Noch hat dieses Modegeschäft am Kurfürstendamm geschlossen. Fraglich ist, wie der Laden bereits nächste Woche öffnen darf. Foto:  dpa

Die Berliner Einzelhändler sind sauer. Nach monatelangem Lockdown würden sie liebend gerne ihre Mode-Läden, Kosmetik- oder Blumengeschäfte in der nächsten Woche öffnen. Doch die aktuellen Beschlüsse der Politik lassen dies nicht zu, machen die Öffnung des Einzelhandels von Inzidenzwerten abhängig. Das ist weltfremd, wettert Berlins Einzelhandelschef Nils Busch-Petersen.

Die Regelungen für die Lockerungen im Einzelhandel gleichen einem Verwirrspiel. Unter einem Inzidenzwert von 50 dürfen Geschäfte ab dem 8. März je nach Größe einen oder zwei Kunden pro 20 Quadratmeter einlassen. Steigt der Wert darüber, ist Shopping nur noch nach Terminvereinbarung auf 40 Quadratmetern pro Kunde möglich. Davon ausgenommen sind Blumengeschäfte oder Baumärkte, die sich auch bei höheren Werten nach der Zehn- und 20-Quadratmeter-Regelung richten und in Berlin ebenfalls ab dem 8. März öffnen dürfen.

„Das ist eine Art umorganisierter Lockdown“, sagt Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Berlin-Brandenburg. Das einzig Positive sei aus seiner Sicht die Abkehr von einem Inzidenzwert von 35 als Richtlinie. Doch er sieht die Ausrichtung an einem solchen Wert allgemein kritisch, da mehrere Kriterien für die Bewertung der Lage mit einbezogen werden sollten. Busch-Petersen befürwortet den verstärkten Einsatz von Schnelltests, weist aber auch auf ihren Einfluss auf die Inzidenzwerte hin.

Viele Unternehmer werden jeden Strohhalm greifen

Bei einem Inzidenzwert von 100 tritt eine „Notbremse“ in Kraft und die bisherigen Regeln gelten wieder. Das mache jede Planbarkeit zunichte, meint Busch-Petersen. Und die 40-Quadratmeter-Regelung mit Terminvergabe sei nur in Einzelfällen eine Lösung, beispielsweise bei Möbelhäusern oder einzelnen Geschäften mit fester Stammkundschaft. „Für die Gesamtheit ist das weltfremd. Aber viele Unternehmer werden jeden Strohhalm greifen“, sagt er.

Die prekäre Lage habe der Handel nicht zu verantworten. Laut einer aktuellen Studie der Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik sowie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin konnte unter den Beschäftigten der Branche kein erhöhtes Infektionsgeschehen festgestellt werden. „Was wir können ist Hygiene. Und wir nehmen die Pandemie sehr ernst“, sagt Busch-Petersen.

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„Ich verstehe, dass es auch um die Frequentierung auf der Straße geht“, sagt Ellen Teschendorf, Inhaberin von „Küchenliebe“. Sie habe ohnehin nicht damit gerechnet, dass alles klappt, was sie sich erhofft habe. „Wenn es wirklich dieses Click and Meet gibt, dann glaube ich, dass wir schon fast in einen normalen Prozess reinkommen“, sagt sie. In ihren fünf Geschäften für Küchenartikel hat Teschendorf schon vor Corona privates Shopping nach Terminvergabe angeboten. Sie hofft, dass dieses Angebot nach der allgemeinen Einführung so hoch frequentiert sein wird, dass sie die letzten Wochen bis zu einer tatsächlichen Öffnung überbrücken kann. Kritik übt sie weniger an den Maßnahmen, es sei jedoch viel versäumt worden, um Handel und Wirtschaft zu schützen. „Gelder fließen nicht und die beschlossene Digitalförderung kam zu spät. Da hatte schon fast jeder seinen Onlineshop gebaut und nachträglich war eine Einreichung nicht möglich“, sagt Teschendorf.

Von einem Politikversagen spricht auch Busch-Petersen „Die Pensionen und Bezüge der Politiker sind sicher. Die scheinen in ihrer Blase nicht zu merken, was vor sich geht. Dutzende verspeisen ihre Altersvorsorge, um ihre Beschäftigten nicht feuern zu müssen“, beschreibt er die Lage.

Einzelhandelsverbandschef Nils Busch-Petersen





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Auch die Präsidentin der Berliner Industrie und Handelskammer (IHK), Beatrice Kamm, kritisiert die Beschlüsse, die in der Ministerpräsidentenrunde für den Handel getroffen wurden. „Die Ergebnisse sind mehr als unbefriedigend“, sagte sie. Für Ladenbesitzer, wie auch für Gastronomen oder Unternehmer aus der Veranstaltungs- und Tourismusbranche biete das Papier wieder keine echte Perspektive.

Christina Wille betreibt das Modegeschäft „Loveco“ mit drei Filialen und Onlineshop. Sie freut sich auf die kommenden Lockerungen. „Die Terminvergabe ist zwar umständlich, bietet aber eine Aussicht wieder Leute in unsere Läden zu lassen“, sagt sie. Auf ihren dreißig, siebzig und hundert Quadratmetern Fläche rechnet Wille mit einer Wirtschaftlichkeit dieser Möglichkeit. Momentan ist sie dabei über ihre Homepage ein Terminvergabetool einzurichten. Voraussichtlich können sich Kunden dort bald für jeweils eine halbe Stunde Shopping anmelden, die Kontaktdaten für die Nachverfolgung werden dann direkt dort eingegeben.

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Der Onlineshop habe relativ viel aufgefangen, wenn auch nicht alles. Deshalb gab es keine Hilfen für Loveco. „Psychisch ist es sehr belastend drei Läden zu haben, die man nicht öffnen darf. In der Haut von Leuten, die keinen Onlineshop haben, möchte ich nicht stecken“, sagt Wille.

Marcel Glorius ist verärgert. Der 50-Jährige betreibt in der Friedrichshagener Bölschestraße ein kleines Modegeschäft. „Ich bin ja ein vernünftiger Mensch und habe die bisher getroffenen Lockdown-Maßnahmen, so schwer sie einem auch fielen, mitgetragen“, sagt er. Doch nun sei Glorius mit der Geduld am Ende.

Der Onlineshop hat relativ viel aufgefangen

Der Ladenbesitzer hatte erwartet, dass dieses Mal die Politik konkrete Beschlüsse für die Einzelhändler trifft, wann und wie sie nun ihre Geschäfte, die keine Waren des täglichen Bedarfs verkaufen, wieder aufmachen können. Stattdessen wurden mehrere Öffnungsmöglichkeiten aufgezeigt, aus dem sich Glorius nun sein eigenes Eröffnungsszenario zusammenstellt. „So wie ich es verstanden habe, können Geschäfte ab der kommenden Woche wieder aufmachen, in dem Termine an Kunden vergeben werden, sollte der Inzidenzwert zwischen 50 und 100 liegen“, sagt er. „Da sich derzeit der Wert in Berlin bei 60 eingepegelt hat, gehe ich davon aus, dass diese Regelung nun für mich zutrifft und ich mein Geschäft am 9. März unter der Bedingung der Terminvergabe öffnen werde.“

Dass die Läden im jetzigen Lockdown kurz vor dem Weihnachtsgeschäft schließen musste, habe auch Glorius‘ Modegeschäft hart getroffen. „Zum Glück kam ich dank finanzieller Rücklagen bisher noch gut über die Runden“, sagt er.