Dr. Patrick Hundsdörfer ermuntert alle Eltern, auch bei unklaren Symptomen mit ihren Kindern zum Arzt zu gehen. Foto: Helios Klinikum Buch 

Nehmen wir an, ein Kind fühlt sich schwach, hat einiges an Gewicht verloren, nachts schwitzt es und hat kaum Appetit, oder es klagt immer wieder über Schmerzen. In normalen Zeiten würden Eltern mit ihrem Kind zum Arzt gehen und diese unklaren Symptome abklären lassen. Doch in Zeiten von COVID-19 scheuen viele den Arztbesuch. Aber genau das könnte schwere Folgen haben – beispielsweise dann, wenn es erste Symptome einer Krebserkrankung sind.

Die Kinderkrebszentren des Helios Klinikums Berlin-Buch und der Charité – Universitätsmedizin Berlin verzeichnen seit Wochen einen besorgniserregenden Rückgang an Neudiagnosen bei Kindern mit Krebserkrankungen. Die Vermutung liegt nahe, dass bei den betroffenen Eltern eine Verunsicherung herrscht, ob sie in der aktuellen Situation eine Kinderarztpraxis oder Klinik aufsuchen sollten. Die Kinderonkologen appellieren jetzt an Mütter und Väter, unklare Symptome abklären zu lassen.

Deutlich weniger neue Fälle in der Kinderonkologie

In einer Pankower Kinderarztpraxis sind die Schwestern froh über jeden kleinen Patienten, der kommt. Im Wartezimmer herrscht ziemliche Leere. In der Isolation des Lockdowns und bei bisher geschlossenen Schulen und Kitas erkrankten zum einen deutlich weniger Kinder an typischen Infekten. Im ganzen Winter habe er zum Beispiel keinen einzigen Fall von Influenza oder RSV-Infektionen gesehen, sagt Dr. Patrick Hundsdörfer, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Helios-Klinikum im Buch.

Doch scheint es auch naheliegend, dass Eltern derzeit aus Unsicherheit einen Arztbesuch bei unklaren Symptomen eher verschieben. Die Folgen spürt der Chefarzt in Buch ganz konkret:

„Wir machen uns Sorgen, weil die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit Neuerkrankungen in frühen, heilbaren Tumorstadien vorgestellt werden, in den letzten Wochen stark zurückgegangen ist. Wir befürchten, dass wir dadurch in einigen Wochen bis Monaten vermehrt junge Patienten mit Tumoren in fortgeschrittenen Stadien sehen werden. Das kann in einigen Fällen bedeuten, dass die Heilungschance enorm sinkt“, sagt Patrick Hundsdörfer.

Normalerweise stellen sich in der Kinderonkologie in Buch ein bis zwei Kinder pro Woche vor, bei denen eine bösartige Erkrankung diagnostiziert werden muss, pro Monat sind es also im Mittel sechs bis sieben Kinder. Dass es zwischen Mitte Dezember und Mitte Februar überhaupt keine Neuerkrankungen in Buch gab, alarmierte Dr. Patrick Hundsdörfer. Ein Anruf bei den Kollegen der Charité ergab, dass auch dort die Fälle, bei denen Kinder mit einer Krebserkrankung vorgestellt wurden, seit Anfang Dezember deutlich zurück gegangen sind. Leukämie, Weichteiltumore, Knochentumore wurden deutlich seltener diagnostiziert.

Vermutung: Eltern scheuen im Lockdown den Besuch beim Arzt

Das könne zwar zum einen immer noch auf statistische Schwankungen zurückzuführen sein, so Hundsdörfer, andererseits könne es aber ebenso eine Rolle spielen, dass Eltern im Pandemie-Lockdown den Gang zum Arzt öfter lieber vermeiden wollten.

Nachdem die Mediziner auch Buch und von der Charité mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit gingen und Alarm schlugen, kamen seit Mitte Februar wieder etwas mehr Kinder. 

„Darunter waren zwei Fälle mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen“, so Dr. Patrick Hundsdörfer. Ein Kind sei mit einem Knochentumor am Knie erst zum Arzt gekommen, als der Oberschenkelknochen brach. Viele Wochen zuvor muss das Osteosarkom schon starke Schmerzen verursacht haben.

Krebserkrankungen weit fortgeschritten

Bei einem anderen Fall sei eine akute Leukämie ebenfalls erst ungewöhnlich weit fortgeschritten diagnostiziert worden. „Das Kind hatte so große Lymphknoten und geschwollenen Bauchorgane, wie ich es bei einem in Deutschland lebenden Kind schon lange nicht mehr erlebt habe“, so Hundsdörfer.

„Akute und länger anhaltende Beschwerden aufgrund der Sorge um eine Ansteckung mit dem Coronavirus auszusitzen, ist keine Lösung“, sagt auch Prof. Dr. Angelika Eggert Direktorin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie an der Charité. Sie warnt eindringlich: „Die Angst vor einer möglichen Corona-Infektion darf Eltern nicht davon abhalten, bei unklaren Symptomen ihr Kind bei einem Arzt vorzustellen.“

Eine repräsentative Studie der Helios Kliniken für den Bereich der Krebsmedizin generell zeigt, dass während des ersten Corona-Lockdowns und kurze Zeit danach 10 bis 20 Prozent weniger Krebsbehandlungen durchgeführt wurden.  Doch gerade bei Erkrankungen wie Krebs ist es entscheidend, so früh wie möglich mit einer geeigneten Therapie zu beginnen, um die Überlebenschancen so hoch wie möglich zu halten.