Unzählige Schausteller protestierten am Donnerstag in Köpenick, fuhren mit ihren Lkw durch den Bezirk. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Mit unzähligen Lkw fuhren sie durch Köpenick, um auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen: Berlins Schausteller. Sie wollen, dass sich ihre Karussells wieder drehen, damit sie wieder Geld verdienen können. Doch Volksfeste gibt es wegen der Corona-Pandemie noch immer nicht. Auf der Kundgebung gab es dann einen Vorschlag, der sogar bei Treptow-Köpenicks Bezirksbürgermeister Oliver Igel Anklang fand.

Öffnet der stillgelegte Spreepark bald wieder seine Pforten? Es könnte passieren – zumindest, wenn es nach Berlins Schaustellern geht. Recht spontan kam bei der Kundgebung nach ihrer Demonstration vor dem Rathaus Köpenick ein spannender Vorschlag auf den Tisch: Wäre es nicht möglich, den Karussell- und Budenbetreibern der Stadt im stillgelegten Freizeitpark Flächen anzubieten, einen Rummel auf Zeit zu installieren?

Der Spreepark (hier: 1999) ist seit Jahren geschlossen – doch nun könnte hier, früher als gedacht, wieder Leben einziehen. Foto: imago/Lem

Oliver Igel, der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, reagierte angetan. „Ich finde den Vorschlag sehr charmant. Wir bemühen uns seit Jahren darum, dass dort wieder etwas passiert, dass endlich wieder Angebote für Familien gemacht werden“, sagt er. Gibt es also bald wieder Rummel im Plänterwald? „Warum nicht? Man ist dort schon weit, was die Beräumung des Geländes betrifft“, sagte Igel auf KURIER-Nachfrage. „Ich denke, dass es  Möglichkeiten gibt, kurzfristig Flächen zu nutzen, vielleicht auch noch in diesem Jahr. Es wäre ein wichtiges Signal. Und ich war mehrfach da – dort ist so viel Platz, so viel Wiese.“ 

Auf KURIER-Nachfrage bei der Grün Berlin GmbH, die das Gelände verwaltet, verweist man an die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Hier wird die Idee abgelehnt. Schon aus Sicherheitsgründen komme das Gelände nicht dafür infrage. „Die erhaltenen Fahrgeschäfte und Gebäude des früheren Vergnügungsparks, die für das künftige Nutzungskonzept des Spreeparks erhalten bleiben sollen, müssen verkehrssicher hergerichtet werden“, teilt  Sprecherin Dorothee Winden mit. Derzeit sei das Betreten nur im Rahmen von Führungen möglich.

Für Berlins Schausteller wäre ein solcher Vorstoß aber eine Hilfe – sie leiden unter der Corona-Krise. „Wir haben ein Berufsverbot – und das seit Anfang des Jahres“, sagt etwa Karussell-Betreiber Bernhard Schaffelt (38). Viele, die ihr Geld mit Fahrgeschäften verdienen, müssten um ihre Existenz kämpfen. Das Problem: Die Schausteller sind mit ihren Geschäften oft nur in den warmen Monaten im Einsatz und erwirtschaften in dieser Zeit das Geld, um über den Winter zu kommen. Ein Polster, das in diesem Jahr fehlt. „Wir haben aber im vergangenen Winter natürlich unsere Fahrgeschäfte auf Vordermann gebracht, ich habe mein Kinderkarussell komplett auf LED umgerüstet. Doch dann, als wir wieder in die Saison gestartet wären, kam Corona. Die Ersparnisse sind jetzt aufgebraucht.“

Bernhard Schaffelt (38) mit seiner Tochter Kimberly (14) – ihr Karussell steht seit Monaten still. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Die Verzweiflung ist riesig, auch bei vielen Kollegen. Jacqueline Hainlein-Noack (58) betreibt ein Karussell namens „Breakdance“, das jeder Rummel-Fan kennt. „Viele Schausteller haben ihr letztes Geld bei den Weihnachtsmärkten im Dezember verdient“, sagt sie dem KURIER. Seit 30 Jahren sei sie selbstständig, habe immer davon leben können. „Ich möchte mit meiner Hände Arbeit wieder Geld verdienen. Und die ganze Situation greift auch die Psyche an. Wir sind es gewohnt, die Menschen zu unterhalten. Aber jetzt fühlen wir uns nicht mehr gebraucht. Das ist schlimm.“

Jacqueline Hainlein-Noack betreibt ein Kult-Karussell, ihr Neffe Philipp Noack verkauft Süßigkeiten – beide wollen endlich wieder arbeiten. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Man habe bereits Hygiene-Konzepte entwickelt, alles durchdacht. Besucherführung, Desinfektion der Fahrgeschäfte, Masken-Pflicht – all das sei auch auf einem Rummel umsetzbar. Was bisher fehlt, ist ein Signal aus der Politik. Wichtig ist den Schaustellern, dass sie keine finanziellen Hilfen fordern. „Geld ist das eine. Aber eigentlich wollen wir nur unser Leben zurück“, sagt Thilo-Harry Wollenschlaeger, der in den vergangenen Jahren unter anderem das Deutsch-Amerikanische Volksfest organisierte. „Wir erwarten jetzt die großzügige Bereitstellung von Freiflächen. Warum kann man uns nicht ein kleines Areal auf dem Tempelhofer Feld überlassen? Es macht uns wütend, dass sich keine Lösung findet. Denn, wenn man möchte, gibt es viele Möglichkeiten.“