Die Prostituierte Lena möchte endlich wieder arbeiten dürfen. Das Recht dazu möchte sie sich jetzt vor Gericht erstreiten.  Foto:  Eric Richard

Lena ist kein Kind von Traurigkeit. Sie lacht viel, wenn sie erzählt - von ihrem Leben, ihren Wünschen und ihrem Beruf als Hure. Doch nach rund drei coronabedingten Monaten ohne Arbeit hat die 41-Jährige jetzt Angst um ihre Existenz. Sie fühlt sich zudem nicht nur ungerecht behandelt, sondern regelrecht diskriminiert. Denn anders als in nahezu allen anderen Berufszweigen gilt für Prostituierte eine striktes Arbeitsverbot, Lockerungen sind nicht in Sicht. Dagegen will Jana jetzt vor Gericht ziehen. Und den Senat verklagen.

Der Gedanke dazu kam ihr, als sie kürzlich in einem wiedereröffneten Spa im Herzen Berlins auf einer Massageliege lag und von der Masseurin „ordentlich durchgeknetet“ wurde. „Da dachte ich mir: Wenn sie mich nahezu überall anfassen und berühren darf, warum darf ich das bei meinen Kunden dann eigentlich nicht?“, so die 41-Jährige im Gespräch mit dem KURIER. Ob es nun der Fuß, der Kopf oder eine intimere Körperstelle sei, habe „mit dem Coronavirus und einer möglichen Ansteckung doch nichts zu tun.“

Spezielle Auflagen für Sex-Arbeit hält die Frau für unproblematisch

Was die resolute Frau besonders wütend macht, ist „die Ungleichbehandlung der verschiedenen Berufe.“ So hätten etwa Frisöre die Auflage bekommen, von ihren Kunden Namen und Adressen zu notieren, um eine mögliche Infektionskette nachvollziehen zu können. „Das könnte ich ganz genauso machen“, sagt Lena. Natürlich gebe es Kunden, die nur anonym zu ihr kommen würden. „Aber viele meiner Stammfreier oder auch jüngere Singlemänner haben überhaupt kein Problem, ihre Namen zu hinterlassen.“ Alle anderen würde sie ohne Umschweife wieder wegschicken, wenn es die Behörden verlangen. Dieses Möglichkeit würden die Behörden aber kategorisch ausschließen, „einfach nur weil man uns Huren nicht glaubt, dass wir wirklich nach Ausweisen fragen.“

Unabhängig davon ist Lena zudem überzeugt, dass das Prostitutionsverbot ausschließlich legal arbeitende Huren betrifft. „Die ganzen kleinen Hinterzimmerbordelle mit jungen Osteuropäerinnen, die zum Teil nicht freiwillig arbeiten, bedienen ihre Kunden nach wie vor“, sagt Jana. Dass durch die Corona-Verordnung damit von der Politik ausgerechnet jener Teil der Rotlichtbranche floriert, bei dem Frauen verschleppt und zur Sex-Arbeit gezwungen werden, sei „einfach nur schlimm.“

Unterstützung aus der Politik

Dass käuflicher Sex in Berlin nach wie vor zu finden ist, weiß man auch beim Senat, wie aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe hervorgeht. Luthe wollte darin unter anderem wissen, ob der „der Senat davon ausgeht, dass in Berlin gegenwärtig gar keine Prostitution stattfindet.“ Die ebenso steife wie eindeutige Antwort  der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung: „Der Senat geht nicht davon aus, dass aktuell in Berlin keine Prostitution stattfindet.“

Für den Innenexperten ist damit klar, dass „ein Pauschalverbot der Prostitution sachlich nicht begründet und auch nicht zu erklären“ sei. Zudem habe der Senat mit seiner Antwort zugegeben, „dass die illegale Prostitution ohne Gesundheitsschutz, ohne Gewaltschutz und zu Gunsten der Organisierten Kriminalität aktuell boomt. Während die sauberen Anbieter pleitegehen, machen die Kriminellen Kasse.“

In diesem Zusammenhang wollte Luthe wissen, ob sich die Ansteckungsgefahr mit Corona im Bordell statt mit einem rigorosen Prostitutionsverbot „nicht durch anderweitige Maßnahmen eindämmen oder gar ausschließen“ lasse. Dazu heißt es in der Antwort der Senatsgesundheitsverwaltung:„Aus Sicht des Senats lassen sich in der aktuellen Situation aus epidemiologischer Sicht vorerst keine weiteren Maßnahmen im Sinne des Infektionsschutzgesetzes begründen.“ Mögliche „Lockerungsmaßnahmen in der Erotikbranche“ sollten zudem stets „unter epidemiologischen Aspekten geprüft werden.“

Schlechte Laune und Reizbarkeit wegen fehlendem Sex

Auch Felicitas Schirow, Deutschlands bekannteste Prostituierte und seit Jahrzehnten unermüdliche Kämpferin für die Rechte und die gesellschaftliche Anerkennung von Sexarbeiterinnen sieht im Zusammenhang mit dem derzeitigen Prostitutionsverbot große Probleme. Sie vertritt die Ansicht, dass zwischenmenschliche Konflikte innerhalb der Gesellschaft noch deutlich zunehmen werden, wenn die Bordelle geschlossen bleiben. Sie sagt dem KURIER: „Wenn ein Mensch es gewohnt ist, Sex zu haben und dann plötzlich keinen mehr bekommt, bringt das sein inneres Gleichgewicht ordentlich durcheinander.“ Schlechte Laune, Reizbarkeit und Streitlust sind nach ihren Worten die Folge.  

Zudem fühlt auch sie sich als Prostituierte wie auch als Frau diskriminiert, wenn „durch das anhaltende Verbot unserer Arbeit  in der Öffentlichkeit der völlig falsche Eindruck entsteht, Huren seien Virenschleudern.“ Und während Bordelle, in denen Menschen sich zu zweit aufeinander einlassen würden, geschlossen bleiben müssten, seien Groß-Demos wie zuletzt am Alexanderplatz erlaubt. Hier werde „mit zweierlei Maß gemessen, auch auf Kosten der Frauen, die einfach nur wieder arbeiten wollen.“

Das will auch Lena. Dem KURIER sagt sie kämpferisch: „Ich suche momentan noch nach einem passenden Anwalt. Und dann geht es los!“