht erfüllen könne – beispielsweise als emotionaler Partner- oder Kinderersatz, sagt die Therapeutin. „Bei uns muss der Hund erst einmal gar nichts. Es ist schön zu beobachten, wie die mit ihren Haltern überforderten Tiere hier zur Ruhe kommen“, beschreibt sie. Seit drei Jahren lebt die Tiertrainerin mit ihrem Mann im Oderbruch und fühlt sich angekommen in der ländlichen Region. „Die Nachbarn sind sehr hilfsbereit, waren auch alle schon mal bei uns auf dem Hof. Und sie gehen plötzlich mit ihren Hofhunden Gassi, was auf dem Dorf ja nicht üblich ist“, meint sie und lacht.